Heft Nr. 12/2015: HR-Debatte

Bonus gegen das Blaumachen?

Während Silvia Joost, Leiterin Personaldienste des Energiedienstleisters IBAarau, seit der Einführung 
einer Anwesenheitsprämie die Kurzabsenzquote im Unternehmen um 50 Prozent gesenkt hat, warnt Bruno Geiger, Inhaber der Beratungsfirma Geiger Evolution, vor gesundheitlichen Langzeitfolgen.

Silvia Joost

Abwesenheiten durch Krankheit oder Unfall verursachen in Unternehmen grossen Schaden – nicht nur wirtschaftlicher Art, sondern auch in Bezug auf die Mitarbeitermotivation. Die IBAarau führt zwar ein gut funktionierendes Absenzen- und Gesundheitsmanagement, dennoch verzeichnete unser Betrieb in den letzten Jahren eine zunehmende Anzahl von Kurzabwesenheiten von einem bis zwei Tagen. Für die Teamkollegen bedeutete 
dies eine Doppelbelastung: Einerseits mussten sie die Arbeit des fehlenden Arbeitskollegen übernehmen, andererseits erschwerten die kurzfristigen Personalausfälle die Einsatzplanung. Per 1. Januar 2014 führten wir deshalb eine Anwesenheitsprämie ein, um Mitarbeitende zu belohnen, die nicht bei der Arbeit fehlen, und um unser Personal allgemein für das Thema stärker zu sensibilisieren.

Als Arbeitgeberin stellt die IBAarau ihren Mitarbeitenden einen Anwesenheitsbonus in Aussicht, wenn diese in einem Jahr keine Ausfälle durch Krankheit zu verbuchen haben. Im ersten absenzfreien Jahr erhält der Mitarbeitende 300 Franken, im zweiten 400 Franken und im dritten aufeinanderfolgenden Jahr 500 Franken Bonus. Dieses Angebot gilt  für Mitarbeitende und Lernende. Dem Arbeitnehmer entsteht dadurch kein finanzieller Nachteil – hingegen kann er sich durch eine beständige Arbeitsanwesenheit einen finanziellen Vorteil verschaffen.

Ein Blick auf die Zahlen zur Entwicklung der Absenzen im Vergleich zu den Vorjahreswerten zeigt, dass in diesem Betrachtungszeitraum ein kontinuierlicher Rückgang bei den Abwesenheiten zu verzeichnen ist. Die Absenzen sanken insgesamt um 32 Prozent, die Kurzabsenzen sogar um über 50 Prozent. Die Werte sind unverändert rückläufig, allerdings handelt es sich immer noch um einen relativ kurzen Betrachtungszeitraum. Die weitere Entwicklung werden wir im Fokus behalten, um die Nachhaltigkeit dieser Massnahme sicherzustellen. Einigkeit besteht bei uns darüber, dass der Anwesenheitsbonus nicht dazu führen darf, dass Mitarbeitende krank zur Arbeit kommen. Vorgesetzte und Teamkollegen sorgen dafür, dass dies eingehalten wird.

Wir haben jedoch festgestellt, dass niemand zur Arbeit erscheint, wenn er wirklich krank ist. Abschliessend ist zu sagen, dass die Mitarbeitenden positiv auf die Einführung des Anwesenheitsbonus reagiert haben, denn diese Massnahme hat nicht nur für weniger Krankheitsausfälle und sinkende Kosten gesorgt, sondern auch die Motivation der Mitarbeiter verbessert: Die Zusatzbelastung durch plötzliche Kurzabsenzen der Kollegen fällt weg, was sich positiv auf die Gesundheitsbilanz des ganzen Unternehmens auswirkt. Dank dem Anwesenheitsbonus können wir also gleichzeitig die betriebliche Gesundheit fördern und den langfristigen Erfolg des Unternehmens unterstützen.

