Buchtipp

Die Lüge um den Traumjob

«Folge Deinem Herzen» wird uns in verschiedensten Ratgebern zu Beruf und Studium mit auf den Weg gegeben. Cal Newport widerspricht dem Leitsatz mit seinem Buch «Die Traumjoblüge. Warum Leidenschaft die Karriere killt», fundamental. Und zeigt, wie leicht sich Leidenschaft im Job von alleine einstellt.

Herr Newport, der Untertitel Ihres Buches heisst «Warum Leidenschaft die Karriere killt». Haben Sie viele leidenschaftliche Verlierer getroffen?

Ja, in der Tat. Wir geben diesem vagen Konzept von «Leidenschaft» viel zu viel Gewicht. Nur weil Sie etwas sehr gerne tun, heisst das nicht, dass Sie darin langfristig eine sinnvolle, erfüllende, erfolgreiche Karriere machen können.

Was schlagen Sie also vor?

Wir müssen uns dem Ziel, dass Menschen in ihren Jobs glücklich werden, in einer differenzierteren Diskussion nähern als mit einem einfachen Ratschlag wie: «Folge Deiner Passion, alles andere wird sich von alleine ergeben». Damit die Menschen sagen können, sie haben ihren «Traumjob», braucht es viel mehr als nur den richtigen Job auszuwählen.

Und wie wählen wir den richtigen Beruf aus?

Wählen Sie etwas aus, das interessant ist und ihnen gute Optionen liefert, wenn sie gute Arbeit leisten. Wenn das auf mehrere Berufe zutrifft: Werfen Sie einen Pfeil.

Wenn nicht Leidenschaft, was dann macht uns glücklich in unseren Jobs?

Wenn es um die Zufriedenheit im Job geht, spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Ausschlaggebend sind eine gewisse Autonomie, Kompetenz, Wirkung, Kreativität und /oder die Qualität der Beziehungen zu Kollegen. Alle diese Eigenschaften sind allgemein gültig und haben sehr wenig mit einem spezifischen Jobprofil zu tun. In anderen Worten: Der Job, den Sie auswählen, ist viel weniger wichtig für Ihre Zufriedenheit, als wie Sie die Arbeit angehen und wie viele der obenstehenden Faktoren erfüllt werden.

Und wo kommt die Leidenschaft ins Spiel?

Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich plädiere nicht dafür, dass Sie Leidenschaft abschreiben und sich mit einem langweiligen Job zufrieden geben. Was ich meine ist Folgendes: Wenn Sie sich auf eine Kompetenz oder eine Arbeit konzentrieren bei der Sie sich von anderen abheben können, erhalten Sie mehr Autonomie, Kompetenz und Einfluss. Dadurch werden Sie Ihrer Arbeit automatisch leidenschaftlicher nachgehen. Leidenschaft ist nicht etwas, dem Sie folgen sollten, sondern Leidenschaft verfolgt Sie, wenn Sie investieren, um gut zu werden in dem, was Sie tun. Wenn jemand einen «Traumjob» will, gilt es zuerst einmal richtig gut zu werden in etwas, dass ihn von anderen Menschen unterscheidet und das in einer Art und Weise nützlich ist.

Zur Person

Cal Newport schloss sein Informatikstudium mit dem PH.D. ab und ist Assistenz-Professor für Computer-Wissenschaften an der Georgetown University in Washington. Neben seiner akademischen Arbeit hat er mehrere Ratgeber für eine erfolgreiche Karriere in Schule und Beruf geschrieben. Sein neustes Buch «So Good They Can't Ignore You» ist unter dem Titel «Die Traumjoblüge» soeben auf Deutsch erschienen. Zudem betreibt Newport den Blog «Study Hacks. Decoding Patterns of Success.»

Cal Newport: Die Traumjoblüge. Warum Leidenschaft die Karriere killt. Campus Verlag 2013, 245 Seiten

Ist Weiterbildung also der Schlüssel zum Jobglück?

Es gibt verschiedene Wege, um gut zu werden. Aus- oder Weiterbildung können helfen, ist aber nicht immer notwendig. Ein guter Mentor kann auch viel nützen. Aber auch das ist nicht immer unabdingbar. Fix ist nur die Einsicht, dass es hart ist, seine Fähigkeiten zu verbessern. Ähnlich wie wenn Sie einen Muskel aufbauen möchten, braucht es Anstrengung. Niemand wird automatisch besser, indem er jeden Tag zur Arbeit erscheint und die Tätigkeiten verrichtet, die Ihm auferlegt wurden. Sie müssen Ihre Stärken identifizieren und sich dann regelmässig aus der Komfortzone bewegen, um sie weiter zu verbessern.

Wie hängen Talent und Leidenschaft zusammen?

Talent wird überbewertet. Solange Sie in einem bestimmten Bereich nicht an die Grenzen des Möglichen gehen müssen, ist es irrelevant. Das heisst: Wenn Sie professioneller Radrennfahrer werden wollen, dann ist Talent wichtig. Wenn Sie professioneller Marketingberater werden möchten jedoch, ein Feld, wo niemand systematisch übt oder bestimmten Trainingsplänen folgt, um die bestehenden Geschwindigkeitsrekorde zu brechen, ist Talent unwichtig. Alles was Sie tun müssen, ist, sich auf nützliche Kompetenzen zu konzentrieren, die Sie von anderen abheben, und diese Kompetenzen gezielt ausbauen.

Mit Ihrem Ansatz widersprechen Sie dem Zeitgeist, der uns eher vorgibt, selbstbestimmt unserem Herzen zu folgen. Sind wir alle romantische Träumer?

Man darf nicht vergessen, dass diese Idee, im Berufsleben der eigenen Leidenschaft zu folgen, eher neu ist. Zum ersten Mal ist sie in den späten 1970er Jahren aufgetaucht. Es ist keine zeitlose Weisheit aus Platons Epoche. Es ist ein eingängiger Slogan, weit gestreut, der sich bei näherer Betrachtung als nicht sehr sinnvoll erweist. Wenn es Ihr Ziel ist zu lieben, was Sie tun, brauchen Sie eine komplexere Strategie als einen Satz, der auf dem Zettel eines Glückskekses Platz hat. Sie müssen sich einem der wichtigsten Bestandteile ihres Erwachsenenlebens, Ihrer Karriere, auch wie ein Erwachsener annehmen.

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