HR Today | 04/2006 | Text: Ulrike Stedtnitz

ADS – ein heikles Thema für Personalverantwortliche


Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) bezeichnet eine Störung der Hirnfunktion. Jeder zwanzigste Erwachsene ist davon in unterschiedlichem Ausmass betroffen. Diese Menschen können minimalistisch, chaotisch, permanent gestresst oder sozial inkompetent sein. Doch nicht jede Unordnung deutet auf ADS.

Fritz Laubi – eine fiktive Person – ist bei einem Grossunternehmen aufgrund seines überzeugenden Auftretens und seiner hervorragenden PC-Kenntnisse als High-Potential eingestellt worden. Dies, obwohl er noch sehr jung ist und trotz der viel versprechenden Fähigkeiten eigentlich eine enttäuschende Schulkarriere hinter sich hat. Laubi gefällt sein Job mit dem attraktiven Einstiegsgehalt. Schon im ersten Feedback-Gespräch werden jedoch Unorganisiertheit und Unzulänglichkeiten beim Zeitmanagement bemängelt. Fritz Laubi möchte diesen Job behalten. Als er zufällig einen Artikel über ADS liest, nimmt er eine professionelle Hilfe in Anspruch. Warum ist dieses Thema relevant für Personalverantwortliche? Weil jeder zwanzigste Erwachsene von ADS betroffen ist – möglicherweise noch mehr im Management.

ADS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. ADS bezeichnet eine meist vererbte, neurobiologische Funktionsabweichung im Bereich der vorderen Hirnregionen, die für die Steuerung und das Zusammenspiel von Hirnfunktionen verantwortlich sind. Man kann sich das so vorstellen: Das Gehirn eines ADS-Betroffenen arbeitet wie ein Computer, bei dem immer wieder plötzlich die Stromzufuhr unterbrochen wird. Es braucht dann einen Kick, um das Gehirn wieder «anzustellen». Dies versuchen Betroffene intuitiv durch übermässigen Koffein-, Nikotin- oder Zuckerkonsum oder aber – konstruktiver – durch Sport und Bewegung zu erreichen. Zappeln und Herumfummeln während langer Sitzungen kann ein derartiger Versuch sein, Aktivierung zu erreichen. ADS-Betroffene leisten teilweise besser bei Stress und sind ineffizient in weniger spannenden Situationen, beispielsweise bei administrativen Arbeiten. Auch vorausschauendes Planen fällt ihnen schwer, gut sind sie eher im stressigen Tagesgeschäft.

Es gibt verschiedene Gesichter von ADS, denn Aufmerksamkeitsschwierigkeiten äussern sich nicht immer gleich. Im Folgenden einige Erscheinungsformen, die besonders HR-Verantwortliche interessieren:
• Immer auf der Suche nach dem Kick. Da
ADS-Betroffene oft grosse Mühe im Umgang mit Routine haben, suchen sie immer wieder mal was Neues. In den Lebensläufen solcher Bewerber finden sich zahlreiche Job- und Ortswechsel, häufige Reisezeiten zwischendurch, oft auch unkonventionelle Weiterbildungen, die nicht recht zum Lebenslauf passen wollen. Auffallend sind auch verschiedene Varianten von Suchtverhalten (PC, Nikotin) und Freizeitbeschäftigungen, die eine starke Adrenalinausschüttung versprechen (Bungeejumping).
• Minimalistisch und müde. Dies sind die klassischen Couchpotatoes. Sie brauchen laufend Impulse von Kollegen und Führungskräften, um überhaupt in Bewegung zu kommen. Jeder Tag ist eine grosse Anstrengung und braucht viel Stimulanzmittel wie Kaffee oder Red Bull.
• Unorganisiert und Schwierigkeiten mit der Planung. Weil vielen ADS-Betroffenen jede Pendenz tendenziell gleich wichtig erscheint oder weil sie vor allem auf Gefühlsbasis entscheiden, was zuerst drankommen müsste – dadurch haben sie Mühe, ein anspruchsvolles Arbeitspensum effizient zu bewältigen. Vergesslichkeit und häufige Flüchtigkeitsfehler sind ein weiteres Problem.
• Übergenau und permanent gestresst. Obwohl ADS-Betroffene in der Regel mit Details und Sorgfalt Mühe haben, kompensieren einige diese Schwierigkeit mit übertriebenem Fokus. Sie wirken zwanghaft im Bemühen, keine Fehler zu machen, und legen lange Überstunden ein, um ihre Performance aufrechtzuerhalten. Der Preis ist hoch – chronischer Stress und lauerndes Burn-out.
• Sozial inkompetent. Nicht gut zuhören können, eine Tendenz zu langen Monologen, anderen häufig ins Wort fallen, defensives Verhalten oder plötzliche Wutausbrüche begünstigen nicht gerade konstruktive soziale Interaktionen im Geschäftsalltag.

Doch Vorsicht: Nicht jeder unaufgeräumte Schreibtisch deutet auf ein ADS. Wenn der Mitarbeitende insgesamt seine Sache gut macht, so ist das zeitweilige Chaos vielleicht nur ein Hinweis auf einen besonderen Arbeitsstil.

Es gibt heute verschiedene wirksame Bewältigungsstrategien, an deren Anfang immer eine professionelle Diagnostik stehen sollte. Sie zielen darauf ab, die frontalen Hirnfunktionen zu aktivieren:
• Von Ärzten immer wieder empfohlen werden die umstrittenen Stimulanzmedikamente wie Ritalin, die aber in kontrollierter Dosis durchaus eine Zeit lang sehr hilfreich sein können. Leider ist die Wirkung nicht nachhaltig und die langjährige Einnahme vermutlich problematisch.
• In den letzten Jahren gibt es vor allem aus den USA immer wieder wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit von Neurofeedback-Training bei ADS. Hier wird das Gehirn zu wacher Aufmerksamkeit trainiert, zusätzlich können auch Angst- und Spannungszustände beseitigt werden – ein eigentliches Peak Performance Training. Die Wirkung ist nachhaltig, die Erfolgsquote liegt bei 70 Prozent. In der Schweiz gibt es bereits etliche Anbieter (www. neurofeedbackorg.ch). Allerdings sollte auf den fachlichen Hintergrund geachtet werden.
• Eine vor kurzem durchgeführte Studie der Universität Bern weist auch auf die Wirksamkeit von Homöopathie bei ADS hin.
• Ferner können leichtere Fälle von ADS durchaus mit Alltagsmassnahmen im Bereich von Sport, Ernährung und Nahrungsmittelergänzung (beispielsweise Gingko biloba) behandelt werden.

Wichtig ist in der Regel ein begleitendes Coaching – je nach Situation in den Bereichen Arbeits- und Zeitmanagement, Sozialkompetenz oder Emotionsmanagement.

Was tut eine personalverantwortliche Person, die ADS bei einem Mitarbeitenden vermutet? Wenn die Situation wirklich untragbar ist, bleibt nur die Kündigung. In vielen Fällen ist ein Mitarbeitender jedoch trotz ADS durchaus ein Gewinn für ein Unternehmen oder Team. Falls nötig, kann in einem offenen Gespräch behutsam der Verdacht auf ein mögliches ADS geäussert werden, samt der Empfehlung zu einer vertieften Diagnostik und Beratung im Hinblick auf Bewältigungsstrategien. Damit wird bestimmt eines erreicht: langfristig weniger Stress für alle Beteiligten.   

 
 
 

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