Checkliste

Zaubermittel gegen Burnout: Egoismus, Faulheit, Güte

Stress ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Volkskrankheit Nr. 1. Jeder sechste Schweizer ist bei der Arbeit gestresst und bereits jeder dritte Deutsche leidet an stressbedingter Erschöpfung mit Symptomen wie schlechtem Schlaf oder zunehmender Gereiztheit. Zeit also, wirksame Techniken zu entwickeln, die schnell im Alltag helfen.

Faulheit: Einfach mal den Wolken nachschauen

Können wir eigentlich noch gut NICHTS tun? Tagträumen? Das ist für unser Gehirn pures Auftanken: Sobald wir äusserlich zur Ruhe kommen, nichts mehr müssen oder wollen, sondern nur noch sind, geht die Arbeit im Gehirn los. Jetzt wird dort aufgeräumt, Wissen verankert, ausgemistet, um wieder bereit für Neues zu sein. Vielleicht kennen Sie das: man denkt über ein Problem nach, macht sich einen Kaffee – und prompt fällt einem die Lösung ein. Im Nichtstun sozusagen, das in unseren qualitätsbewussten und auf Effizienz getrimmten Arbeitsprozessen zu wenig Beachtung erfährt. Burnout ist letztlich die Folge einer langen Zeit, in der die Antagonisten Geben und Nehmen, Aktivität und Ruhe nicht ausgewogen waren und der Körper diese Rhythmisierung verlernt hat.

Tipp 1: Atempause

Probieren Sie es aus: Stellen Sie sich einen Wecker und machen Sie alle zwei Stunden eine Atempause. Nichts anderes tun als Einatmen – Pause – Ausatmen – Pause. Und Sie werden vielleicht merken, dass dies gar nicht so einfach ist. Schnell geht der Geist zur nächsten Besprechung, zu kleinen Ärgernissen des Tages. Doch wenn Sie Ihren Geist trainieren, ruhig zu werden, werden Sie bald merken, dass Sie über mehr Kraft, Effizienz und Konzentration verfügen.

Je mehr wir nichts tun können, desto mehr schaffen wir! Ist das nicht ein schönes Paradoxon? Je mehr wir eine Situation annehmen können, so wie sie ist, umso mehr können wir sie verändern. Aufgabe im Stressmanagement ist es, den Punkt zu finden, an dem es leicht geht. Ermöglicht wird dies durch die Achtsamkeit auf das, was einem wichtig ist. Und genau damit wären wir beim Egoismus angelangt.

Egoismus: Handeln im Einklang mit sich selbst

Zunächst ist alles Tun gesteuert davon, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse befriedigen wollen. Essen und Schlafen, aber auch Effizienz, Harmonie, Respekt oder anderen zu helfen. Immer, wenn wir etwas tun, das unsere Bedürfnisse erfüllt, erfahren wir Freude und Zufriedenheit. Eine bessere Burnout-Prävention gibt es nicht. Das Bewusstwerden der schönen Momente im Alltag, ein Lächeln oder ein intensiver Austausch wirken sich auf unsere Gesundheit, Psyche, ja sogar auf die neuronalen Strukturen aus.

Tipp 2: Glückstagebuch

Probieren Sie es: Fünf Minuten am Abend den Tag Revue passieren lassen und darauf schauen, was ist – und nicht, was nicht ist. Jeder  Gedanke ist biochemische Realität, wie schon Marc Aurel wusste: «Auf die Dauer nimmt die Seele die Farbe unserer Gedanken an.»

Doch was genau ist eigentlich der Auslöser für Stress?

Stress wird immer dann ausgelöst, wenn eine Bedürfniserfüllung als gefährdet angesehen wird. Hier kommen wir auf den in der Systemischen Therapie sehr wichtigen Zusammenhang: Konflikte entstehen immer durch unsere Bewertung. So lesen manche das Zuspätkommen des Kollegen vielleicht als mangelnde Wertschätzung und handeln aufgrund dieser Deutung.

Die stressbedingte Erschöpfung wird meistens dadurch ausgelöst, dass das Bedürfnis nach Anerkennung oder Selbstbestimmung als verletzt angesehen wird und man es zu lange versäumt hat, die eigenen Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen, wie die von Familie und Beruf. Eine regelmässige Reflexion darüber kann helfen, erst gar nicht in die Schieflage zu kommen. Egoismus heisst in der Burnoutprävention, dass wir in einem Akt der Selbstliebe täglich neu entscheiden, wo es besser ist, NEIN zu den Bedürfnissen anderer zu sagen – und damit JA zu den eigenen.

Probieren Sie es aus: Wenn Sie an eine Stress-Situation der letzten Tage denken, wissen Sie auf Anhieb, welches Bedürfnis, welcher Wert hier bei Ihnen verletzt war? Können Sie sich in die Bedürfnisse Ihres Konfliktpartners einfühlen?

Güte: Jeder macht es so gut, wie er gerade kann

Güte bedeutet, dem systemischen Grundgedanken zu folgen, dass es jeder immer so gut macht, wie er es eben im Moment kann. Und dass das jeweilige Handeln nicht immer die beste Strategie ist, die zugrunde liegenden Bedürfnisse auch zu erfüllen. Kennen wir das nicht alle, dass man sich mit Vorwürfen quält: Warum hast du da nicht so und warum da so gehandelt? Ganz einfach darum, weil wir unter Stress nicht denken können. Unser System ist programmiert auf Problemlösung durch Flucht oder Angriff – und leider nicht auf gütiges, empathisches und lösungsorientiertes Suchen nach Konsens. Man muss nicht immer schlagfertig sein. Erlauben wir uns ruhig, sprachlos zu sein. Bei manchen Vorwürfen oder Unterstellungen ist es sicher besser zu sagen: Jetzt bin ich erstmal sprachlos – könnten wir uns morgen um 10 Uhr nochmals treffen?

3 Tipps für eine Zukunft in Balance

Vielleicht kann es Ihnen in Zukunft gelingen,

  1. in Stress-Momenten erst einmal tief durchzuatmen
  2. sofort zu schauen: Was brauche ich eigentlich im Moment?, und dies freundlich und proaktiv ansprechen
  3. Wertschätzung und Empathie im Alltag zu üben, indem Sie danken und das bemerken, was ist – und nicht, was nicht ist!

 

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Karin Probst begleitet als zertifizierter Business-Coach internationale Unternehmen und Institutionen zu den Themen Stress- und Burnout-Prävention mit Trainings, Coaching und Beratung. Sie hat das KompetenzNetz Burnout e.V. gegründet, dessen Vorstand sie aktuell ist. Die frühere Schauspielerin an führenden Theatern Deutschlands ist inzwischen auch als Lehrtrainerin an verschiedenen Hochschulen und Zentren für Hochschuldidaktik tätig. Weitere Informationen unter www.2-change.de.

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