HR Today Nr. 3/2019: Porträt

Das Energiebündel

«Wächst man in einer anderen Kultur auf, lernt man, was Toleranz und Respekt bedeuten», sagt Astrid Kaiser. Sechs Jahre ihrer Kindheit verbringt die HR-Leiterin des Bürgenstock Resorts 
in Johannesburg und nimmt viele Erlebnisse aus Afrika mit nach Basel zurück. 
Hilfreiche Eindrücke, wie sich in ihrem späteren Berufsleben herausstellt.

Der Umzug mit fünf Jahren nach Johannesburg ist kein sonderlicher Kulturschock. «Als Kind findet man den Anschluss schneller», sagt Astrid Kaiser. Sie geht dort zur Schule, findet Freunde, spricht Englisch und Afrikaans. Kaiser lernt, wie es ist, «fremd» zu sein, aber auch, was Toleranz bedeutet. «Wahrscheinlich habe ich deshalb keine Angst vor anderen Kulturen. Weil ich selbst erlebt habe wie es ist, in einem anderen Land zu leben.»

Die Rückkehr nach Basel ist für die Elfjährige hingegen hart. Insbesondere in den ersten Tagen und Wochen hat Astrid Kaiser das Gefühl, dass mit dem Umzug für sie eine Welt zusammenbricht, denn ihre Freunde musste sie in Afrika zurücklassen. Wieder ist sie «fremd». Doch weil sie immer noch ein Kind ist, lebt sie sich in Basel rasch ein und nimmt aus dieser Zeit vor allem eine Erkenntnis mit: Man kann überall zu Hause sein, wenn man sich darauf einlässt.

Der Mitarbeiter als «Gast»

Sie ist Anfang zwanzig, als sie während des Studiums bei einem Pizzakurier jobbt und an einer Bar in einem Skigebiet Gäste bedient. Mit Menschen zu arbeiten und ein Gefühl der Zufriedenheit bei ihnen zu hinterlassen, gefällt ihr. Auch die Lebhaftigkeit der Gastronomie passt zu Kaisers Temperament: «Ich war schon immer ein Energiebündel.» 2002 schliesst sie die Hotelfachschule ab und arbeitet weiterhin «an der Front»: in einer Trend-Bar, einem Gault-Millau-Restaurant und in einem Fünf-Sterne-Betrieb.

Dann erhält sie die Chance auf einen Bürojob. Was nicht selbstverständlich ist, findet Kaiser, «denn viele, die an der Gastronomie-Front arbeiten, möchten irgendwann ins Büro wechseln. Solche Stellen gibt es jedoch nicht wie Sand am Meer.» Als Assistant Manager und spätere Geschäftsführerin des Restaurants Bohemia in Zürich kommt Astrid Kaiser zum ersten Mal richtig in Berührung mit HR. Sie führt 42 Mitarbeitende, macht Entwicklungspläne, schreibt Arbeitszeugnisse, führt Mitarbeitergespräche und rekrutiert. Von nun an sind die Mitarbeitenden ihre «Gäste».

Leidenschaft fürs Talentmanagement

Astrid Kaiser bleibt über sechs Jahre beim Bohemia. Nebenbei macht die 35-Jährige entsprechenden Weiterbildungen als Personalassistentin und eidg. dipl. HR-Fachfrau. Das öffnet ihr Tür und Tor zur HR-Welt. «Ich musste mich selten aktiv auf die Suche nach einem Job machen. Die Anfragen kamen einfach so rein.» So auch von der ZFV-Gastronomiegruppe im Oktober 2009, wo Kaiser zur stellvertretenden Personalchefin ernannt wird.

Dort gibt es klare Strukturen und Prozesse – anders als bei ihren vorherigen Tätigkeiten. Astrid Kaiser erhält bei den ZFV-Unternehmungen Einblick in verschiedene Bereiche: Sie assistiert bei sämtlichen HR-Projekten und betreut die Aus- und Weiterbildung.

Am meisten Freude bereitet ihr das Talentmanagement. «Das Potenzial der Mitarbeitenden zu erkennen und sie so einzusetzen, dass beide Seiten profitieren, und das Talent jedes Einzelnen zu fördern, das ist für mich HR.»

