Porträt: Andreas Piattini

«Ich bin eigentlich ein Bähnler»

Andreas Piattini, ein erfahrener HR-Spezialist im Bahnsektor, ist nach einem 3,5-jährigen Zwischenspiel bei den SBB zu den Jungfraubahnen zurückgekehrt. Das sei eine «Herzensangelegenheit» für ihn. Nun will er in der Jungfrau-Region seine gesammelten Erfahrungen einbringen.

Interlaken, Mitte November: Es ist ein grauer, regnerischer Tag und der Touristenstrom hält sich für hiesige Verhältnisse in engen Grenzen. Auch das berühmte alpine Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau blitzt nur kurz schneeweiss zwischen den dunklen Wolken hervor. «Der November ist traditionell der ruhigste Monat im Jahr», verrät mir ein Mitarbeiter des feschen «Top of Europe»-Flagshipstores. Das überrascht nicht: Die Highlights des international-mondänen Tourismusmagneten – beispielsweise das Jungfraujoch mit der höchstgelegenen Bahnstation Europas oder die modernste 3S-Bahn der Welt, der Eiger Express, der am Fusse der Eigernordwand vorbeifährt – entfalten ihre Schönheit besonders bei klarer Sicht.

Insgesamt kann Interlaken jedoch jedes Jahr mehrere Millionen Besucherinnen und Besucher aus aller Welt begrüssen: 2022 gab es einen Logiernächte-Rekord mit fast 2,9 Millionen Übernachtungen. Fun Fact: Das Verhältnis der Anzahl der Übernachtungen zur Einwohnerzahl ist in Interlaken fünfmal höher als in der englischen Hauptstadt London. All diese vielen Gäste wollen natürlich bewegt werden. Hier kommen die Jungfraubahnen (Jungfraubahn Holding AG und Berner Oberland-Bahnen AG) ins Spiel: Die börsenkotierte Jungfraubahn Holding AG bewirtschaftet nicht nur die historische Jungfraubahn, sondern auch die Wengernalpbahn, die Firstbahn, die Bergbahn Lauterbrunnen–Mürren und die Harderbahn. Dazu kommen – neben vielen weiteren Beteiligungen – eigene Restaurants, Läden und Parkhäuser und der Grindelwald Terminal. So vielseitig das Unternehmen ist, so unterschiedlich sind die Berufsprofile der Jungfraubahnen – es gibt Lokführerinnen und Zugbegleiter, Elektromonteurinnen, Gleisbauer, Shop Assistants, Pistenbullyfahrer, Gastropersonal, Büroangestellte und so weiter.

Andreas Piattini im Video-Interview mit HR Today-Chefredaktor Daniel Thüler. (Video: Faeh+Faeh)

Der Kreis schliesst sich

Verantwortlich für die bunte Truppe – inklusive Saisongeschäft im Sommer und im Winter rund 950 Leute – ist HR-Leiter Andreas Piattini. Das Regenwetter ist ihm nicht anzumerken – er begrüsst uns mit einem strahlenden Lächeln am Eingang des Firmengebäudes. «Der Kreis schliesst sich», sagt er. Vor rund drei Jahren sei HR Today schon einmal bei der Jungfraubahn gewesen, dies im Rahmen der Serie «HR-Team des Monats». «Ich koordinierte damals den Termin, doch weil mein Weggang zu den SBB bereits feststand, hielt ich mich im Hintergrund.» Umso mehr freue er sich nun auf das Gespräch.

Seit Anfang Oktober ist der 51-jährige Luzerner wieder an seinem früheren Wirkungsort im Berner Oberland tätig. Als Grund dafür nennt er eine Mischung aus Reflexion und Verbundenheit. «Ich hatte dieses Jahr zufällig Kontakt mit den Jungfraubahnen», erinnert er sich. «Als ich hörte, dass die Stelle HR-Leitung wieder frei würde, löste das bei mir emotional einiges aus.»

Dies habe zur Erkenntnis geführt, dass er mit den Jungfraubahnen und der Jungfrau-Region nie richtig abgeschlossen habe, obwohl er seinen Hauptwohnsitz nach wie vor in Luzern hat. «Meine Frau bestätigte mir das, und auch die Kollegen bei den SBB sagten, dass ich immer wieder Beispiele von den Jungfraubahnen brächte», fügt er hinzu. Für ihn sei seine Rückkehr daher eine Herzensangelegenheit gewesen. «Zudem hatte ich damals einen grossen Teil des zehnköpfigen HR-Teams selbst eingestellt», erklärt er. Dies ermöglichte ihm einen reibungslosen Einstieg, da er nicht von Grund auf neu beginnen musste, sondern an seine frühere Arbeit anknüpfen konnte.

