Female Leadership-Studie

Mehr Empathie vs. mehr Selbstbewusstsein

Kategorie: Leadership | Text: Pascale Ziltener Trapp | 13.01.2016

Führen Frauen anders? Wo gibt es Unterschiede? Diese Fragen stellte die Schweizer Unternehmensberatung Avenir Consulting AG im Juni 2015 im Rahmen einer Umfrage zu Female Leadership Deutschschweizer Führungskräften. 45 Personen, davon rund zwei Drittel weiblich, beantworteten die Umfrage gemäss ihren persönlichen Erfahrungen in ihrer Führungspraxis. Fazit der Umfrage: Ja, Führungskräfte nehmen das Verhalten von weiblichen Vorgesetzten deutlich anders wahr, als das von männlichen.

Quelle: Avenir Consulting (zum Vergrössern auf das Bild klicken)96 Prozent der Befragten sind der klaren Meinung, dass es Unterschiede im Führungsverhalten von Männern und Frauen gibt, wobei mehr männliche Führungskräfte (FK) der Meinung sind, dass es «starke» Unterschiede gibt. Weiblichen Vorgesetzten wird mehr Emotionalität und Empathie attestiert als männlichen. Zudem zeigen Chefinnen weniger Dominanz und geringere Hierarchieorientierung als männliche Vorgesetzte, aber auch unsichereres Verhalten als diese. 

Kommunizieren Frauen diplomatischer, aber unklarer?

Auch das Kommunikationsverhalten wird von 94 Prozent der Umfrageteilnehmenden als unterschiedlich eingeschätzt. Männer sind ausgeprägter dieser Meinung als Frauen. Weiblichen Vorgesetzten wird zugesprochen, dass sie generell mehr kommunizieren als ihre männlichen Kollegen und dies emotionaler und beziehungsorientierter. Ein Fünftel der Befragten ist der Meinung, dass weibliche FK direkter und klarer kommunizieren als männliche. Gleichzeitig sind aber fast gleich viele Teilnehmende – mehrheitlich Männer – der gegenteiligen Ansicht und sagen, dass weibliche FK diplomatischer und unklarer kommunizieren als männliche Chefs.

Chefinnen konfliktscheu – Chefs dominant

Rund 80 Prozent der Befragten (Männer wie Frauen gleichermassen) sind der Meinung, dass sich auch das Konfliktverhalten unterscheidet. Weibliche Vorgesetzte werden als eher konfliktscheu bezeichnet und ihr Konfliktverhalten wird als konsensorientierter und kompromissbereiter als das der männlichen Kollegen beurteilt.

Der Auftritt von weiblichen Vorgesetzten in Gruppen (z.B. Meetings) wird von 84 Prozent als unterschiedlich bezeichnet. Fast die Hälfte der Befragten bemerken, dass männliche Vorgesetzte in Meetings mehr Raum einnehmen und dominanter auftreten als weibliche. Chefinnen verhalten sich in Gruppen passiver, stellen ihr Licht unter den Scheffel und haben weniger Wortanteile als ihre Führungskollegen. Diese Einschätzung erfolgte von Männern wie Frauen gleichermassen.

Ebenfalls «weniger Raum» nehmen weibliche Führungskräfte ein, wenn es darum geht, Inhalte zu präsentieren. Männer werden in solchen Situationen als selbstbewusster wahrgenommen als Frauen.

Sind weibliche Führungskräfte weniger zielorientiert?

85 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass sich die Motivation, eine Hierarchiestufe weiter zu kommen, zwischen den Geschlechtern unterscheidet. Chefinnen werden klar als weniger karriereorientiert wahrgenommen als ihre Kollegen.

Weniger deutlich ist die Antwort auf «Unterscheidet sich die Zielorientierung zwischen weiblichen und männlichen FK?». Nur gut die Hälfte sagt Ja dazu. Interessant dabei: mehrheitlich Frauen denken, dass es in diesem Punkt Unterschiede gibt.

Lernfelder Kommunikation und Selbstbewusstsein

Auf die Frage, was könnten weibliche Chefs von männlichen lernen, kamen von beiden Geschlechtern eindeutige Aussagen: mehr Selbstbewusstsein, besseres Selbstmarketing und weniger Dinge persönlich nehmen. Und auf die umgekehrte Frage, was Chefs von Chefinnen lernen könnten, wurde – ebenfalls von Frauen wie Männern – genannt: Generell mehr kommunizieren und mehr Empathie zeigen. Eine letzte Empfehlung wurde ausschliesslich von Frauen an Männer abgegeben: Mehr und besser Zuhören.

Es gibt sehr deutliche Unterschiede im Führungsverhalten von Frauen und Männern. In lediglich vier der 29 abgefragten Themen waren die Befragten der Ansicht, dass es keine Differenzen gibt. Diese Andersartigkeit im Führungsverhalten ist für jede Organisation eine Bereicherung, die es verstärkt zu nutzen gilt. Wer Diversität und Inklusion auf der Agenda hat, kann aus den Antworten ableiten, wie Führungskräfte unterstützt und entwickelt werden können. 

Männliche Chefs, die erkennen, dass aktives Zuhören zu besserem Verständnis von Mitarbeitenden und zu einer gegenseitigen Vertrauensbeziehung führt, wissen, dass dies ein grosser Motivations-Hebel ist. Solche Führungselemente können trainiert werden: aktives Zuhören, Fragen stellen, Feedback geben.

Weiblichen Vorgesetzten bieten Trainings mit Fokus auf Selbstbewusstsein und Auftrittswirkung Entwicklungsunterstützung. Denn Wirkung erzielt nur, wer sich sichtbar macht. Auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Rollenbildern als Frau und Chefin kann viel dazu beitragen, falsche Bescheidenheit und bremsenden Perfektionismus hinter sich zu lassen. 

Die Lernfelder für Führungskräfte sind also benannt: Chefinnen seid selbstbewusster – Chefs seid empathischer!

Text: Pascale Ziltener Trapp

Pascale Ziltener Trapp ist Senior Consultant und liz. System. Coach bei der Unternehmungsberatung Avenir Group in Zürich. Ihre Beratungsschwerpunkte umfassen die Konzeption und Durchführung von  Leadership- und Kommunikationstrainings. Ihre Spezialisierung auf «Female Leadership» ergab sich durch eigene jahrelange Führungserfahrung in Managementfunktion in international tätigen Detailhandelskonzernen. www.avenirgroup.ch

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