Back to Kindergarten
Wie sich künstliche Intelligenz auf unser Leben auswirkt, wird aktuell heiss diskutiert. Häufig stehen dabei gesellschaftliche, ethische und regulatorische Fragestellungen im Vordergrund. Während wir in dieser Hinsicht das Spielfeld klar einzugrenzen, sollten wir bei der Frage, wie wir lernen, diese Instrumente in Organisationen wirkungsvoll einzusetzen, den Raum maximal öffnen. Nicht die Schule soll uns dabei als Vorbild dienen, sondern der Kindergarten.

Schon seit meiner Erstausbildung zur Primarlehrerin fasziniert mich, was Menschen dazu bringt, über sich selbst hinauszuwachsen. Dabei geht es mir nicht um das Brechen von Rekorden oder Eingehen waghalsiger Abenteuer, sondern vielmehr um die Frage, wie wir ein Leben lang neugierig bleiben und wachsen. Meine nachfolgenden Gedanken zum sinnvollen Umgang mit künstlicher Intelligenz sind daher nicht (nur) das Ergebnis meiner Begeisterung für neue Technologien. Vielmehr basieren sie auf meinem persönlichen Antrieb, der sich wie ein roter Faden durch meine Biographie zieht. Sie haben auch nicht den Anspruch, künstliche Intelligenz einzuordnen oder zu erklären, sondern sind als Gedankensammlung gedacht.
Yes is more
Damit Neues uns berühren, irritieren oder gar ein Stück weit verändern kann, braucht es vor allem eines: Offenheit. Deshalb starten wir mit dem Credo des dänischen Architekten Bjarke Ingels: «Yes is more». Ingels nennt seine Haltung «pragmatischen Utopismus». Statt Widersprüche aufzulösen, indem er sich für eine Seite entscheidet, sagt er Ja zu allen Anforderungen, auch zu jenen, die sich scheinbar ausschliessen, und sucht nach Lösungen, die sie verbinden. Diese Haltung ist auch beim Lernen hilfreich: Wer Neues nicht sofort einordnet oder abwehrt, sondern ihm neugierig begegnet, schafft den Raum, in dem Lernen überhaupt erst geschehen kann.
Was fällt weg, was können wir gewinnen?
In vielen Debatten zur künstlichen Intelligenz steht die Frage «Was kann KI schlechter als der Mensch?» oder «Welche Aufgaben sollen nicht KI überlassen werden?» zu dogmatisch im Fokus. Viel spannender ist hingegen die Frage, wie künstliche Intelligenz entlang der Wertschöpfungskette optimal in Ergänzung zum Mensch eingesetzt werden kann.
Bereits seit der Industrialisierung wird die Faszination für den Fortschritt von der Angst flankiert, dass Menschen auf dem Abstellgleis landen. Diese Bedenken müssen wir ernst nehmen, insbesondere im Hinblick auf das nie dagewesene Tempo, mit dem künstliche Intelligenz in unserer Wirtschaft und in unserem Alltag Einzug hält. Ein gutes Beispiel sind Software-Programmierer. Sie schreiben heute weniger Code, beaufsichtigen aber gleichzeitig mehrere Agenten und lösen komplexere Aufgaben. Ein Teil der Programmierer sieht dies als spannende Entwicklung, ein Teil vermisst den Wegfall eines Handwerks, das ihnen lieb war. Statt mit dieser Entwicklung zu hadern oder uns von der Angst, durch künstliche Intelligenz ersetzt zu werden, lähmen zu lassen, sollten wir unsere Energie auf die Frage konzentrieren, welche neuen Superkräfte wir gewinnen. Was ist plötzlich möglich, was noch vor kurzem undenkbar war? Ich mag in diesem Zusammenhang auch den Gedanken eines «extended Minds», welcher unser eigenes Potenzial ergänzt oder gar multipliziert. Dass die Schnittstelle zwischen Mensch und KI höchst dynamisch ist, bringt Ethan Mollick mit der Metapher der «gezackten Grenze» treffend auf den Punkt. Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir am Thema dranbleiben. Was heute undenkbar ist, wird morgen Realität und übermorgen eine Selbstverständlichkeit.
