Lernen

Das Lernen bahnt sich neue Wege

Neue Lernformen haben in den letzten Jahren die Methoden des Wissenstransfers stark verändert. Wissen wird viel häufiger und vor allem viel einfacher geteilt. Von diesem Trend können auch Unternehmen profitieren.

Die Grenzen des formellen Lernens und des informellen Wissensaustauschs verwischen sich zunehmend: In der Folge wächst das private und geschäftliche Lernen in innovativen Unternehmen immer mehr zusammen. Dank virtueller Netze und Gemeinschaften im Internet wird Wissen geteilt und grosszügig weitergegeben. Damit auch Unternehmen von diesem Trend profitieren können, müssen sie eine gewisse Offenheit und Flexibilität an den Tag legen. Aber es lohnt sich, denn letztlich wirkt es sich positiv auf die Wertschöpfung einer Unternehmung aus, wenn mehrere Köpfe ihre Ideen gemeinsam generieren und entwickeln.

«Weiterbildung hiess bis vor Kurzem, dass man zwei Tage extern an einen Kurs ging. Heute findet das Lernen stärker am Arbeitsplatz in Form von Blended Learning statt», sagt Daniel Stoller Schai, Leiter des Fachbeirates der Fachtagung Swiss E-Learning Conference (SeLC) an der Personal Swiss. Und zwar situationsbezogen dann, wenn eine Frage oder ein Problem auftaucht.

Fachleute gehen davon aus, dass man in Zukunft vermehrt nicht nur private, sondern auch berufliche Informationen über Blogs und Foren im Internet holen wird. «Gerade mit den neuen Mobile Devices wie etwa dem Smartphone sind neue Dynamik, Transparenz und zugleich Produktivität in das Lernen gekommen, die es so vorher nicht gab», sagt Andreas König, Leiter des Zentrums Neues Lernen der School of Management an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Fachbeirat der SeLC. Er sieht das Potenzial noch lange nicht ausgereizt. «Ob und inwieweit die Organisationen es vermögen, ihre Strukturen darauf einzustellen, ist ein anderes Thema.»

Fallbeispiel Swiss Re

Einer der Trends ist es, den Stoff in kleinen Lernhäppchen zugänglich zu machen. «Kleinere Lerneinheiten, über eine längere Zeit verteilt, und möglichst dann, wenn man sie braucht, sind bei Swiss Re wichtige Kernelemente», sagt Remo Steinmetz, Head Technical Training bei Swiss Re, wo das Lernen ebenfalls zunehmend am Arbeitsplatz geschieht. «Mit unserer globalen Präsenz geht dies nur mit digitalen, vernetzten Lernmethoden wie Blended Learning, Selbstbedienung mit E-Learning-Kursen oder virtuellen Klassenzimmern basierend auf der internen Web-2.0-Kollaborationsplattform.»

Als Hauptmotivation für die Einführung von neuen Lernformen nennt Steinmetz das Ziel, alle wesentlichen Lerninhalte global zugänglich zu machen und dabei trotzdem die Ausbildungskosten im Griff zu haben. Dabei seien digitale Ausbildungsprogramme per se nicht billiger: «Die Haupteinsparungen ergeben sich aus geringeren Reisekosten und weniger Zeitaufwand für die Lernenden.»

Viele grosse Unternehmen setzen auf firmeninterne Netzwerke, um den Mitarbeitenden unternehmensrelevante Informationen und Anwendungen zugänglich zu machen und zu teilen. Wie bei den frei zugänglichen sozialen Netzwerken des Internets können sich Mitarbeitende auch in den firmeneigenen Netzen frei bewegen, Kontakte knüpfen und sich austauschen. Damit, so Remo Steinmetz, würden organisatorische Grenzen innerhalb der Firma überbrückt: «Innovationen entstehen häufig in Grenzbereichen von Disziplinen oder Organisationseinheiten.»

Fallbeispiel Credit Suisse

Bei der Credit Suisse hat der Anteil der neuen Lernformen in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. «Die Vorteile der neuen Lernformen liegen darin, dass Inhalte einfach, zeitlich unabhängig und rasch verbreitet werden können», erklärt Markus Simon, Leiter Virtual Campus der Credit Suisse.

