Fachtagung Stress, Burnout, Depression

«In vielen Firmen sind psychische Probleme ein Tabu»

Die Krankschreibungen aus psychischen Gründen haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Im Vorfeld der Fachtagung «Stress, Burnout, Depression» der Werner Alfred Selo Stiftung erläutert Referent und Arbeitsmediziner Urs Hinnen, was die Warnzeichen sind und wie man mit psychisch belasteten Mitarbeitern am besten umgeht.

Jeder fünfte Arbeitnehmer leidet unter psychischen Erkrankungen. Fehlt ein Mitarbeiter wegen körperlichen Krankheiten im Durchschnitt elf Tage, sind es bei psychischen Störungen 37 Tage: Probleme im Bereich der psychischen Gesundheit führen nicht nur zu häufigeren, sondern auch zu längeren Fehlzeiten. Die Kosten von psychischen Erkrankungen sind enorm und belaufen sich auf über 15 Milliarden Franken pro Jahr. Über die Hälfte davon sind indirekte Folgekosten wie Produktivitätseinbussen, Arbeitsausfall und Frühpensionierung. Doch kaum jemand getraut sich zuzugeben, dass er psychische Probleme hat. Höchste Zeit, das Tabu zu brechen, wie Arbeits- und Präventivmediziner Urs Hinnen gegenüber hrtoday.ch erläutert.

Herr Hinnen, psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz nehmen zu. Was sind die Warnzeichen?

Urs Hinnen: Es kommt häufig zu Verhaltensauffälligkeiten. Ist jemand depressiv oder hat er ein Burnout, so wird er unter Umständen ruhiger, zieht sich zurück, ist möglicherweise schneller gereizt. Gelegentlich werden  gehäufte Absenzen beobachtet, manchmal auch ein Nachlassen der Leistung. Wenn man die Person kennt, fällt das auf.

Wie kommt es überhaupt zu psychischen Belastungen?

Es kann für Mitarbeiter zum Beispiel sehr belastend sein, wenn sie nie Wertschätzung erfahren, unklare Anweisungen und kein Feedback zu ihrer Arbeit erhalten, zu viel zu tun haben oder mangels Unterstützung überfordert sind. Auch Konflikte sind sehr schädlich für die Psyche und können die Würde und sogar die persönliche Integrität verletzen, insbesondere dann, wenn ein barscher Umgangston oder ein schlechtes Arbeitsklima herrscht.

Zur Person

Dr. med. Urs Hinnen ist Arbeits- und Präventivmediziner am AEH Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene AG in Zürich. An der Fachtagung «Stress, Burnout, Depression: Kein Tabu am Arbeitsplatz» (vgl. unten) referiert er zum Thema «Reden oder schweigen über psychische Krankheiten? Frühintervention im Betrieb richtig angehen.»

Was sind die Folgen von psychischen Problemen?

Ein Burnout oder eine Depression kann sich entwickeln,  es kann aber auch zu Schlafstörungen oder Suchtproblemen kommen: Alkohol- oder Tablettensucht. Psychisch angeschlagene Personen können auch unkontrollierbare Ängste entwickeln: Angst, an den Arbeitsplatz zu gehen, Angst, mit gewissen Leuten zusammenarbeiten zu müssen, etc.

Wie geht man mit psychisch kranken Mitarbeitern am besten um?

Psychische Krankheiten werden immer noch stigmatisiert und Probleme gerne ignoriert. In vielen Firmen sind psychische Erkrankungen immer noch ein Tabu, gleichzeitig haben aber immer mehr Unternehmen Probleme mit psychisch kranken Mitarbeitern. Es besteht ein grosser Informationsbedarf und die Problematik muss noch besser bekannt gemacht werden. Deshalb ist die Kommunikation so zentral: Der Vorgesetzte sollte eine Person, die sich auffällig zurückzieht, ansprechen und ihr behutsam mitteilen, dass man sich Sorgen macht und ihr ungewöhnliches Verhalten aufgefallen ist. Wichtig ist, einen guten Ton zu treffen, ein Hilfsangebot machen und zu signalisieren, dass man sich kümmert. Lehnt die betroffene Person das Gespräch ab, muss man das akzeptieren.

