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Präsentismus: Anwesend abwesend

Krank oder nicht voll leistungsfähig zur Arbeit zu gehen, hat nichts mit Pflichterfüllung zu tun, sondern schadet der eigenen Gesundheit und dem Unternehmen. HR-Professionals sind gefordert.

Krankfeiern ist in der Arbeitswelt ein bekanntes Problem. Ein kaum beachtetes, aber dennoch viel grösseres Problem ist das Gegenteil davon, nämlich zur Arbeit zu gehen, auch wenn man krank ist und es der Gesundheitszustand noch nicht erlaubt oder die normale Leistung durch den angeschlagenen Gesundheitszustand nicht erfüllt werden kann.

Im Fachjargon nennt man das Präsentismus, in Anlehnung an den Begriff Absentismus. Die Mitarbeiter verordnen sich selbst Anwesenheitspflicht, auch wenn sie nicht voll leistungsfähig sind. Besonders in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und schlechter Konjunktur ist dieses Phänomen weit verbreitet. Wünschenswert ist das keineswegs. Die Heilung wird beeinträchtigt, was eine neue Arbeitsunfähigkeit verursacht.

Nicht nur die Produktivität und die Qualität der Arbeit sinken, die körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen wirken sich auch negativ auf die Konzentrationsfähigkeit aus, führen zu Fehlern und erhöhen die Unfallgefahr. Viele Arbeitgeber, aber auch Arbeitnehmer sind sich nicht bewusst, dass die blosse Anwesenheit das Unternehmen teurer zu stehen kommt als das Auskurieren der Krankheit. Die Kosten sind doppelt bis drei Mal so hoch, als wenn ein Mitarbeiter zu Hause bleibt und sich vollständig erholt.

Nicht gemeint mit Präsentismus ist der Umstand, dass ein motivierter Mitarbeiter seine Arbeit trotz vorübergehendem Unwohlsein weiterführt, oder die Praxis, mit einer aktiven Wiedereingliederung die frühe Rückkehr unter angepassten Bedingungen eines Mitarbeiters zu fördern. Allerdings darf dabei kein Druck ausgeübt werden.

«Präsentisten» schweben in Dauergefahr - und mit ihnen das Unternehmen

Präsentismus hat auch langfristige Folgen. Er begünstigt chronisch verlaufende körperliche und psychische Leiden wie Depressionen und Burnout. Auch das Herzkreislauf-Risiko wird erhöht. Es gibt Studien, die sogar einen Zusammenhang mit Langzeitarbeitslosigkeit nahelegen.

Die Ursachen von Präsentismus sind nicht nur die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und berufliche Nachteile, sondern auch falsches Pflichtbewusstsein der Firma und den Kollegen gegenüber sowie eine übermässige Identifikation mit der Arbeit. Laut Befragungen geht rund ein Drittel der Arbeitnehmer auch gegen den ausdrücklichen Rat des Arztes zur Arbeit.

Mitarbeitende extern beraten lassen - das hilft auch dem HR

Viele Firmen unterschätzen das Problem und weisen auf ihre niedrigen Abwesenheitsraten hin. Das ist nicht immer ein gutes Zeichen. Es reicht aber auch nicht, den Mitarbeitern bloss zu empfehlen, sie sollten im Krankheitsfall zu Hause bleiben. Viel entscheidender ist, dass die Vorgesetzten im Arbeitsalltag vorleben und zeigen, wie mit der wichtigsten Ressource – dem Menschen - umzugehen ist.

Was es heute in einem Betrieb braucht, ist ein Gesundheitsmanagement, das auf einem umfassenden Konzept beruht. Ein solches Konzept ist Aufgabe des Managements. Es ist Voraussetzung für ein Klima des Vertrauens und der offenen Kommunikation.

Sind die Mitarbeiter gefordert, aber nicht überfordert?
Bekommen sie die nötige Wertschätzung?
Haben sie die erforderliche Sensibilität für ihre eigene Gesundheit?

Leider schrecken viele Firmen vor einer solchen Bestandesaufnahme zurück, vor allem aus Angst vor den Konsequenzen. Denn oft ist das Management gefordert, an seinem Führungsstil zu arbeiten.

Ein sehr gutes Instrument ist die externe Mitarbeiterberatung. Sie führt zu einer sofortigen Entlastung der Personalarbeit. Studien zeigen eine deutliche Abnahme von Stress und eine klare Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Mitarbeitern. Auch finanziell zahlt sich die externe Mitarbeiterberatung aus. Sie gehört zu den lukrativsten Investitionen, die ein Unternehmen tätigen kann. Zudem ist sie ein deutliches Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern.

Tipps für Vorgesetzte und Mitarbeiter

  • Geben Sie Verantwortung für Ihre Arbeit ab und nehmen sie Verantwortung für sich und ihre Gesundheit wahr.
     
  • Wir sind keine Maschinen, Krankheit gehört zum Mensch-Sein.
     
  • Schädigen Sie sich nicht selber, indem Sie krank zur Arbeit gehen oder Medikamente zur Symptombekämpfung oder zur Leistungssteigerung nehmen müssen. Sie verzögern den Heilungsprozess und können zur Chronifizierung oder Abhängigkeit führen. 
     
  • Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten oder einer Vertrauensperson im Betrieb, wenn Ihnen die Arbeit über den Kopf wächst.
     
  • Überlegen Sie sich, ob Sie mit Ihrem Verhalten, krank zur Arbeit zu gehen, nicht Ihre Kollegen gefährden.
     
  • Überprüfen Sie als Führungskraft Ihr eigenes Verständnis von Krankheit und Gesundheit.
     
  • Ist Ihr Massstab für «krank und arbeitsunfähig» nicht zu eng? Provozieren Sie damit nicht unterschwellig den Druck bei den Mitarbeitern krank zur Arbeit zu kommen? Studien zeigen: Arbeitstätige mit einzelnen Krankheitstagen haben ein geringeres Sterberisiko als Mitarbeiter, die nie krank sind.

Präsentismus - ein Beispiel

Fünf Mitarbeiterinnen klagen über Nacken- und Rückenbeschwerden bei der Feinstarbeit am Mikroskop. Aus Kostengründen will der Arbeitgeber keine Massnahmen treffen. Die Ausfalltage sind nur leicht erhöht. Dennoch sind die Klagen ernstzunehmen, da solche Beschwerden zu Minderleistung von durchschnittlich 12 Prozent führen.

Bei einem Jahreslohn von Fr. 60’000 ergibt sich ein Produktivitätsverlust von 36’000.- Fr. 

Was ist zu tun?

Das Problem muss auf Managementebene nicht negiert, sondern erkannt werden. Das hat vor allem mit der Firmenkultur zu tun. In einem zweiten Schritt müssen die Arbeitssituation im Detail analysiert und Verbesserungen wie ergonomische Gestaltung und Tätigkeitsorganisation – Abwechslung, Pausenregelung etc – vorgenommen werden.

 

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Dr. med. Claudia Pletscher ist Arbeitsmedizinerin bei der Suva in Luzern. 

 

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