Das Spielfeld neu denken
In der wirtschaftlichen Debatte rund um KI dominieren meist Effizienzüberlegungen – also finanzielle oder zeitliche Einsparungen. Das ist legitim, zeugt aber von einer sehr oberflächlichen Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Potenzial von KI. Eine vertiefte Auseinandersetzung – sei dies aus der Sicht eines Individuums, eines Teams oder der ganzen Organisation – über reine Effizienzgewinne hinaus ermöglicht der folgende Dreiklang:
- Was machen wir mit den gewonnenen +20%?
- Was machen wir, wenn wir das ganze Spielfeld (also 100%) neugestalten können?
- Was machen wir, wenn uns ein zusätzliches Spielfeld geschenkt wird?
Damit verbunden stehen plötzlich die Fragen im Raum «Wer könnte ich morgen sein?» und «Wie wollen wir den «KI-Sprung» gezielt einsetzen?».
Repurpose Work
Wenn wir von Zusammenarbeit sprechen, so war bis anhin immer menschliche Zusammenarbeit gemeint. Mit künstlicher Intelligenz wird diese Logik durchbrochen. Uns stehen in Zukunft unbegrenzt Sparringpartner, Lern-Coaches, Rechercheure, fleissige Helfer, Übersetzer (Fremdsprache, Beamtensprache, Teenager-Sprache…), Berater und sogar gnadenlose Kritiker zur Verfügung. Um Komplexes zu bewältigen und Vielschichtiges zu verstehen, braucht es plötzlich nicht mehr grosse Teams. Dies ist kein Aufruf zum Sololauf, sondern vielmehr zu einer Ermächtigung, uns bewusst Gedanken zu machen, wie wir die gewonnene Autonomie und Souveränität gezielt einsetzen wollen. Kaum haben wir das Thema «hybride Zusammenarbeit» einigermassen verdaut, sind wir erneut gezwungen, unsere Vorstellungen von guter Arbeit und Zusammenarbeit zu hinterfragen. Nennen wir diesen Prozess des laufenden Verstehens, Einordnens und Gestaltens von Arbeit «Repurpose Work» - er wird zu einer Schlüsselfunktion für eine Arbeitswelt, in der Menschen aufblühen.
Lernen durch Handeln
Der renommierte Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa stellt im Zuge der Publikation seines letzten Buches fest, dass wir immer weniger selbständig handeln und bloss noch entlang von Vorgaben vollziehen. Im Zuge dessen bemängelt er, dass die Spielräume bei der Arbeit immer kleiner werden, bzw. teils ganz verschwinden. Sein Fazit: «nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie» (NZZ, 12. März 2026). Bereits Jahrzehnte zuvor ist die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870–1952) mit dem fiktiven Zitat eines Kindes zu einem ähnlichen Fazit gekommen: «Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld, meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will.» Genau diese Gedanken stecken in den Konzepten «Lernen durch Handeln» und «Action Learning». Wir lernen dann am meisten und mit Freude, wenn wir uns Neues selbst erarbeiten können. Deshalb ist gute betriebliche Aus- und Weiterbildung kein Schulzimmer oder eine digitale Lernplattform, sondern ein Marktplatz, wo Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen und gemeinsam echte Probleme lösen und Neues erschaffen.
Wir haben es in der Hand
Wenn wir aktuelle Forschungsergebnisse zur Frage, wie sich künstliche Intelligenz auf die Arbeitswelt auswirkt, studieren, stossen wir auf zwei Erzählungen. Das rosarote Bild verspricht uns endlose Produktivitätsgewinne und zeichnet das Bild von Menschen, die nur noch tun, was sie lieben. Das düstere Bild warnt vor Überwachung, Entmenschlichung, Abhängigkeit und Unselbständigkeit. Die zentrale Frage hinter diesen beiden Zukünften ist jedoch nicht, ob KI gut oder schlecht ist, sondern viel mehr, wie wir sie sinnvoll in die Arbeitswelt integrieren wollen. Denn KI verändert nicht nur unsere Arbeitsinhalte, sondern auch, wie wir uns als Arbeitende fühlen. Ob wir uns dabei als noch wirksamer empfinden oder die Entfremdung überhandnimmt, ist keine Eigenschaft der Technologie, sondern eine Frage der Gestaltung. Und genau hier liegt unsere Macht: wer Menschen und Organisationen führt, hat nicht nur Verantwortung für die Ergebnisse, sondern gleichermassen auch für die Art und Weise, wie diese zustande kommen. Oder wie es eine aktuelle Studie auf den Punkt bringt: «Die Kernfrage lautet (…) nicht, ob man KI in den Arbeitsprozess integriert, sondern wie eine KI-Integration gestaltet werden kann, die technologische Potenziale ausschöpft und zugleich jene menschlichen Faktoren erhält, die für das psychische Wohlbefinden unerlässlich sind.»
