Buchtipp

Work-Life-Balance: Vor allem für Frauen schwierig

Die Komplexität und Dynamik der Arbeitswelt steigen, mit Auswirkungen auf die Mitarbeitenden: Die Belastungen nehmen zu, eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit wird schwieriger, wie Buchautorin Uta Kirschten im Interview darlegt.

Frau Kirschten, immer mehr Leute haben Mühe, Privates und Berufliches zu trennen. Warum ist das so?

Uta Kirschten: Die Arbeitswelt hat sich in den letzten 20 Jahren verändert. Es gibt mehr ältere Beschäftigte, die Komplexität und die Dynamik steigen, die Arbeitswerte verändern sich. Die neuen Kommunikationsmittel ermöglichen ganz neue Arbeitsformen. Es kommt zu einer Entgrenzung der Arbeit, man ist überall erreichbar und kann überall arbeiten. Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf die Mitarbeitenden.

Welche?

Die Arbeitsbelastung ist gestiegen, die Arbeitsplatzsicherheit hat aber abgenommen. Die Zahl der psychischen Erkrankungen hat zugenommen. Gerade Frauen tun sich oft schwerer, Arbeits- und Privatleben in Einklang zu bringen, da sie immer noch mehrheitlich für die Kinderbetreuung zuständig sind. Auch Familien sind oft stark belastet, insbesondere, wenn sie neben der Kindererziehung auch noch pflegebedürftige Familienmitglieder versorgen müssen.

Mit welchen Massnahmen lässt sich eine gesunde Work-Life-Balance herstellen?

Hilfreich sind arbeitsorientierte Massnahmen wie flexible Arbeitszeiten, Home Office oder Jobsharing. Dank flexiblen Modellen lassen sich Privat- und Berufsleben besser vereinen. Eine grosse Entlastung wäre es, wenn Familien bei der Kinderbetreuung unterstützt würden, sei es finanziell oder mit Krippenplätzen. Wichtig wären auch Service-orientierte Dienstleistungen.

Zum Beispiel?

Mit Einkaufsdiensten oder Haushaltsdienstleistungen könnten die Mitarbeitenden unterstützt werden. Ferner braucht es gesundheitsorientierte Massnahmen, die einerseits präventiv wirken, andererseits erkrankten Mitarbeitern den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt ermöglichen.

Zur Person

Uta Kirschten ist Professorin für Human Resource Management an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Sie befasst sich insbesondere mit den Herausforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt für das Human Ressource Management, Frauen in Führungspositionen, Employer Branding, Wissensmanagement sowie nachhaltigem Personalmanagement.

Kirschten, Uta: Work-Life-Balance. Herausforderungen - Konzepte - Praktische Erfahrungen. Expert Verlag 2014.

Welche Rolle spielen die Führungskräfte?

Sie müssen sensibilisiert werden – in Bezug auf ihre eigene Work-Life-Balance und in Bezug auf die ihrer Mitarbeiter. Sie sind für diese verantwortlich und sie können die Arbeitsbelastungen, Zeitdruck, berufliche Erreichbarkeiten (zum Beispiel per Handy) aber auch flexible Arbeitsbedingungen mit beeinflussen. Zusätzlich sollten die Führungskräfte ihre Mitarbeiter für die Auswirkungen einer mangelnden Work-Life-Balance sensibilisieren.

Was können Mitarbeiter selber machen, um ein Burnout zu verhindern?

Sie müssen erkennen, wo ihre Belastungsgrenzen liegen, eigene Prioritäten setzen und gegebenenfalls Abstriche machen. Da jedoch viele Mitarbeiter Angst um ihren Job haben, achten sie nicht mehr auf die Warnsignale. Deshalb kommt den Betrieben eine grosse Verantwortung zu. Sie könnten beispielsweise verbindliche Belastungsgrenzen festlegen, zum Beispiel indem die berufliche Erreichbarkeit in der Arbeitswoche auf 18 oder 20 Uhr begrenzt wird.

Welchen Beitrag kann das HR leisten?

Personalfachleute sind Spezialisten im Umgang und in der Begleitung der Mitarbeiter, deshalb kommt dem HR eine grosse Bedeutung zu. Die Personalabteilung muss geeignete Massnahmen entwickeln und die Unternehmensleitung sowie die Führungskräfte überzeugen, diese zu unterstützen und einzuführen, zum Beispiel flexible Arbeitsmodelle. Wichtig sind hierfür auch eine vereinbarkeitsorientierte Unternehmenskultur, ein motivierendes Arbeitsklima und Anreizsysteme, die eine Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben unterstützen. Entscheidend,  ob Massnahmen umgesetzt werden können oder nicht, ist letztlich das Arbeitsklima. 

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