Bei verschiedenen Bahnbetrieben Station gemacht

Andreas Piattinis beruflicher Weg begann mit einer klassischen SBB-Karriere. Nachdem er 1991 seine kaufmännische Ausbildung mit der Spezialisierung als Betriebsdisponent abgeschlossen hatte, arbeitete er kurzzeitig als Fahrdienstleiter und Personaldisponent in Zürich. «Dadurch kam ich schon in jungen Jahren schleichend in Kontakt mit personellen Themen», sagt er. Diese frühen Erfahrungen prägten seine Karriere, hielten ihn aber auch immer nahe am operativen Geschäft.

In den HR-Bereich stieg er dann vor 25 Jahren ein, gefördert vom damaligen Personalchef der SBB. «Ich absolvierte meine ersten HR-Fachausbildungen, was mir sehr gut gefiel, und wirkte an verschiedenen Projekten mit – beispielsweise 1999 bei der Neugründung von SBB Cargo», erinnert er sich. Nachdem er dort zwei Jahre lang vorwiegend im Projektmanagement tätig war, übernahm er leitende Personalbereichsfunktionen und absolvierte parallel dazu eine zial, auch bei den Jungfraubahnen.» Weiter habe er festgestellt, dass ein vorübergehender Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber die Sicht auf frühere Handlungen deutlich verändern könne. «Man kann diese ganz anders hinterfragen», sagt Piattini. «Viele Entscheidungen, die ich 2018 noch für richtig befand, halte ich heute für überholt.» Es falle einem viel leichter, diese zu überdenken, wenn es einen Unterbruch gab und man sich weiterentwickeln konnte.

Die Aufgaben bei seiner erneuten Tätigkeit bei den Jungfraubahnen sieht Piattini als weitgehend identisch mit jenen bei seinem ersten Einsatz. Allerdings habe sich seine Herangehensweise geändert: Er verschiebt nun den Fokus vermehrt von der Führung auf das Coaching des HR-Teams, da die Kompetenzen in der Zwischenzeit deutlich zugenommen haben. «Viele Teammitglieder, die früher noch wenig Erfahrung hatten, verfügen heute in vielen Bereichen, die die Jungfraubahnen betreffen, über ein tiefergehendes Wissen als ich selbst», sagt er. «Das hat meine Rolle verändert: Während ich früher vorangehen und alle mitziehen wollte, besteht meine Aufgabe heute vor allem darin, die individuellen Stärken der Teammitglieder zu bündeln und zu koordinieren.»

Andreas Piattini, HR-Spezialist, mit Logo der Jungfraubahnen im Hintergrund

Kürz und bündig

Jungfrau oder Schilthorn?

Jungfrau: Dieser Berg bedeutet mir emotional sehr viel und übt eine magische Kraft auf mich aus. Zudem war ich schon ganz zuoberst, was ein eindrückliches Erlebnis war.

Frühaufsteher oder Nachtmensch?

Eher Frühaufsteher: Wenn ich am Morgen aufstehe, läuft immer gleich sehr viel. Bei mir sprudeln sofort die Ideen, was meine Frau nicht immer nur toll findet.

Digitale oder gedruckte Medien?

Digitale Medien: Ich bin stark digital ausgerichtet und habe eigentlich immer die ‹Kiste› dabei.

Bergwandern oder Strandferien?

Bergwandern: Ich fühle mich in den Bergen zu Hause – sie sind mein Erholungsort. Man kann mich irgendwo aussetzen und ich vergesse die Zeit.

Gestalter oder Verwalter?

Gestalter: Ich habe den natürlichen Trieb, Sachen weiterzuentwickeln und Chancen zu sehen. Meist habe ich eher zu viele Ideen als zu wenige.

 

Einzigartige Herausforderungen

Als HR-Leiter bei den Jungfraubahnen ist Piattini mit einzigartigen Herausforderungen konfrontiert. «Das Unternehmen ist sehr breit aufgestellt», erklärt er. «Wir betreiben nicht nur verschiedene Zahnradbahnen, sondern auch Gastrobetriebe und Shops bis hoch zum Jungfraujoch, Wintersportanlagen, Seilbahnen und sogar ein Laufwasserkraftwerk.» Diese Diversität mache die Arbeit sehr spannend, stelle aber auch hohe Anforderungen: «Alles zu speisen ist sehr anspruchsvoll», sagt Piattini und betont die Notwendigkeit, die Eigenheiten jeder Branche zu verstehen. Und natürlich seien auch bei den Jungfraubahnen die üblichen pandemiebedingten Verwerfungen im Arbeitsmarkt zu spüren, besonders im Gastrobereich, auch wenn das Unternehmen dort mit Ganzjahresverträgen punkten kann.

