HR Today Nr. 11/2019: Im Gespräch

«Es braucht viel Feingefühl»

Seit ihrer Kindheit hat Denise de Quervain verschiedene Länder bereist und in etlichen Staaten gelebt. Entsprechend früh lernte sie, mit unterschiedlichen Kulturen und Gepflogenheiten umzugehen. Das hilft der 40-Jährigen bei Médecins Sans Frontières MSF (Ärzte ohne Grenzen) im HR-Marketing und in der Rekrutierung.

Médecins Sans Frontières ist weltweit eine der grössten medizinischen Hilfsorganisationen. Sie vereint nicht nur Ärzte und Pflegefachkräfte, sondern viele andere Berufsgruppen wie Logistiker und Administratoren. Wie begeistern Sie Menschen, für MSF zu arbeiten?

Denise de Quervain: Ich erzähle wahre Geschichten. Weil ich bei MFS selbst Auslandserfahrung gemacht habe, weiss ich, wovon ich spreche. Das ist mein Ass im Ärmel. Ich kann deshalb von Erlebnissen und Eindrücken berichten, die ich in krisengeschüttelten Ländern gesammelt habe. Etwa,  wie es ist, dort zu arbeiten, und wie dankbar die Menschen sind, wenn sie medizinische Betreuung bekommen, zu der sie sonst keinen Zugang haben. Auch davon, wie stolz man als MSF-Mitarbeitende sein kann, sinnvolle humanitäre Arbeit geleistet und dafür gesorgt zu haben, dass es diesen Menschen zumindest ein bisschen besser geht.

Der zweite wesentliche Vorteil ist, dass ich keine Medizinerin bin. Durch mich sehen Bewerbende, dass auch andere Berufsgruppen wie Administratoren, Kommunikationsexperten, Elektriker oder Mechaniker bei Médecins Sans Frontières äusserst willkommen sind. Häufig wird ja angenommen, dass bei MSF nur Mediziner arbeiten.

Haben Sie Mühe, Mitarbeitende zu finden?

Grundsätzlich nicht. Wir haben einen guten Ruf und geniessen eine hohe Glaubwürdigkeit. ­Zudem ist MSF in der Schweiz ein bekannter Brand. Allerdings müssen wir die ­lokalen Arbeitsmärkte laufend analysieren und gegebenenfalls unsere Rekrutierungsstrategien anpassen, da wir nicht in jedem Land gleich gut qualifizierte Mitarbeitende finden.

Wir rekrutieren ja nicht nur internationale Mitarbeitende, sondern auch lokale Kollegen vor Ort. Brauchen wir beispielsweise ein Chirurgenteam im Irak und finden in Syrien fähige Mediziner, die bereits für MSF gearbeitet haben, versuchen wir, diese in den Irak zu holen.

Auf welche Merkmale achten Sie bei der Auswahl an Bewerbungen?

Wir erhalten viele Bewerbungen. Das ist schön, denn es zeigt, wie viele Menschen für MSF arbeiten wollen. Viele Dossiers können wir aber nicht berücksichtigen, weil sie mit den Anforderungsprofilen nicht übereinstimmen. Die Einstellungskriterien für internationale «Feld-Mitarbeitende» haben sich verschärft, weshalb auch unsere Anforderungen gestiegen sind. So achten wir vermehrt auf Kompetenzen wie Vielseitigkeit, Sozial- und Kulturkompetenzen sowie Flexibilität und Professionalität.

Generalisten sind besonders im Logistikbereich gefragt, aber auch in der Chirurgie: Ein MSF-Chirurg führt nicht selten an einem Tag einen Kaiserschnitt durch und versorgt am nächsten Tag eine Schusswunde. Spezialisten benötigen wir vor allem im Sanitärbereich und bei der Wasseraufbereitung, damit wir beispielsweise bei einem Ebola-Ausbruch Wasserversorgung und Hygienestandards gewährleisten können.

Eine altruistische Ader für solche Aufgaben reicht kaum. Wie finden Sie die passenden Leute?

Wir legen von Anfang an viel Wert auf den persönlichen Kontakt mit Bewerbenden. So können wir die Menschen besser kennenlernen. Ob jemand unseren grundsätzlichen Anforderungen entspricht, versuchen wir zunächst über ein Telefonat herauszufinden. In einem zweistündigen Gespräch an unserem Sitz in Genf eruieren wir, wie sich jemand bei Teamkonflikten verhält und wie er oder sie mit Extrembedingungen klarkommt.

