Der Strom der Zukunft
Das Licht und die Strassenbeleuchtung waren die ersten Zeichen einer neuen Zeit. Gas- und Petrollichter waren mühsam und oft auch gefährlich. Die Möglichkeit Licht ins Dunkel zu bringen, war deshalb hochwillkommen. Die neumodischen Glühbirnen begeisterten das Publikum und erst später wurde klar, dass es nicht um das Licht ging, sondern um die Elektrizität.

Alle stürzen sich auf KI und freuen sich über die Möglichkeiten, einfacher und schneller zu Informationen zu kommen. Aufwendige Recherchen entfallen. Texte sind im Nu übersetzt.
Aufsätze in der Schule ein Kinderspiel, Geschäftspräsentationen easy-peasy. Copilot wird eingeführt. Es laufen Prompt-Schulungen. In vielen Unternehmen hat man heute schon fast das Gefühl, die Sache mit der künstlichen Intelligenz ist gegessen. Überall brennt jetzt Licht und das Leben ist ein bisschen einfacher geworden.
ChatGPT weiss fast alles und sogar meine bald neunzigjährige Mutter serviert mir jetzt Wahrheiten, die sie mit Hilfe von Gemini gefunden hat. Unternehmen finden sich langsam damit ab, dass Antworten schneller kommen und Resultate kurzfristiger bereitstehen. Wir werden effizienter. Doch manchmal lohnt es sich, nochmals hinzuschauen, was die KI uns so auftischt. Seltsam nichtssagende Formulierungen und Floskeln oder Deutsch, das kein wirkliches Deutsch ist. Was soll’s, da kann man auch mal ein Auge zudrücken, wenn wir plötzlich so schnell zu Resultaten kommen, die vor einem halben Jahr noch bedeutend mehr Aufwand gekostet hätten. Done is better than perfect – hat ja schon Zuckerberg gesagt.
Wenn ich mit Unternehmern und HR-Verantwortlichen spreche, gibt es die Ignoranten, die einfach genug haben von diesem Wirbel. Sie hoffen, dass dieser KI-Hype sich irgendwann wieder legt. Dann gibt es die Aktivisten in der Kategorie von Geschäftsleitenden, die finden, dass ihre Leute möglichst rasch möglichst viel über KI wissen sollten. Prompt-Trainings werden veranstaltet und Apps eingeführt. Es gibt die Kategorie der Blockierten. Diese Kategorie ist häufig in grösseren Unternehmen anzutreffen. Alle wissen, wie wichtig das Thema ist. Aber die heisse Kartoffel wird zwischen IT, Compliance und Geschäftseinheiten hin und her gereicht. Die Devise: Lieber mal alles verbieten, Dann passiert sicher nichts. Das ist durchaus im doppelten Sinne zu verstehen. Die kleinste Kategorie ist die Kategorie der Verstehenden. Sie haben gemerkt, dass es um Strom geht und nicht um das Licht. Sie wissen, dass wir uns vom Licht nicht blenden lassen sollten. Sie denken darüber nach, was die Elektrizität oder KI im grösseren Kontext für die Unternehmen bedeuten wird.
Licht ist eine mögliche Anwendung von Elektrizität
Klar. Es ist belegt, dass kaum ein Unternehmen heute beweisen kann, dass es durch den gezielten Einsatz von intelligenten Systemen mehr Geld verdient als ohne. Auch belegt sind erste Signale aus dem Arbeitsmarkt, die zeigen, dass Hochschulabgänger weniger gefragt sind als gute Handwerker. Wir helfen unterdessen ersten Unternehmen ihre Organigramme neu zu zeichnen. Wir haben erste Vorlagen für die Rekrutierung von virtuellen Mitarbeitenden erstellt. Diese Anfragen kommen erst tropfenweise.
Licht ist eine mögliche Anwendung von Elektrizität. Die neumodischen Lampen wurden rasch eingeführt und die meisten grösseren Städte hatten um die Jahrhundertwende längst beleuchtete Strassen. Der Siegeszug der Elektrizität war aber eine ganz andere Geschichte. Ganze Industrien wurden transformiert. Die Elektrizitätswirtschaft entstand. Und wenn wir an den Siegeszug der Elektroautos denken, ist die Transformation auch über hundert Jahre später immer noch im Gang.
Auch wenn die Analogie mit der Elektrizität verblüffend ist, findet die aktuelle Transformation unter ganz anderen Bedingungen statt. Das Tempo ist gigantisch. Die Folgen auch. Und wenn wir den Bogen wieder zu den Unternehmen spannen, dann ist die Erkenntnis, dass KI die Art und Weise, wie, was, wo und mit wem wir arbeiten, auf den Kopf stellen wird erst bei wenigen CEOs angekommen. Und noch viel weniger in den Personalabteilungen. Der Transformationsbedarf ist ebenso monströs wie das Tempo, dass die neuen Technologien vorgeben.
Hören wir auf, Glühbirnen zu vergleichen
Wir sind gezwungen, Transformationsstrategien zu entwickeln. Für unsere Geschäftsmodelle, unsere Prozesse und unsere Kundenbeziehungen. Wir müssen nachdenken über Skill-Shift, Workforce-Planning und das Lernen der Zukunft. Wir brauchen neue Kompetenzen wie die Fähigkeit der Plausibilisierung, der Beziehungsgestaltung für bessere menschliche Interaktionen. Es geht um die Entwicklung neuer Berufsfelder und um die Ablösung alter Berufsprofile, die aus der Zeit fallen werden. Wir können uns darüber beklagen, dass das Eis zur Kühlung unserer Nahrungsmittel im Keller nicht mehr mit den Pferden geliefert wird oder wir können uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir einen Kühlschrank in der Küche haben werden, der mit Strom betrieben wird.
Lasst uns über die Elektrizität sprechen und nicht darüber, welche Glühbirne besser ist. Es geht nicht um ChatGPT oder Co-Pilot. Es geht um eine fundamentale Revolution. Wir können KI hassen, lieben, verfluchen, aber Ignoranz ist ganz sicher das falsche Rezept. Den Menschen die neugierig sind und Veränderungen als Chance sehen, gehört die Zukunft. Als Personalverantwortliche haben wir die einmalige Gelegenheit diesen Wandel zu gestalten. Es war noch selten so spannend. Personalarbeit ist wichtiger als je zuvor. Lasst uns Gestalter dieses Wandels sein und nicht nur Glühbirnenverteiler. Es gibt viel zu tun.
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