Sommerserie 2018

«Wir sind totale Smartphone-Junkies»

Kann man sich gegen die stetige digitale Erreichbarkeit schützen, ohne gleich als Technikfeind oder Fortschritt-Skeptiker zu gelten? Ein Interview mit Stil-Kolumnist und NZZ-Autor Jeroen van Rooijen.

Als wir Jeroen van Rooijen für ein Interview kontaktierten, erhalten wir folgende Abwesenheitsnotiz: 

«Guten Tag. Danke für Ihre Nachricht. Ich versuche gerade, meine digitale Abhängigkeit etwas zu verringern und beantworte meine E-Mails daher nur noch einmal täglich, und zwar vor 10 Uhr morgens. Ich hoffe, Sie mögen so lange warten. Wenn es dringender ist, greifen Sie doch bitte zum Telefonhörer.»

Herr van Rooijen, Ihre Antwort erhielt ich um 16.45 Uhr – ohne zum Telefonhörer gegriffen zu haben. Sie halten sich also nicht strikte daran, nach 10 Uhr keine E-Mails mehr zu beantworten?

Jeroen van Rooijen: Die automatische Antwort entbindet mich wenigstens für einen Moment von dem unguten Gefühl, stets und sofort antworten zu müssen. Es ist eine emotionale Reserve. Und vielleicht hält sie auch einige Bittsteller davon ab, zwei Stunden nach dem Versand der PR-Nachricht zum Telefon zu greifen um «nachzuhaken», ob man die Nachricht auch wirklich bekommen und gelesen habe.

Und wie kam es dazu? 

Ich habe diese Antwort schon eine ganze Weile eingeschaltet. Ursprünglich war es eine Notwehr gegen den stets zunehmenden Schwall von ungebetenen E-Mails, die täglich eintreffen. Es war irgendwann einfach nicht mehr zu bewältigen, ich hätte hauptberuflich E-Mails beantworten können und die Zeit hätte noch immer nicht gereicht. PR-Agenturen sind ganz unbarmherzig hinter einem her, wenn man etwas in den Medien macht. Sie bedrängen einen auch ungefragt auf dem privaten Mail-Account. Deshalb wollte ich einen Puffer schaffen und auch ein bisschen Bewusstsein einfordern.

Denken Sie dann wenigstens nach 10 Uhr nicht mehr an Ihre E-Mails?

An dieser Reifestufe arbeite ich weiterhin hart.

Greift tatsächlich jemand zum Telefonhörer?

Oft. Aber ich nehme das Telefon nur ab, wenn es grad passt. Und das tut es oft nicht. Ich telefoniere nicht gerne in Gesellschaft anderer Leute, in der S-Bahn, im Tram oder beim Mittagessen. Ich habe generell das Gefühl, das Telefonieren total aus der Mode gekommen ist. Alle mailen und texten, niemand spricht mehr – auch wenn das überhaupt nicht effizient ist. Oft wäre ein Gespräch ergiebiger und kürzer.

Wir sind schon mitten in der Thematik des Digital Detox. Aber was ist das eigentlich genau?

Beim Digital Detox geht es darum, sich bewusst zu werden, welche Folgen die digitale Permanenz für die innere Balance hat und wie extrem abhängig wir alle innert kurzer Zeit geworden sind. Wir sind totale Smartphone-Junkies geworden. Damit es wirklich funktioniert, muss man sich dieses Umstandes bewusst werden und Gegenmassnahmen ergreifen. Oft ist ein radikaler Wandel in der Lebensführung notwendig.

Warum ist Digital Detox wichtig für unsere Ausgeglichenheit?

Weil Smartphones, E-Mails und Messenger einen wahnsinnig machen! Weil man durchdreht, wenn man nicht mehr zur inneren Ruhe kommt. Weil diese Geräte uns sonst auffressen. Weil das Leben an einem vorbeizieht, während man auf einem Bildschirmchen herumfummelt.

Seit wann und warum ist Digital Detox ein Thema?

