Recruiting

Zielgerichtet zum neuen Job

Es könnte doch so einfach sein: Menschen suchen einen passenden Job und Unternehmen passende Mitarbeiter. Leider ist es aber nicht so einfach, besonders nicht für die Bewerber. Erstaunlicherweise sind selbst gut qualifizierte und erfahrene Personen in der Bewerbungsphase Fallen ausgesetzt, die oft unbewusst den Jobentscheid beeinflussen. Unterstützung bietet ein Framework, das Jobsuchenden vier zentrale Fragen stellt und teure Fehleinstellungen vermeiden hilft.

Die meisten Jobsuchenden wissen nur wenig über die Faktoren, die ein Arbeitsumfeld bestimmen. Ihnen fehlt die Erfahrung, während der Bewerbungsphase das Arbeitsklima in einem Unternehmen korrekt einzuschätzen. Oft sind sich die Leute auch gar nicht darüber im Klaren, welche Auswirkungen ihre persönlichen Werte auf ihre Anforderungen an einen Job haben. Kein Wunder also, dass «Versuch und Irrtum» eine gängige Methode bei der Entscheidungsfindung ist. Das bedeutet allerdings für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber Verschwendung von Ressourcen. Im Rahmen einer Studie am INSEAD (Institut Européen d'Administration des Affaires) habe ich nach Auswegen aus diesem Dilemma gesucht.

Kennen Sie das primäre Ziel Ihrer aktuellen Jobsuche?

Grundlage für die richtige Entscheidung ist die Analyse der persönlichen Ziele, Bedürfnisse, Werte und Fähigkeiten. Nur wer weiss, was er kann und was er wirklich braucht, hat die Chance den Job zu finden, der zu ihm passt. Diese persönliche Standortbestimmung ist der erste Schritt des Frameworks. Dabei ist Ehrlichkeit sich selbst gegenüber absolut wichtig.

An der Studie nahm zum Beispiel eine junge Frau teil, die angab, sie wolle Erfahrungen ausserhalb ihrer angestammten Branche suchen. Es stellte sich im Gespräch heraus, dass sie vor allem deshalb eine radikale Veränderung anstrebte, weil sie nach negativen Erfahrungen der vergangenen Jahre vor allem berufliche Anerkennung wollte. Erst gezielte Fragen halfen ihr zu verstehen, was ihr wahres primäres Ziel ist, auf das sie sich dann beim Jobentscheid konzentrieren konnte. Allzu oft lassen sich Jobsuchende von gesellschaftlichen Erwartungen, beispielsweise von Familienangehörigen, beeinflussen. Dies geschieht meist unbewusst.

Kennen Sie Ihre Anforderungen an ein zukünftiges Arbeitsumfeld?

Wenn man weiss, was man will, weiss man automatisch auch, welche Anforderungen sich daraus für Arbeitgeber, die Kollegen oder Vorgesetzte ergeben. Man stellt sich quasi einen idealen Arbeitsplatz vor um den optimalen «Person Environment-Fit» zu finden. Diesen Schritt nenne ich im Framework «Environment Creation». Jedes Job-Angebot kann nun daraufhin überprüft werden. Über die Liste der gewichteten Anforderungen kommt man zu Environment Assessments, also zu Überprüfungen des Arbeitsumfelds in der Realität. Dafür braucht der Sucher allerdings Informationsquellen. Dies führt direkt zu der nächsten Frage.

Haben Sie einen Plan, um sich alle relevanten Informationen über Ihr potentielles Arbeitsumfeld zu holen?

In meiner Beratungspraxis habe ich festgestellt, dass nur wenige Bewerber das zukünftige Arbeitsumfeld systematisch analysieren. Viele verlassen sich stark auf die Worte der Firmenvertreter im Jobinterview. Nur wenige sind sich bewusst, dass sie eigeninitiativ mit zukünftigen Kollegen sprechen sollten und beim Besuch der Firmenräume auf das Arbeitsklima achten müssen. So kann man überprüfen, ob die Werte der Unternehmenskultur mit den eigenen übereinstimmen. Fördert der Vorgesetzte Eigenverantwortung? Wie gehen die Kollegen miteinander um? Wie wird kommuniziert? Wie ist der Führungsstil?

Der Bewerber sollte die eigenen Prioritäten mit denen des möglichen Arbeitgebers vergleichen. Eine «Assessment Map», der dritte Teil des Frameworks, inspiriert den Bewerber, das Umfeld ganzheitlich kennenzulernen, um dann bewusst zu entscheiden, ob dies der nächste Arbeitsort sein wird. Die Assessment Map enthält mögliche Informationsquellen, anhand derer man sich bei der Jobsuche ein umfassendes Bild über das Arbeitsumfeld erstellen kann. 



Was und wer beeinflusst den Jobentscheid?

Dummerweise unterliegen diverse Beobachtungen der subjektiven Interpretation. Bei Gesprächen mit Studienteilnehmern musste ich feststellen, dass sich Bewerber unbewusst von verschiedenen Faktoren beeinflussen liessen, die auch in der Literatur zu Genüge beschreiben sind. Typisch ist etwa der «Halo-Effekt», bei dem das Renommée eines Vorgesetzten andere sachliche Faktoren überstrahlt. Die Produkte des Unternehmens können die Bewerber ebenso blenden wie einseitige Informationen des Personalvermittlers. Überraschend viele Studienteilnehmer waren stark beeinflusst von Erfahrungen, oft negative, aus der aktuellen oder letzten Anstellung. Umgekehrt sorgt auch ein übersteigertes Selbstbewusstsein der Bewerber für Fehleinschätzungen der Gegebenheiten. Nur wer sich darüber klar ist, was ihn beeinflusst, kann diesen Einfluss aus seiner Bewertung herausrechnen.

Struktur hilft

Meine Studie wies nach, dass das strukturierte Vorgehen mit Hilfe des Frameworks positive Auswirkungen auf die Suche nach der richtigen Anstellung hat. Nach persönlicher Analyse, der Imagination eines idealen Arbeitsumfelds, einer Assessment Map und der Überprüfung der realen Gegebenheiten im Vergleich zum Ideal kam es zu fundierten Entscheidungen für oder gegen ein Job-Angebot. Die Teilnehmer der Studie jedenfalls waren zufrieden: «Es half mir, als Bewerber selber das Steuer in die Hand zu nehmen und nicht als Bittsteller aufzutreten», sagte einer. Ein anderer freute sich, dass sein Bauchgefühl auf diese Weise objektiviert werden konnte. Neben Selbsterkenntnis gewannen die Testpersonen mehr Selbstbewusstsein. Vor allem aber kommentierten sie: «Das Konzept schützt davor, falsche Entscheidungen zu treffen.»

Eine Präsentation zum Framework gibt es hier.

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Martin Ghisletti ist Leiter des Career Centers der ETH Zürich. Nach seinem Studium an der HSG war er in verschiedenen Management Funktionen im Bereich Human Resources tätig, unter anderem auch als HR-Director. Sein Framework für Jobsuchende hat er im Rahmen seiner Masterarbeit für den Executice MBA an der internationalen Business School INSEAD geschaffen.

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