Fronterfahrung als Bonus

Astrid Kaiser lernt beim ZFV auch die unangenehmen Seiten des HR kennen: Etwa, wie man Mitarbeitende auf Probleme anspricht und Lösungen erarbeitet, die dem Einzelnen und dem Team nützen. Da bewährt sich ihre langjährige Fronterfahrung. Denn von den Mitarbeitenden wird Kaiser nicht als unnahbare Chefin angesehen, sondern eher als «eine von uns», die weiss, wovon sie spricht und faire Entscheide trifft. Kaiser bleibt sieben Jahre.

Bis sie 2016 ein Angebot aus der Innerschweiz erhält: Das brandneue Bürgenstock Resort will Astrid Kaiser als HR-Managerin gewinnen – für Kaiser ein Aufstieg auf der Karriereleiter. Sie sagt begeistert zu. Wohlwissend, dass sie eine völlig neue Situation erwartet: fast keine Strukturen, keine klaren Ansprechpersonen, eine «grüne Wiese». Mit allen Vor- und Nachteilen: «Einerseits konnte ich etwas von Grund auf aufbauen, andererseits musste alles gleichzeitig passieren: das HR etablieren, Strukturen schaffen und viele Mitarbeitende rekrutieren.» 450 Mitarbeitende müssen her, bevor das Resort im Sommer 2017 eröffnet. «Ein ziemlicher Hoselupf.»

Bei den Unbegeisterten die Begeisterung wecken

Geduld ist gefragt bei dieser Herkulesaufgabe: Sie muss Prioritäten setzen und trotz Zeitdruck eine Aufgabe nach der anderen anpacken. «Gelassenheit, eine gehörige Portion Humor und Positivität waren sehr wichtig, und sind es noch heute», erzählt Astrid Kaiser. So ist die Arbeit im Bürgenstock Resort noch lange nicht abgeschlossen. Die HR-Abläufe sollen gefestigt, das Qualitätsmanagement perfektioniert und das Gesundheitsmanagement sowie das Employer Branding vorangetrieben werden. «Employer Branding deshalb, weil es heutzutage immer weniger begeisterte Service- oder allgemein Gastronomieangestellte gibt», erklärt Kaiser. «Die Attraktivität dieses Jobs hat in den letzten Jahren gelitten: Er sei zu stressig mit unregelmässigen Arbeitszeiten.» Das Image des Bürgenstock Resorts als Arbeitgeber will sie hochhalten.

Ausserdem ist die Rekrutierung nicht abgeschlossen. Dabei unterscheiden sich laut Kaiser die Mitarbeiteranforderungen eines Fünf-Sterne-Resorts nicht sonderlich von einem anderen Betrieb. Die Einstellung des künftigen Mitarbeitenden steht für sie im Vordergrund, sprich: die Freude an der Arbeit und seine Sozialkompetenz.

Zur Person

Astrid Kaiser wird 1975 in Basel geboren. Als sie sechs Jahre alt ist, zieht sie mit ihrer Familie nach Johannesburg. In Südafrika besucht sie die Schule, lernt Englisch und Afrikaans. 1985 kommt sie zurück nach Basel. Dort besucht sie das Gymnasium und studiert an der Uni Basel. Daneben jobbt sie in der Gastronomiebranche.

2002 schliesst Astrid Kaiser die Hotelfachschule ab. Es folgen Aus- und Weiterbildungen im HR-Bereich. Ab Juli 2003 arbeitet sie im Zürcher Restaurant Bohemia – zuletzt als Managerin. Ein weiterer Aufstieg auf der Karriereleiter folgt im Herbst 2009, als sie stellvertretende Personalleiterin der Gastronomiegruppe ZFV wird.

Seit Dezember 2016 arbeitet Astrid Kaiser im Bürgenstock Resort und begleitete die Eröffnung des Resorts im Sommer 2017. Seit April 2018 ist Kaiser HR-Leiterin des Bürgenstock Resorts.

Die 44-Jährige beschreibt sich selbst als fordernd. Sie sei ein Machertyp und ein Energiebündel. Dazu kämen ihre Hartnäckigkeit und ihre positive Einstellung.

Das Video-Porträt mit Astrid Kaiser finden Sie hier: zum Video.

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Eliane Stöckli

Online-Redaktorin, HR Today. es@hrtoday.ch

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