HR Today Nr. 3/2019: Praxis – Gesundheitsmanagement

An Krebs erkrankt und nun?

Dass Mitarbeitende an Krebs erkranken, kommt häufiger vor, als man denkt. Dennoch sind viele Unternehmen nicht darauf vorbereitet, mit solchen Situationen adäquat umzugehen.

Chantal Klein* ist zuversichtlich. Nach ihrer Brustkrebstherapie freut sich die 34-Jährige wieder auf ihre Arbeit als Qualitätsprüferin in der Lebensmittelbranche. Erst recht, weil ihr der Arbeitgeber während ihrer Abwesenheit Unterstützung signalisiert hat. Ein kleines Teilpensum soll ihr den Wiedereinstieg erleichtern. Geplant ist, dieses später sukzessiv zu steigern.

Doch kurz nach der Rückkehr ins Büro beginnt der Kampf mit den Nachwirkungen der Therapie: Müdigkeit und Erschöpfung machen ihr zu schaffen. Ihre Vorgesetzte zeigt dafür kein Verständnis. Sie bringe die geforderte Leistung im Job nicht mehr, wird ihr vorgeworfen. Der Druck lässt nicht nach. «Keine meiner Leistungen ist für gut befunden worden», erzählt Klein. Als sie bei einer Beförderung übergangen wird und sich beschwert, eskaliert die Situation. Die Lebensmitteltechnikerin wird per sofort freigestellt.

Chantal Klein ist kein Einzelfall: Krebs ist in der Schweiz die dritthäufigste Ursache für eine längere Abwesenheit vom Arbeitsplatz. Bei über 65'000 Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 69 wurde in den letzten fünf Jahren eine Krebserkrankung diagnostiziert. Die gute Nachricht: Bei den meisten Krebsarten ist die Sterblichkeit rückläufig. Rund 60 Prozent der Betroffenen kehren wieder in ihren Job zurück. Einige leiden jedoch unter den Nachwirkungen und Spätfolgen der Krebstherapie.

Ein Schock für alle

Eine Krebsdiagnose ist nicht nur für die betroffene Person und ihr Umfeld ein Schock. Auch Arbeitskollegen und Vorgesetzte sehen sich mit zahlreichen Fragen und Unsicherheiten konfrontiert: Wann kann die krankgeschriebene Kollegin wieder arbeiten? Darf ich schon wieder fragen, wie es ihr geht? Inwiefern ist die Arbeitsmenge angemessen? Wie soll ich mich in den gemeinsamen Pausen verhalten? Mag der Kollege überhaupt noch über Filme oder Ferienpläne diskutieren?

In dieser Situation spielen HR-Fachleute eine entscheidende Rolle. «Es braucht viel Empathie, gerade weil die Unsicherheit so gross ist», sagt Martin Tschopp, Leiter Personal-, Organisations- und Kulturentwicklung beim Eidgenössischen Departement des Innern (EDI). Gegenüber der krebsbetroffenen Person genauso wie gegenüber dem restlichen Team. «Unsicherheiten und emotionale Betroffenheit im Umgang mit Krebs sind normal. Das muss Mitarbeitenden vermittelt werden.» Dass Krebserkrankungen keine Ausnahmeerscheinungen sind, weiss auch Marilyne Reuille, HR-Verantwortliche bei MeteoSwiss: «Als HR-Fachleute müssen wir darauf gefasst sein, dass eine Krebserkrankung auch jemanden aus unserem Unternehmen trifft.»

HR-Fachleute müssen einen Balanceakt zwischen Mitgefühl und Verantwortung für Mitarbeiter und Unternehmen vollbringen. Oft werden sie allein gelassen, wenn es darum geht, Krebsbetroffene im Arbeitsprozess zu begleiten und nach Therapieende erfolgreich im Unternehmen zu integrieren.

Eine erste Anlaufstelle finden HR-Fachleute beispielsweise bei der Krebsliga, die mit Workshops die Konsequenzen einer Krebserkrankung aufzeigt. Etwa, wie diese die Arbeitsleistung beeinflusst und welche Erwartungen Arbeitgeber an erkrankte Mitarbeitende stellen können. So sollen die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Rückkehr geschaffen werden.

Eindrücke, die den Workshop-Teilnehmenden in Erinnerung geblieben sind. Etwa jene, «dass man sich Zeit nehmen soll, um die persönlichen Bedürfnisse der Betroffenen zu klären und eine individuelle Strategie zu entwickeln», sagt EDI-HR-Leiter Tschopp. MeteoSwiss HR-Leiterin Reuille ist so bewusst geworden, dass sich regelmässige ärztliche Untersuchungen lohnen. «Wird Krebs frühzeitig erkannt, bestehen gute Chancen auf Heilung. Es ist wichtig, dem Körper mehr Aufmerksamkeit zu schenken und gesundheitliche Beschwerden ernst zu nehmen.»