Das Thema steckt noch total in den Kinderschuhen – alle finden es irgendwie «wichtig», aber noch kaum jemand handelt entsprechend. Entsprechende Konferenzen finden kaum Publikum, eine NZZ-Zeitungsbeilage zum Thema war der kommerzielle Rohrkrepierer. Man gerät ja auch leicht in den Verdacht, ein Technikfeind und Fortschritt-Skeptiker zu sein. Das ist stigmatisierend. Ich denke dennoch, dass das Thema in den kommenden Jahren noch richtig wichtig und gross wird. 

Wie viel zusätzlicher Zeitaufwand braucht Digital Detox?

Idealerweise braucht es nicht Zeit, sondern gibt einem Zeit. Man muss ja nichts Zusätzliches tun, sondern nur mal abschalten, ausschalten, wegschauen, Ruhe zulassen und schweigen. Ein guter Anfang wäre es, auf Social Media die Klappe zu halten. Was man dort an Lebenszeit verplappert und verdaddelt, ist ein Riesenstuss. Und man wird noch nicht mal glücklicher oder sozialer dabei.

Welche positiven Folgen hat Digital Detox auf unsere Leistungsbereitschaft?

Vielleicht geht es gar nicht darum, «leistungsbereiter» zu werden? Wir sind ja schon im Normalbetrieb voll auf Hochleistung getrimmt. Vielleicht wäre es richtig, stattdessen auch mal Leistung runter zu schrauben, Dinge nicht zu tun? Im Idealfall wird man ein gelassenerer und feinerer Mensch, wenn man es richtig macht.

Könnte Digital Detox auch positive Effekte für den Arbeitgeber haben?

Kann sein. Oder auch nicht. Denn der Arbeitgeber will ja, dass man 24/7 «on the job» ist und ermutigt die Menschen dazu, die E-Mails auch auf dem eigenen Smartphone dauernd zu checken. In gewissem Sinne läuft Digital Detox den Interessen einer Firma entgegen. Dennoch gibt es Gegenthesen: Firmen, die den Mailserver nachts und an Wochenenden abschalten, haben meinen grössten Respekt.

Welches sind die negativen Folgen, wenn man auf Digital Detox verzichtet?

Ich denke, dass man irgendwann ausbrennt und durchdreht. Man kann nicht stets volle Pulle auf Empfang sein. Sogar ein Transistorradio macht dann irgendwann schlapp. Auch die «Maschine Mensch» braucht ein Mindestmass an Pausen und Regeneration. Das sind ganz einfache Bedürfnisse, die immer schwerer zu erfüllen sind.

Wie konkret sorgen Sie persönlich für Ihr Digital Detox?

Ich habe es aufgegeben, E-Mails noch beantworten zu wollen. Ich lasse sie alt werden, wie ein reifer Käse, und hoffe, dass sie dann davonlaufen. Manches, das total dringend scheint, erledigt sich durchs Nichtstun von selbst. Mit dem Smartphone kämpfe ich noch, es hat mich sehr versklavt. Dabei regt mich seine sinkende Leistungsbereitschaft (müde werdender Akku) sehr auf. Dieses Ding leistet sich lässig Detox – und ich stehe im Abseits! 

Und was tun Sie für Ihre Work-Life-Balance?

Ich versuche, mir Zeit zu nehmen für die Natur, für Sport und fürs Handwerk. Ich habe wieder mehr Freude am Haptischen, das nicht über einen Screen zu erfahren ist. Aber wie gesagt: Ich bin auch noch immer am Suchen nach Strategien zum Entgiften, meine Aussagen sind die eines Schwersüchtigen, der erst gerade zur Rehab eincheckt.

Ihre Geheimtipps betreffend Digital Detox und Work-Life-Balance an uns?

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Zur Person

Jeroen van Rooijen ist Autor und der profilierteste Stil- und Modeexperte der Schweiz. Das Magazin GQ Germany wählte ihn auf den Platz 1 der bestangezogenen Männer der Schweiz. Er führt Workshops, Referate und Moderationen.

 

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Redaktorin, HR Today. mv@hrtoday.ch

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