Welches Verhalten wäre falsch?

Wenn man das Problem einfach ignoriert und nicht darüber spricht. Ein Gespräch ist zentral. Dafür muss aber auch die Philosophie im Unternehmen stimmen. Ein guter Betrieb hat eine Policy bezüglich des Umgangs mit Mitarbeitern, die ein Problem haben.

Welche Rolle kommt dem HR zu?

Die Personalabteilung muss die Policy zum Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitern erstellen, um für solche Fälle vorbereitet zu sein. Sie muss auch dafür sorgen, dass die betroffene Person Hilfe bekommt, am besten von einer aussenstehenden Anlaufstelle, die von den Betroffenen für einen ersten Kontakt auch anonym angegangen werden kann. Auch die AEH hat eine solche Anlaufstelle. Das HR hat also eine ganz zentrale Funktion. Statt des Vorgesetzten kann auch jemand vom Personaldienst das Gespräch mit dem betroffenen Mitarbeiter suchen. Es ist für die Arbeitnehmer wichtig zu wissen, dass sie jemanden zum Reden haben.

Welche Massnahmen sollte ein Unternehmen ergreifen?

In vielen Fällen braucht der Betrieb professionelle Unterstützung, zum Beispiel durch den Betriebs- oder Arbeitsarzt. Der Arzt soll sich über die gesundheitliche Situation des Betroffenen ins Bild setzen und abklären, inwieweit das Arbeitsumfeld für die Problematik eine Rolle spielt. Bei Verdacht auf ein psychisches Krankheitsbild kann er mit Einverständnis des Mitarbeiters eine psychiatrische Abklärung veranlassen. Häufig ist ein Coaching durch eine psychologisch geschulte Fachperson eine wirkungsvolle Massnahme.

Wie geht es dann weiter?

Manchmal muss man jemanden nur kurzfristig stützen und ihn coachen, wie er mit der Situation umgehen kann. Je nach Sachlage sind weitergehende Massnahmen nötig. Falls das Problem im Betrieb liegt, muss der Arzt auf die Firma zugehen und ihr mitteilen, dass Handlungsbedarf besteht. Generell ist es sinnvoll, mit dem Betrieb das Gespräch zu suchen.

Fachtagung «Stress, Burnout, Depression: Kein Tabu am Arbeitsplatz»:
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Psychische Belastungen am Arbeitsplatz nehmen zu. Immer mehr Berufstätige fühlen sich gestresst und ausgebrannt. Viele verschweigen jedoch ihr Leiden – aus Scham und Angst vor einem Karriereknick oder dem «Psycho-Stempel». Das Stigma wiegt schwer: Nur jeder vierte Betroffene wagt es, sich gegenüber Vorgesetzten zu outen, und nur jeder Zehnte spricht mit Arbeitskollegen über psychische Probleme.

Die Werner Alfred Selo Stiftung möchte mit der Fachtagung zum Thema «Stress, Burnout, Depression: Kein Tabu am Arbeitsplatz» das Schweigen brechen. Die Referenten kennen die Herausforderungen von Grossbetrieben und KMU im Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitenden. Sie zeigen Zusammenhänge von Arbeit und psychischer Gesundheit auf und geben Hilfsmittel für den Arbeitsalltag mit.

Informationen

Wann Dienstag, 1. Juli 2014, 9.00 - 17.30 Uhr
Wo Gemeindesaal Baar, Marktgasse 10, Baar
Kosten CHF 250 für Ärzte und Fachpersonen, CHF 50 für Betroffene und Studierende (inkl. Verpflegung)
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Anmeldung www.selofoundation.ch

 

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