 

Bruno Geiger

Ein Bonus für hundertprozentige Präsenz am Arbeitsplatz verleitet Mitarbeitende, die krank sind, am Arbeitsplatz zu erscheinen. Arbeiten sie trotzdem, weisen diese Mitarbeitenden oft eine verminderte Konzentrations- und Leistungsfähigkeit auf, verursachen höhere Fehlerquoten und führen ihre Arbeit in sinkender Qualität aus. Zudem steigt die Ansteckungsgefahr für die anderen, noch gesunden Mitarbeitenden.

Mit einem Bonus gegen das Blaumachen werden somit Mitarbeitende belohnt, die dem Unternehmen, den Arbeitskolleginnen und -kollegen und vielleicht sogar den Kunden einen Schaden zufügen. Zusätzlich übt die Einführung eines solchen Bonussystems einen immensen Druck auf die Belegschaft aus. Haben Sie ein Absenzenmanagement aufgebaut, diese Massnahmen kontrolliert, überprüft und optimiert? Dann belassen Sie es bei diesen Begleitmassnahmen und vergessen Sie den Bonus. Arbeitsanreize in schlechtem Gesundheitszustand zu etablieren heisst auch, das Durchbeissen bei Anzeichen und Symptomen eines Burnouts zu fördern.

Der Medikamentenkonsum zur Leistungssteigerung ist weit verbreitet und die Zahl der Menschen, die mit ganz verschiedenartigen «psychosomatischen» Symptomen aus dem Arbeitsprozess ausscheiden, ebenfalls. Ist es demnach wirklich zu verantworten, mit einem äusserst fragwürdigen Bonusanreiz diesen Entwicklungen noch weiter Vorschub zu leisten? 

Die Absenzenrate ist mit der Qualität der effektiv gelebten Unternehmenskultur gekoppelt. In Unternehmen, wo Wertschätzung, Ehrlichkeit, Fairness sowie vorbildliches Führungsverhalten zur Norm gehören, sind auch die Absenz- und Krankheitsraten tief. Motivierte, zufriedene, geführte und geforderte Mitarbeitende bleiben nicht einfach so am Montagmorgen zu Hause und «feiern blau».

Unternehmen und deren Führungskräfte haben die Aufgabe und Verantwortung, ihre Mitarbeitenden zu führen, zu fordern, zu fördern und somit «marktfähig» zu halten. Führen braucht Zeit. Mitarbeitende zu führen, zu betreuen und zu fördern geht nicht «nebenbei».  Führung braucht Konzentration, Engagement, Freude und Herzblut. Das heisst ganz konkret, dass Vorgesetzte  ihre Mitarbeitenden zu beobachten haben, um zu merken, ob es ihrer Crew «wohl» ist oder ob es Probleme – welcher Art auch immer – gibt.

Investieren Sie in kompetente Führung und motivierte Mitarbeitende und geben Sie Ihren Führungskräften auch Zeit für die Führung. Investieren Sie also in Zeit und nicht in die Auszahlung von Boni. Der unmittelbare Nutzen in der Zufriedenheit der Belegschaft, Ihrer Lieferanten und Kunden zeigt sich im Unternehmenserfolg. Dieser wird um ein Vielfaches höher sein als die erzielten «Krankheitseinsparungen» mit einem fragwürdigen Bonus.

Kommentieren0 Kommentare

Silvia Joost ist Leiterin Personaldienste der IBAarau AG. Das Energieversorgungsunternehmen beschäftigt rund 300 Mitarbeitende und setzt sich aktiv für Klimaschutz und Energieeffizienz ein.

Weitere Artikel von Silvia Joost

Bruno Geiger ist Inhaber des Beratungsunternehmens Geiger Evolution. Er begleitet Unternehmen und Privatpersonen als Sparring-Partner in ihrer Entwicklung und bei der Umsetzung ihrer Vision und Strategie.

Weitere Artikel von Bruno Geiger

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren