HR Today Nr. 12/2018: Porträt

Die Vielseitige

Mal ist sie Coach, mal Interims-Managerin, mal HR-Beraterin: Linda Schnell lässt sich nicht in eine Job-Schublade pressen. Sie ist das, was sie gerade sein muss – je nach Auftrag. Bevor sie sich mit ihrer One-Woman-Beratung Schnell Zeit Weise selbstständig machte, hatte Linda Schnell durchaus fixe Funktionen. Diese nahm sie auf ihre ganz eigene Art und Weise wahr, wie die 52-Jährige erzählt.

Linda Schnells Leidenschaft für HR geht auf ihre Jugendzeit zurück, als ihr Vater Swissair-Pilot und gleichzeitig HR-Leiter des fliegenden Personals war. Die HR-Themen, mit denen er zu tun hat, faszinieren sie. Vor allem die menschlichen Herausforderungen, welche die Fliegerei mit sich bringt. Etwa das starre Hierarchiegefüge, die unterschiedlichen Schichtzeiten oder die Verantwortung, die ihr Vater gegenüber den Fluggästen hat.

Ihre Schulferien verbringt sie deshalb meist in der Personalabteilung der Swissair, wo sie mithelfen und bei der Selektion des Kabinenpersonals dabei sein darf. Diese Erinnerungen sind ihr geblieben – und holen sie wieder ein, als Jahre später ein Jobangebot von der Swissair auf dem Tisch liegt. Doch der Reihe nach.

Emotionaler Einstieg

Linda Schnells HR-Karriere beginnt 1988 in der Versicherungsbranche als Bereichspersonalleiterin. «Das war eine äusserst prägende Zeit», sagt sie. Erst 22-jährig lernt sie dort das HR-Business richtig kennen. Nicht zuletzt, weil sie die Liquidation der Firma durchleidet und innerhalb von kurzer Zeit allen Leuten kündigen muss. «Ich habe viele tragische Schicksale miterlebt», so Schnell nachdenklich.

In dieser schwierigen Zeit habe sie ihre persönlichen Grenzen ein erstes Mal erreicht und gemerkt, dass es in so schwierigen Situationen manchmal einfach nicht die richtigen Worte gibt. Grundsätzlich sei es aber wichtig, den Menschen die Würde zu lassen und sie als Menschen zu behandeln. «Der Weg bis zur Kündigung muss sauber und klar sein», präzisiert Linda Schnell.

Nach der Firmenliquidation 1993 ist auch Linda Schnell arbeitslos. Relativ rasch bekommt sie einen Job in der Personalabteilung des Medienkonzerns Tamedia. Nach drei Jahren folgt die Beförderung zur Leiterin Personalentwicklung. Es ist das erste Mal, dass Linda Schnell die Gesamtverantwortung für ein Gebiet innehat, inklusive Budgetverantwortung. Ein entscheidender Schritt, sagt sie. «Dieser Job war sehr wichtig, weil ich gemerkt habe, dass ich das Zeug zur HR-Leiterin habe.» Und: Der Bereich Personalentwicklung fehlte ihr noch im Karriere-Portfolio.

Faszination Fliegerei

Trotz anderen Karriereoptionen liegt ihr die Fliegerei immer noch am Herzen. Als sie von der Swissair 1999 ein Jobangebot als Beraterin sowie Trainerin Personal- und Managemententwicklung bekommt, überlegt sie deshalb nicht lange: «Diese Stelle war eine besondere Chance», schwärmt Linda Schnell. Ein Jahr bleibt sie dort – und kommt währenddessen zu zwei Erkenntnissen. Erstens: Erfolgreiche Personalentwicklung beginnt bereits mit der Rekrutierung. Bei der Swissair ist Linda Schnell dagegen nicht operativ tätig. Und zweitens: Zu grosse Firmen sind nicht wirklich ihr Ding.

Der Wechsel von der grossen Swissair zur kleinen Gemeindeverwaltung in Küsnacht kommt ihr deshalb gerade recht. Als 35-Jährige hat Linda Schnell genügend HR-Erfahrung gesammelt, um mehr Verantwortung zu übernehmen. Genau diese Möglichkeit bietet ihr die Gemeinde Küsnacht, wo sie auf der «grünen Wiese» das HR nach ihrem Geschmack aufbauen darf: «Ich traf auf so viel Goodwill und Interesse, das war meine absolute Wunschstelle.»

Vom Friedhofsgärtner zum Ingenieur

Die «grüne Wiese» bringt ein paar Herausforderungen mit sich. In der öffentlichen Verwaltung ist alles strenger reglementiert. Es gibt genaue Vorgaben, wie etwas abzulaufen hat. Auch die Prozesse dauern alle länger, weil viele Personen aus verschiedenen Behörden involviert sind. «Mein gesamtes Umfeld prophezeite mir, das ich es dort keine drei Monate aushalte», schmunzelt Linda Schnell. Sie lernt, einen Gang zurückzuschalten. Aus ihrer Sicht dennoch kein Stolperstein, denn dank des langsamen Apparats gibt es keine Schnellschüsse wie in der Privatwirtschaft. «Wenn mal etwas entschieden ist, hat dies Hand und Fuss.»

Linda Schnell bleibt elf Jahre bei der Gemeinde Küsnacht. Unter anderem wegen ihrer vielseitigen Aufgaben. Denn in der Gemeinde ist das gesamte Lebensspektrum vereint. Vom Zivilstandsamt mit Heirat und Geburt bis zum Tod und dem Begräbnis auf dem Friedhof. «Am Vormittag hatte ich ein Bewerbungsgespräch mit einem potenziellen Gärtner, am Nachmittag eines mit einem Ingenieur, der sich auf eine Stelle in der Tiefbauabteilung beworben hatte.» In dieser Zeit verwandelt Linda Schnell die Personalabteilung der Gemeinde Küsnacht in eine HR-Abteilung eines mittelgrossen Unternehmens.

(Schiffs-) Reise zu sich selbst

Die Tätigkeit bei der Gemeinde hat ihren Preis. Linda Schnell braucht eine Pause. Diese nimmt sie sich 2012. Während ihres Sabbaticaljahrs reist sie und verbringt mehr Zeit mit der Familie. «Für mich standen dabei drei Dinge im Vordergrund: eine Pause, die Frage, ob ich mich in naher Zukunft selbstständig machen soll, und wie es beruflich weitergeht. Ich habe mir überlegt, etwas völlig anderes, abseits des HR zu machen.»

Das HR lässt sie trotzdem nicht los: Sie wird Personalleiterin bei der Zürichsee Schifffahrt. Das erweist sich als praktikabel, denn sie wohnt in Herrliberg, ganz in der Nähe des Schiffsstegs. «Die Schiffe fahren quasi durch unser Wohnzimmer», lacht Linda Schnell. Der Job: Erneut «etwas Anderes, etwas Spezielles». Tourismus, öffentlicher Verkehr – zwei unbekannte Bereiche. Wiederum ein Job nahe bei den Menschen. «Ich habe Vorstellungsgespräche auf dem Schiff geführt. Das war schon ungewöhnlich.»

Mit Ausnahme eines halbjährigen Exkurses bei der Stadtpolizei Zürich ist dies ihre letzte Station als Festangestellte. Nach vier Jahren bei der Zürichsee Schifffahrt macht sie sich selbstständig.

Schnell Zeit Weise

«Richtig lanciert hat das Thema Selbstständigkeit mein Mann», erzählt Linda Schnell. 15 Jahre älter als sie habe er sich solche Gedanken schon früher gemacht. Nämlich, wie es nach seiner Pensionierung weitergehen soll: «Je näher sein Ruhestand rückte, umso weniger Mandate betreute er.» Als er dann das Pensionierungsalter erreicht, stellt sich Linda Schnell die Frage nach dem «Wie weiter».

Ein Schlüsselerlebnis in ihrem Umfeld verändert für sie alles: Der Mann einer Bekannten stirbt kurz nach seiner Pensionierung. Von der gemeinsamen Zeit blieb nichts. «Das war ein Weckruf. Man muss ja nicht krank oder alt sein, bevor man stirbt», so Schnell mit ernster Miene. «Meine Beziehung bedeutet mir zu viel, um den Job an erster Stelle zu setzen.»

Doch wie kann man seine Leidenschaft fürs HR ausleben und gleichzeitig mehr Zeit mit dem Partner verbringen? Die Lösung: Schnell Zeit Weise. Eine One-Woman-Beratungsfirma, die es ihr erlaubt, temporär im Einsatz zu stehen. Mit Leidenschaft zwar – aber nicht um jeden Preis. Und weil Linda Schnell diesen Entscheid bewusst gefällt hat, bereut sie ihn bis heute nicht.

Zur Person

Aufgewachsen ist Linda Schnell zusammen mit einem eineinhalb Jahre jüngeren Bruder in der Nähe von Winterthur, wo sie die Kantonsschule absolvierte.

Im HR arbeitet sie erstmals bei der Schweiz-Versicherung, die 1993 liquidiert wird. Danach folgen mehrere Jahre beim Medienkonzern Tamedia, wo sie erste Führungserfahrung im HR sammelt.

Nach einem Jahr als Beraterin sowie Trainerin Personal- und Managemententwicklung bei der damaligen Swissair folgt der Wechsel in die Gemeindeverwaltung von Küsnacht ZH. In den folgenden elf Jahren baut sie die HR-Abteilung auf.

Nach einem einjährigen Sabbatical wird sie im März 2013 bei der Zürichsee Schifffahrt als Personalverantwortliche angestellt.

Ab Juli 2014 wechselt sie für ein halbes Jahr zur Stadtpolizei Zürich und ist dort unter anderem Bereichsleiterin für die Spezial- und die Verkehrskontrollabteilung. Gleich im Anschluss wieder zurück bei der Zürichsee Schifffahrt übernimmt sie die Leitung der Personalabteilung.

Seit Juli 2017 ist Linda Schnell selbstständig und Inhaberin des Beratungsunternehmens Schnell Zeit Weise.

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Online-Redaktorin, HR Today. es@hrtoday.ch

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Linda Schnell und ich haben einige Gemeinsamkeiten. Auch ich habe mich in Form einer one-women-GmbH selbständig gemacht und auch ich bin gegenüber meinen Kunden das, was ich gerade sein muss – je nach Auftrag. Und ihre Aussage, dass sie die Beziehung zu ihrem Partner an erste Stelle setzt, spricht für sie und teile ich.
Eine gelungene Reportage, vielen Dank dafür!
Daniela Stöckli
Karriere Boutique GmbH

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