Organisationen brauchen Spielplätze
Künstliche Intelligenz ist kein Thema, das wir frontal schulen können. Zum einen entwickelt sie sich so dynamisch, dass ein ständiger Lernprozess und ein hoher Grad an Eigenverantwortung nötig sind, um Schritt halten zu können. Zum anderen sind die Mehrwerte, die KI stiften kann, je nach Person, Situation und Kontext ganz unterschiedlich. Mitchel Resnick, Professor für Bildungsforschung am MIT Media Lab, plädiert in seinem Buch «Lifelong Kindergarten» für eine spielerische und kreative Lernkultur in allen Lebensphasen als Antwort auf die Frage, wie ein gelungener Umgang mit Veränderungen gelingt. Es gilt also nicht, die Mitarbeitenden zu KI-Experten zu «schulen», sondern es geht vielmehr darum, dass sie KI als ein kreatives Medium verstehen, das sie spielend erkunden können. Auf unseren Organisationalltag übertragen: warum nicht in jedem Team-Meeting einen «KI-Trick» zeigen, auch wenn dieser vielleicht gar keinen unmittelbaren Bezug zum Geschäftlichen hat? Der Punkt ist simpel, wenn wir einen verspielten Umgang mit künstlicher Intelligenz haben, wächst das Vertrauen in uns und unsere Fähigkeiten, und wir probieren mutig Neues aus. Genau das ist der ideale Nährboden für eine Innovationskultur, in der jede/r seinen/ihren Job laufend hinterfragt und weiterentwickelt.
Orientierung durch Vision, Strategie und Werte
An der diesjährigen nationalen Tagung für betriebliches Gesundheitsmanagement fragte ich in meiner Rolle als Moderatorin den ehemaligen Forschungschef der NASA und ETH-Professor Thomas Zurbuchen, wie Organisationen neue Technologien und insbesondere künstliche Intelligenz erfolgreich einführen können.
Wie können Organisationen neue Technologien und insbesondere künstliche Intelligenz erfolgreich einführen?
Er antwortete mit der Metapher einer Schere, die dann funktioniert, wenn sie gut schliesst. Im übertragenen Sinn bedeutet dies: Es ist in der Verantwortung der Unternehmensleitung, top-down Orientierung durch eine klare Vision, Mission, Strategie und Werte zu stiften. Gleichzeitig gilt es, ideale Rahmenbedingungen für ein spielerisches Experimentieren bottom-up zu schaffen.
Für eine erstrebenswerte Zukunft der Arbeit wünsche ich mir, dass wir weniger Energie damit verschwenden, über künstliche Intelligenz herzuziehen und Dinge als nicht kreativ oder schöpferisch abtun, wenn künstliche Intelligenz im Spiel ist. Stattdessen sollten wir unseren Fokus auf die bewusste Gestaltung von Arbeit und eine «Yes-is-more»-Haltung richten, kombiniert mit einem spielerischen Herantasten. Für Individuen wie für Organisationen geht es aktuell um die Frage, welche neuen Räume wir mit KI öffnen und wie wir brachliegendem Potenzial zum Durchbruch verhelfen können. Am meisten wünsche ich mir, dass es uns gelingt, diesen Prozess nicht im Krisenmodus zu stemmen, sondern dass wir das Erkunden von Neuem als eine lustvolle Bereicherung empfinden. Raus aus der Bequemlichkeitsfalle, zurück in den Kindergarten!
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