Sommerserie 2018

«Jammern macht sauer, einsam und unglücklich»

Die langersehnten Ferien sind da. Und dann das: Es regnet und ist kalt. Sofort geht das Gejammer los. Warum jammern wir so oft? Warum sollten wir es weniger tun? Und was, wenn wir wirklich einmal Dampf ablassen müssen? Wir haben Bestseller-Autor Dani Nieth gefragt.

Jetzt mal vorweg, Herr Nieth, jammern Sie wirklich gar nie? 

Dani Nieth: Doch doch, ich jammere auch hin und wieder. Ich rege mich zum Beispiel extrem auf, wenn jemand mit Blick auf das Smartphone schleichend die Strasse überquert – natürlich 50 Meter neben dem Fussgängerstreifen – nachdem ich extra gebremst und ein freundliches Zeichen gegeben habe. Und manchmal jammere ich, wenn ich beim Karten- oder Würfelspiel über längere Zeit kein Glück habe. Doch das kriege ich allmählich in den Griff. Es tut gut, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt.

In Ihrem Buch «Jammern gefährdet Ihre Gesundheit» thematisieren Sie die negativen Folgen von Jammern. Welches sind die wichtigsten drei?

  1. Jammern macht sauer! Jammerlappen konzentrieren sich in erster Linie auf das Negative und auf Defizite. An sonnigen Tagen reden sie vom nächsten Regen, bei geschäftlichen Erfolgen von der nächsten Krise. Jammern macht auf Dauer sauer.
  2. Jammern macht einsam! Wer ist schon gern mit Menschen zusammen, die permanent ihr Umfeld und die Umstände für ihren Zustand verantwortlich machen? Jammern macht einsam und führt langfristig in die soziale Isolation. 
  3. Jammern macht unglücklich! Jammerer wollen keine Lösungen – ihr Benzin sind die Probleme. Mit dieser Einstellung finden sie nie in den Flow¹. Und erfahren somit kein Glück bei der täglichen Arbeit.

Da arbeitet man jeden Tag 10 Stunden, kümmert sich um den Haushalt und um ein frischgeborenes Baby und engagiert sich sozial. Und dann hat man endlich Ferien. Kalte, verregnete Ferien. Das ist doch zum Jammern! Oder?

Natürlich ist das ärgerlich, weil man sich die Ferien schliesslich anders vorgestellt hat. Doch Jammern hilft auch hier nicht weiter – es ändert nichts. Für alle Ferien-Wetter-Jammerer habe ich deshalb einen fantastischen Tipp: It never rains in… – Yuma, Arizona! Fahren Sie dorthin. An 4015 Stunden pro Jahr strahlt dort die Sonne vom wolkenlosen Himmel, jeden Tag durchschnittlich elf Stunden lang.

Kann Jammern denn auch gesund sein? Schliesslich lässt man ja auch Dampf ab.

Dampf ablassen ist bestimmt besser, als den Druck so weit steigen zu lassen, bis irreparable Schäden entstehen. Hingegen sollte man nicht so lange Dampf ablassen, bis null Energie mehr vorhanden ist. Ich empfehle deshalb, das laute Fluchen bewusst auf maximal zehn Sekunden zu begrenzen. Was ebenfalls hilft: Stellen Sie sich vor den Spiegel und schauen Sie sich beim Jammern zu. Das sieht meistens so lächerlich aus, dass Sie es kaum zehn Sekunden aushalten.

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Und wie kann ich vermeiden, dass ich überhaupt jammere?

Machen Sie sich einfach die Technik des Reframings zu eigen: Lernen Sie Sachverhalte, die in erster Linie negativ erscheinen, positiv umzudeuten. Wenn es in den Sommerferien halt mal regnet, dann können Sie zum Beispiel den Besuch eines Museums so richtig geniessen. Es gibt viele spannende Sachen, die man nicht machen würde, wenn die Sonne scheint. Überlegen Sie, was der Gewinn des Verlusts ist.

Wie kann ich reagieren, wenn andere jammern?

Sagen Sie einfach: «Es könnte noch schlimmer sein.» Oder liefern Sie pragmatische Lösungsansätze. Wenn jemand über den Stau nörgelt, dann raten Sie der Person, sie solle die öffentlichen Verkehrsmittel nehmen oder von Zuhause arbeiten. Und wenn das nicht hilft, sagen Sie unmissverständlich, wie schwach und ideenlos Ihnen Jammerlappen vorkommen. 

Gibt es Unternehmen die sich dafür einsetzen, ihre Mitarbeitenden positiver zu stimmen und jammern zu vermeiden?

Ja, natürlich. Nach wie vor steht Google zuoberst auf der Liste der beliebtesten Arbeitgeber. Die Firma schafft Rahmenbedingungen, in denen ein mentaler Zustand völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit möglich sind. Dank vielen Selbstbestimmungsmöglichkeiten erleben die Angestellten oft einen Schaffens-, beziehungsweise Tätigkeitsrausch. Psychologen nennen es «Funktionslust».

Ihre Geheimtipps betreffend Jammern und Work-Life-Balance?

Ich mag den Ausdruck Work-Life-Balance nicht. Er hört und fühlt sich so heilig, endgültig und unnahbar an – etwa wie Schleudertrauma, Glutenintoleranz oder Burn-out. In unseren Breitengraden gibt es wenig Ausreden, sich nicht zu verwirklichen. Natürlich hat es Konsequenzen, wenn man den eigenen Traum lebt und vor allem das tut, was Spass macht.

Doch wenn einem eine Tätigkeit sinnvoll erscheint, macht man sie gern ...

  • ... und was man gern macht, macht man normalerweise oft ...
  • ... und was man oft macht, kann man besonders gut ...
  • ... und was man gut kann, macht man noch lieber.

Das ist die Aufwärtsspirale der Menschen, die den Ausdruck Work-Life-Balance nicht brauchen. Make life work!

Zur Person

Dani Nieth (58) hat über 20 Jahre Seminar- und Coaching-Erfahrung. Er trainiert Teams und Einzelpersonen im Bereich Kommunikation, Verkauf und Präsentation. In seinem Bestseller «Jammern gefährdet Ihre Gesundheit» (mvg Verlag, München) stellt er ein 7-Tage-Entwöhnungsprogramm vor, das mit einfachen Strategien hilft, eigene Einstellungen und Sichtweisen zum Positiven zu verändern.

Quelle:

  • ¹ vgl. Mihaly Csikszentmihaly: Flow. Das Geheimnis des Glücks. Klett-Cotta Literatur, 2017. ISBN 978-3-608-94820-2
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Redaktorin, HR Today. mv@hrtoday.ch

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