Die Jungfraubahnen müssten deshalb in einem immer weiteren Radius rund um ihr Einzugsgebiet rekrutieren. «Dies mit dem Risiko, dass jemand, der nicht regional verwurzelt ist, uns auch eher wieder verlässt», sagt Piattini. «Problematisch ist das gerade im technischen Bereich, wo es oft zwei, drei Jahre dauert, bis jemand wirklich voll einsatz- und pikettfähig ist, während heutzutage viele nur drei, vier Jahre lang am gleichen Ort arbeiten wollen.» Es gelte deshalb, das Knowhow und die Leistungsfähigkeit trotzdem sicherzustellen.

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Jungfraubahnen Andreas Piattini HR-Spezialist geht neben einem ausgestellten Oldtimer aus Holz

Die Diversität der Produkte sei ein Grund, wieso die Arbeit bei den Jungfraubahnen so spannend, aber auch herausfordernd sei, sagt HR-Leiter Andreas Piattini. (Bild: Aniela Lea Schafroth)

Ebenfalls herausfordernd sei die geografische Situation. «Interlaken liegt nicht sehr zentral – unsere Schlüsselstandorte Jungfraujoch, Eigergletscher oder Kleine Scheidegg sind ziemlich abgelegen», erklärt er. «Der Arbeitsweg rauf und runter entspricht fast einer halben Tagesreise.» Hinzu komme, dass das Arbeiten auf 3000 bis 3500 Meter über Meer anstrengend sei – das gelte für den technischen Unterhaltsdienst genauso wie für die Gastronomie oder die Shops. «Wir müssen also spannende Jobs und gute Arbeitsbedingungen bieten.» Teilweise gehöre die Hin- und Rückfahrt deshalb zur Arbeitszeit. «Nichtsdestotrotz bleibt die Retention eine Herausforderung, besonders, wenn wir wieder zahlreiche Gäste begrüssen dürfen, wie jetzt nach der Pandemie », sagt Piattini. «Deshalb ist es sehr wichtig, darauf zu achten, dass das Personal nicht überlastet wird.»

Insgesamt sei das Commitment der Belegschaft aber sehr hoch, das habe eine Personalumfrage gezeigt. Piattini führt dies – neben der Marke «Jungfrau – Top of Europe» für die höchste Bahnstation Europas – auf die Stärken der Jungfraubahnen zurück: «Wir sind ein familiäres Unternehmen, unkompliziert und pragmatisch unterwegs und haben schnelle Entscheidungswege sowie eine hohe Kundenorientierung.» Und viele würden sich einfach freuen, in der schönen Jungfrau-Region zu arbeiten: «Es ist bei uns schon einfacher, das Feuer einzubringen als vielleicht bei einem Logistikunternehmen im Mittelland. Ich sehe unsere Situation deshalb auch eher als eine Chance denn als ein Problem an.» Aber natürlich müssten auch die Hard Facts stimmen, wie beispielsweise die Vergütung, wo sich die Jungfraubahnen am Markt orientieren.

Epilog

Nach dem Termin, der etwas länger dauerte als geplant und doch sehr kurzweilig war, lasse ich auf der Zugfahrt zurück in die Nordostschweiz unser Gespräch nochmals Revue passieren. Andreas Piattini hinterlässt den Eindruck einer versierten HR-Führungskraft, die tief in der Welt der Eisenbahn verwurzelt ist. Trotz seiner beeindruckenden Laufbahn und der Verantwortung, die seine Position mit sich bringt, wirkt er bodenständig und nahbar. Gleichzeitig erscheint seine Rückkehr ins Berner Oberland weniger wie eine karrierebezogene Entscheidung als vielmehr wie eine Wahl des Herzens – es dürfte also die richtige sein. Auch wenn er gerade erst angekommen ist: Gute Fahrt mit den Jungfraubahnen, Herr Piattini!

Jungfraubahn Holding AG

Die Jungfraubahn Holding AG umfasst elf Tochtergesellschaften, ist an der Schweizer Börse SIX kotiert und beschäftigt rund 950 Mitarbeitende. Sie betreibt einige der spektakulärsten Bahnlinien der Alpen. Mit Sitz in Interlaken steht die Holding insbesondere für die legendäre Jungfraubahn, die jährlich gegen eine Million Touristinnen und Touristen zum auf 3454 Meter über Meer gelegenen Jungfraujoch – Top of Europe befördert. Ebenfalls zu ihr gehören beispielsweise die Wengernalpbahn, die Firstbahn und die Harderbahn, die wesentlich zum regionalen Tourismus beitragen.

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Daniel Thüler

Daniel Thüler, Chefredaktor HR Today, daniel.thueler@hrtoday.ch

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