* Namen geändert

 

Checkliste für Vorgesetzte (Phase 1)

Diagnose und Meldung der Krankheit an den Arbeitgeber:

  • Ich räume meinen Reaktionen und Unsicherheiten Zeit ein. Bei Bedarf beratschlage ich mich mit der Personalabteilung.
  • Ich versichere der erkrankten Person, dass sie weiterhin Teil des Unternehmens und ihre Gesundheit vorrangig ist.
  • Ich bemühe mich um eine einfühlsame Haltung. Ich biete meine Unterstützung an und bin bereit, zuzuhören.
  • Ich kläre die persönlichen Bedürfnisse mit der betroffenen Person: Wer soll wann, wie und worüber informiert werden? Wer darf oder soll wann und wie den Kontakt mit ihr halten? Worüber möchte sie informiert werden?
  • Um die betroffene Person optimal zu begleiten, verfolge ich mit der Personalabteilung eine gemeinsame Strategie.
  • Ich respektiere die Kommunikationsbedürfnisse der erkrankten Person und deren Privatsphäre.
  • Besonders achte ich auf die Stimmung im Team. Ich biete individuelle Besprechungen und solche im Team an. Ich bekräftige in diesen Gesprächen, dass emotionale Betroffenheit und Unsicherheiten im Umgang mit Krebs normal und in Ordnung sind. Wir klären gemeinsam die Befürchtungen bezüglich zusätzlicher Arbeitsbelastung.

Checkliste für Vorgesetzte (Phase 2)

Behandlung der Krankheit:

  • Wenn die erkrankte Person es wünscht, frage ich sie nach ihrem Befinden. Ich achte auf deren Angaben, wie dies geschehen soll. Ich kontaktiere sie massvoll, je nach Beziehung zu ihr und meinem eigenem Ermessen. Ich spreche mich mit den Teamkollegen ab, um zu vermeiden, dass sie sich bedrängt fühlt.
  • Ich gebe der erkrankten Person zu erkennen, dass sie Teil des Teams ist. Ich lade sie beispielsweise zu Veranstaltungen ein oder sende ihr − sofern sie dies wünscht − Tätigkeitsberichte oder Protokolle zu.
  • Ich versichere der betroffenen Person, dass sie ihren Arbeitsplatz im Unternehmen behalten kann (Arbeitsplatzsicherheit). Gleichzeitig gebe ich ihr zu verstehen, dass ihre Gesundheit Vorrang haben muss. Ich kann sie unterstützen, indem ich ihr erläutere, dass die Arbeit gut auf die Kollegen oder ihre Stellvertreterin oder ihren Stellvertreter verteilt ist und ordnungsgemäss abgewickelt wird. Dabei ist darauf zu achten, dass dies von der betroffenen Person richtig verstanden wird.
  • Wenn die erkrankte Person weiterhin arbeitet, achte ich auf ein richtiges Mass zwischen speziell einfühlsamer und alltäglicher Haltung. Ich biete ihr meine Unterstützung an und höre zu. Ihr steht es aber auch zu, wie alle anderen behandelt zu werden. Ich bleibe flexibel gegenüber unvorhergesehenen, mit der Krankheit verbundenen Situationen. Von Zeit zu Zeit organisiere ich ein Standortgespräch mit der Personalabteilung.

Checkliste für Vorgesetzte (Phase 3)


Berufliche Wiedereingliederung:

  • Ich organisiere für die betroffene Person die allmähliche Wiederaufnahme ihrer beruflichen Tätigkeit. Dabei achte ich auf eine angemessene Belastung, die dem Grad der Wiederaufnahme entspricht. Ich mache der erkrankten Person keine Vorwürfe wegen des geringen Arbeitspensums und der reduzierten Arbeitsbelastung.
  • Beim Wiedereinstieg biete ich Flexibilität an, was die Arbeitszeit, den Arbeitsinhalt und die Verantwortung betrifft.
  • Ich organisiere zusammen mit der Personalabteilung ein Begrüssungsgespräch. Ich achte auf ein richtiges Mass zwischen speziell einfühlsamem und alltäglichem Umgang. Die betroffene Person benötigt meine Anwesenheit und Unterstützung. Gleichzeitig möchte sie wie alle anderen Mitglieder des Arbeitsteams behandelt werden.
  • Ich mache mir bewusst, dass eine Rückkehr zur Arbeit nicht das Ende der Krankheit oder der Therapie bedeutet. Ich beobachte, ob die betroffene Person besonders müde ist oder ob sie sich aus Angst vor einer Kündigung oder Stigmatisierung zu viel zumutet. Falls dies zutrifft, suche ich das Gespräch mit ihr.
  • Ich organisiere zusammen mit der Personalabteilung über längere Zeit regelmässige Standortgespräche.

Angebote der Krebsliga

Zur Unterstützung von Arbeitgebern bietet die Krebsliga Fachreferate und Workshops an. Ziel ist, dass die Teilnehmenden erleben, wie krebsbetroffene Personen im Arbeitsprozess begleitet und nach dem Ende der Therapie im Arbeitsprozess integriert werden können. Die Workshops richten sich an HR-Fachleute und Führungskräfte. Nebst Wissen zum Umgang mit krebsbetroffenen Personen werden Informationen zur Prävention, zur Früherkennung und zu den Auswirkungen von Krebs vermittelt.

Kontakt: krebsliga.ch/beratung-unterstuetzung/angebote-fuer-arbeitgeber, krebsundarbeit@krebsliga.ch – Telefoncoaching für Arbeitgeber: 0848 114 118

Krebsliga
Ein Leitfaden der Krebsliga für Vorgesetzte: Meine Mitarbeiterin, mein Mitarbeiter hat Krebs. Zurück in den beruflichen Alltag begleiten.

 

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Erika Karlen-Oszlai

Erika Karlen-Oszlai ist Fachspezialistin Krebs und Arbeit bei der Krebsliga Schweiz.

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