Auch die hohe Verfügbarkeit nennen die Lernenden oft als Plus. Weiter nutzt die Grossbank für den Wissenstransfer interne soziale Netzwerke mittels Sharepoint-Seiten oder vereinzelt auch firmeninterner Blogs. Der Gebrauch von externen sozialen Netzwerken ist bei Credit Suisse geregelt: Professionelle Netzwerke wie etwa LinkedIn, Xing oder auch Twitter können genutzt werden. Die Seite von Facebook ist für die Mitarbeitenden am Arbeitsplatz nicht zugänglich. Auch die Swiss Re erlaubt ihren Angestellten lediglich den Zugriff auf businessrelevante externe soziale Netzwerke.

Andreas König von der ZHAW sieht ein grosses Potenzial im informellen Lernen, wie es beispielsweise das Teilen von Wissen im World Wide Web darstellt. «Leider wird das informelle, mobile und kollaborative Lernen aus meiner Sicht von den Organisationen noch kaum wahrgenommen.» Das Wichtigste an den Lerntechnologien der Web-2.0-Generation sind für König die Produktivität und das Potenzial, die sie in Bezug auf Kreativität, Vernetzung, Innovation und Internationalität beinhalten.

Dass das informelle Lernen in Betrieben oft beschränkt wird, bedauert Andreas König. «Ich höre immer wieder von Executive-Master-Studenten, dass sie in der Firma keinen Zugriff auf Netze wie Ning, Xing oder Facebook haben. Man geht wohl davon aus, dass diese Spass und Freizeit bedeuten, nicht Arbeit. Hier braucht es sicher noch mentale und unternehmenskulturelle Entwicklungsarbeit», so Andreas König.

Fallbeispiel IBM

Keinerlei Einschränkungen beim Internetzugang gibt es bei der Firma IBM, die über viel Erfahrung mit interaktiven Lernformen verfügt. In manchen Fällen sei es sogar wünschenswert, dass Mitarbeiter das gesamte Internet als Informationsquelle zur Verfügung haben, wie Stephan Kunz, Centre for Learning & Development bei der IBM, festhält. Je nach Fragestellung könne es sinnvoll sein, wenn die Mitarbeitenden auf Internetseiten wie Wikipedia oder auf einen externen Blog gehen, um eine Information zu erhalten, die intern vielleicht nicht zur Verfügung stehe. «Wir setzen ein hohes Mass an Selbstverantwortung voraus. Was am Ende zählt, ist die Leistung», so Kunz.

IBM-Mitarbeitende treffen einander in virtuellen Communities – geschäftsinternen oder externen –, tauschen sich aus und lernen so voneinander. Aber auch Kunden und externe Interessierte haben die Möglichkeit, die virtuellen Räume der IBM zu betreten und sich Wissen anzueignen. Die virtuellen Communities setzt IBM nicht nur in der Personalentwicklung ein, sondern auch im Ideenmanagement oder in der Rekrutierung. Stephan Kunz: «Wir führen regelmässig Innovation Jams durch, zu denen wir auch Kunden und Wissensträger von Universitäten einladen, um über ein Thema zu diskutieren.» Aus diesen moderierten, virtuellen Diskussionsrunden seien schon neue Kundenangebote oder Businessmodelle entstanden.

Diese Formen der Interaktion und Interaktivität sind gemäss Andreas König ein Beispiel dafür, wie neues Lernen aussehen kann: «Lernen wird in Zukunft neu definiert werden, da die Inhalte des neuen Lernens offen sind. Es findet künftig näher am eigentlichen Geschäftsgeschehen statt, im Gespräch mit Kollegen, Lieferanten, Mitarbeitenden und Vorgesetzten.»

Der Einsatz von interaktiven Kommunikations- und Lernmethoden werde in Zukunft eine Voraussetzung für den Erfolg sein. Auch Daniel Stoller ist überzeugt, dass in Zukunft nur die Firmen erfolgreich sein werden, die mit bestehenden und potenziellen Kunden sowie der Öffentlichkeit in einen Austausch und Dialog treten: «Die Unternehmen müssen lernen, damit umzugehen, dass die Mitarbeitenden und die Kunden mehr mitreden.»

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Susanne Wagner ist freie Journalistin.

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