HR Today Nr. 3/2019: Debatte

Hobbys haben im CV nichts zu suchen

Viele Bewerbende erwähnen ihre Hobbys im Lebenslauf. Aber bringt das etwas? Oder ist es – je nach Hobby – gar kontraproduktiv? Zwei Personaler kreuzen die Klingen.

Etienne Besson: «Recruiter finden die Hobbys der 
Kandidaten meist langweilig. 
Ausserdem sind die Angaben ein 
Stressfaktor.»

Zuerst muss ich ein Geständnis loswerden: Ich habe eigentlich gar kein Problem mit Hobbys im Lebenslauf. Ich finde sie eher unnötig, da sie häufig ganz einfach langweilig sind.

Aber ich provoziere gerne, vor allem wenn daraus spannende Diskussionen entstehen. Deshalb – wie heisst es so schön – «let the battle begin».

1. Hobbys im CV sagen oft nicht viel aus. Warum?

Viele Kandidaten erwähnen Dinge wie Lesen, Kino, Kochen und Freunde treffen. Wie langweilig. Vielleicht denken sie, dass Hobbys nun mal in einen Lebenslauf gehören, und schreiben dann irgendetwas rein.

Andererseits bin ich davon überzeugt, dass jeder Mensch interessant ist. Könnte es also sein, dass sie sich gar nicht getrauen, das zu erwähnen, was sie wirklich begeistert?

Hobbys: Heavy Metal hören und Game of Thrones schauen! Da könnte ein Recruiter ja denken, dass ich nächtelang Fernsehserien schaue, zu Gewalt neige und am nächsten Morgen (falls überhaupt) völlig verkatert zur Arbeit erscheine. Also vielleicht doch lieber Reisen, Natur und Briefmarken?

2. Es ist gegen das Datenschutzgesetz

Ich bin kein Arbeitsrechtsspezialist, aber soviel ich weiss darf man nur nach Dingen fragen, die für den Job wirklich relevant sind.

Ein Buchhalter geht regelmässig ins Kino, ein Programmierer kocht leidenschaftlich gern und ein Personaler trifft häufig seine Freunde. Spielt das wirklich eine Rolle für den Job?

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich etwas übersehe, und bin gespannt, wie Leandra Moser hier kontert.

3. Hobbys werden gegen Bewerber verwendet

Ich habe bereits den möglicherweise gewalttätigen Metal-Head erwähnt. Aber auch «seriöse» Freizeitbeschäftigungen könnten gegen Bewerber verwendet werden. Zum Beispiel:

  • Macht keinen Mannschaftssport: Diese Person ist wahrscheinlich nicht teamfähig.
  • Macht gar keinen Sport: Ist 
sicher oft krank.
  • Engagiert sich politisch oder in einem gemeinnützigen Verein: Wird sich nicht voll auf den Job konzentrieren, hat ja noch andere Interessen und Verpflichtungen.
  • Gibt zweimal pro Woche Zumba-Unterricht: Ist eindeutig nicht flexibel. Muss an diesen Tagen rechtzeitig gehen und kann nicht spontan länger bleiben, wenn wieder eine Feuerwehrübung ansteht.

Deshalb finde ich, dass wir mit den Hobbys im Lebenslauf aufhören sollten. Für Recruiter sind sie meist langweilig und für die Kandidaten stellen sie einen unnötigen Stressfaktor dar: Welches Hobby soll ich im Lebenslauf erwähnen, damit ich den Job kriege?

Leandra Moser: «Kandidaten fühlen sich plötzlich 
noch gezwungen, ihre Hobbys zu 
beschönigen, damit kein falscher 
Eindruck entsteht.»

In fast allen Lebensläufen, die ich im Rahmen der Rekrutierungen durchlese, steht am Schluss etwas über Hobbys oder Interessen. Hand aufs Herz: Ich überfliege diese meist, denn wirklich entscheidend sind sie bei der Beurteilung einer Bewerbung für mich nicht. Sie werden erst bei der Vorbereitung auf ein Gespräch interessant, da sie mir dann Einstiegs- und Anhaltspunkte bieten, um das Gespräch zu eröffnen. Aber eins nach dem anderen.

1. Hobbys im CV sagen oft nicht viel aus. Warum?

Ich verstehe den Punkt von Etienne Besson sehr gut, dass viele einfach etwas hinschreiben, ohne wirklich etwas auszusagen. Da würde ich mir wünschen, dass das Hobby «Lesen» oder «Musik» etwas ausführlicher beschrieben wird. Welche Bücher? Weshalb? Was fasziniert mich daran? Wieso gibt mir das den Ausgleich? Und so kann etwas Nichtssagendes plötzlich wahnsinnig spannend werden.

Der Interpretationsspielraum ist natürlich gross und ein Mensch kann durch eine simple Erwähnung von einem Hobby innert Sekunden abgestempelt werden. Aber hier vertraue ich auf die Recruiter, dass sie mit solchen Informationen umgehen können.

2. Es ist gegen das Datenschutzgesetz

Ich bin ebenfalls keine Arbeitsrechtsspezialistin, aber ich meine mich zu erinnern, dass wenn ein Bewerber von sich aus Dinge erwähnt, die für den Job nicht relevant sind, wir auch danach fragen dürfen. Wenn im CV nichts über Hobbys und Interessen steht, dann frage ich meistens nicht.

3. Hobbys werden gegen Bewerber verwendet

Bei diesem Thema und Argument werde ich – zugegeben – etwas ungemütlich. Wenn Rückschlüsse auf eine Persönlichkeit dermassen frei interpretiert werden, ohne dass man die Person jemals zuvor gesehen oder gesprochen hat, dann ist das nicht in Ordnung. Es ist, wie ich anfangs erwähnt habe, eine gute Gelegenheit, mehr über einen Menschen zu erfahren, und sollte nicht dazu benutzt werden, jemanden abzustempeln. Wenn wir Recruiter die Menschen dazu zwingen, sich für den Lebenslauf «ideale» Hobbys zu suchen, haben wir dann nicht etwas Grundsätzliches in unserem Job nicht verstanden?

Betrachten wir den Menschen doch wieder als Ganzes und beschränken ihn nicht auf einen Job, den er acht Stunden am Tag ausübt. Jeder Mensch gestaltet seine Freizeit unterschiedlich und jeder hat seinen eigenen Weg, den Ausgleich zu Stress und Druck zu finden. Ich würde mir nicht anmassen, dies zu werten. Denn am Schluss wollen wir doch Menschen einstellen und wir alle wollen als solche behandelt und wahrgenommen werden.

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Etienne Besson ist seit über 20 Jahren als HR Generalist tätig. In seiner Freizeit begeistert er sich für die Online-Rekrutierung und allem, was mit dem Internet zu tun hat. Seit Mitte 2015 bespielt er den Podcast für HR Today und ist auch Mitorganisator des HR BarCamp Zürich.

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Leandra Moser

Leandra Moser ist HR-Leiterin beim Informationstechnologie-Anbieter Netstream. Ihr Flair fürs Recruiting entdeckt sie bereits mit knapp 23 Jahren beim Start-up Academics4business. Seither hat sie das Thema nie mehr losgelassen.

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Es ist doch wie bei allen anderen Themen – es gibt immer eine Kehrseite.
Überlassen wir es doch einfach den Bewerbenden, ob sie Hobbys angeben wollen oder nicht. Im Gegenzug drehen wir ihnen aber auch keinen Strick daraus.

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