Während eines siebentägigen Vorbereitungskurses spielen wir mit den Kandidaten Situationen durch, die auch in Krisengebieten vorkommen. Beispielsweise, wie man mit einem Masernausbruch in einem Flüchtlingslager umzugehen hat. Aber auch vermeintlich banale Themen kommen zur Sprache. Etwa, wie eine Sitzung abzulaufen hat und wie Mitarbeitende mit anderen Kulturen und Gepflogenheiten umgehen sollten. Bei so unterschiedlichen Team-Mitgliedern, die aus zehn verschiedenen Nationen stammen und in ganz anderen Kontexten arbeiten, kann es durchaus vorkommen, dass alle ein anderes Verständnis von Kommunikation haben.

Hilfe vor Ort kann man aber erst leis­ten, wenn es teamintern stimmt. HR-Management hat deshalb vor Ort viel damit zu tun, wie man die Leute behandelt und sie wahrnimmt. Dazu braucht es viel Feingefühl.

Wie schützen Sie Ihre Mitarbeitenden in Krisengebieten?

Wir arbeiten nach fixen Sicherheitsguidelines. Diese schreiben beispielsweise vor, zu welcher Tageszeit internationale Mitarbeitende sich vor Ort bewegen dürfen – es gibt also je nach Land und Region Ausgangssperren und Ähnliches. Darüber hinaus leben wir die humanitären Prinzipien von MSF wie Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit, egal wo wir sind. Diese Prinzipien schützen uns natürlich nicht zu 100 Prozent, sie verschaffen uns aber Zugang und oft auch einen gewissen Schutz in der lokalen Bevölkerung, mit der wir sowieso eng zusammen arbeiten.

Beispielsweise, indem wir die Menschen vor Ort sensibilisieren und sie darüber aufklären, weshalb wir da sind und was wir tun. Dadurch entsteht Akzeptanz und Vertrauen, was zusätzlich ein Gefühl von Sicherheit bei den MSF-Mitarbeitenden auslöst.

Haben Mitarbeitende ein Projekt schon abge­brochen?

Ja, das ist vorgekommen. Einer der Projektkoordinatoren, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sprach in diesem Zusammenhang von einer Waage mit drei Schalen. Diese müssen im Gleichgewicht sein, damit man sich bei einem MSF-Einsatz wohlfühlen kann: Solltet ihr euch nicht sicher fühlen, sollten Teamzusammensetzung und Teamdynamik nicht stimmen oder sollte die professionelle Erwartung von MSF nicht mit euren Vorstellungen und Kompetenzen übereinstimmen, besteht die Möglichkeit, auch einen Auslandseinsatz abzubrechen. Glücklicherweise passiert dies aber recht selten.

Zur Person

Denise de Quervain wächst in mehreren Ländern auf. Die heute 40-Jährige verbringt Kindheit und Jugendjahre in Algerien, Indonesien, Nigeria und den USA. Das Gymnasium absolviert sie in der Schweiz. 2009 beginnt in Berlin ihre Zeit bei Médecins Sans Frontières MSF (Ärzte ohne Grenzen) mit einem Praktikum im HR. 2013 tritt Denise de Quervain ihren ersten MSF-Einsatz ins Ausland an und ist als Finance-HR-Project-Manager neun Monate im Tschad. Ein halbes Jahr später folgt der nächste Afrika-Einsatz im Ost-Kongo, dann ein dritter in der Zentralafrikanischen Republik. Seit April 2017 ist sie zurück in Zürich und in ihrer Funktion als HR Marketing and Association Network Officer für HR Marketing und Rekrutierung zuständig.

Médecins Sans Frontières & Infoveranstaltung

Médecins Sans Frontières MSF (Ärzte ohne Grenzen) ist eine der grössten humanitären NGOs (Non-governmental organization) mit weltweit über 47'000 Mitarbeitenden, wovon 90 Prozent lokal rekrutiert werden. Weltweit koordiniert MSF Schweiz über 60 Projekte in 25 Ländern. An verschiedenen Rekrutierungsanlässen stellt sich MSF dem interessierten Publikum vor.

Beispielsweise am 26. November 2019 am Universitätsspital in Zürich. msf.ch/de/mitarbeiten/infoveranstaltungen

 

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Online-Redaktorin, HR Today. es@hrtoday.ch

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