HR-Mythen

Die Lohn

Die Lohn. Sie haben richtig gelesen, so müsste es heissen. Denn der Lohn ist weiblich. ­Zumindest frei übersetzt nach dem deutschen Kulturphilosophen Friedrich von Schlegel. Dieser schrieb schon vor über ­hundert Jahren: «Mysterien sind weiblich; sie verhüllen sich gern, aber sie wollen doch gesehen und erraten sein.» So verhält es sich auch mit dem Lohn, einem der letzten Mysterien im Bewerbungsprozess. Meist verhüllt, will er doch eigentlich von allen gesehen werden.

Hand aufs Personalerherz: Interessiert es Sie wirklich nicht, was Sie verdienen, wenn Sie selber auf Stellensuche sind? Eben. Ihnen selber müssen Sie ja nichts vormachen. Aber warum Ihren Kandidatinnen und Kandidaten? Warum sollen diese ihren künftigen Lohn erraten müssen?

Arbeit gegen Lohn

Seit Jahrzehnten wird jungen Personalfachleuten eingebläut, was ein Arbeitsverhältnis ist: Arbeit gegen Lohn. Einleuchtend. Dieser Grundsatz ist in der Personalwerbung jedoch kaum spürbar. Die Arbeit wird extensiv beschrieben. Da reiht sich Bullet Point an Bullet Point. Die Anforderungen an die Wunschperson? Dito. Doch schon bei ein paar Vorteilen, mit welchen Unternehmen bei ihren Wunschkandidatinnen punkten könnten, hapert es bedenklich. Und beim Lohn, der Bringschuld des Arbeitgebers im Tauschgeschäft Arbeit gegen Geld, scheitern fast alle. Warum ist das so?

Die Schweizer reden nicht gern über Geld. Dieser Grund mag so falsch nicht sein, aber er greift zu kurz. Denn gerade beim Lohnthema halten sich HR-Mythen hartnäckig. «Wer wegen Geld kommt, geht auch wegen Geld», ist so einer. Was für ein absurdes Argument. Früher oder später muss die Katze sowieso aus dem Sack. Hilft die Hinhaltetaktik? Nein. Auch gerne gehört: «Wir wollen dem Lohn kein so grosses Gewicht geben, wir haben auch andere Vorzüge.» Schön, dann zeigen Sie diese bitteschön auch. Ebenfalls immer wieder gerne angeführt: «Wir wollen ja auch noch einen Verhandlungsspielraum haben.» Das Lohngespräch als Poker, mit dem das HR versucht, sich durch das Zurückhalten von Informationen ein gutes Blatt zu verschaffen? Das ist kein Dialog auf Augenhöhe. 

Klar, es gibt Firmen mit einer eher verschwiegenen Kultur. Oder solche mit stark variablen Lohnbestandteilen. Deren Zurückhaltung ist nachvollziehbar. Unverständlich ist hingegen die Tarnung der Löhne bei Behörden und staatlichen Institutionen mit ihren transparenten Lohnsystemen. Diese sind meist schon heute im Internet frei verfügbar – werden aber gerne möglichst kundenunfreundlich versteckt. Was für eine verpasste Chance! Kundenorientierung im Zeitalter von Fachkräftemangel geht anders.

Candidate Experience

Weil Anglizismen cool sind, heisst Kundenorientierung im Bewerbungsprozess auch «Candidate Experience». Was poten­ziell künftige Mitarbeitende in ihrem Bewerbungsverfahren erleben, ist ausschlaggebend für die Auswahl. Nein, nicht die der Arbeitgeber, nein, für die Auswahl der Bewerbenden. Denn sie sind es, die ihren Arbeitgeber aussuchen. Das «Erlebnis Bewerbung» beginnt bei der Informationsbeschaffung und somit – Social hin, Media her – bei den Stellenanzeigen, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der Personalwerbung. Dort wünschen sich Arbeitssuchende konkrete Informationen zum Lohn. So ist das, ob uns Personalern das passt oder nicht. Der Ruf nach dem Lohn ertönt sehr deutlich, ja geradezu brachial. Und verhallt weitgehend ungehört. Im Sommer haben vier von fünf Lesern von 20 Minuten Lohnangaben in Stelleninseraten als sehr hilfreich für ihre Bewerbungsabsicht bezeichnet. Und nach einer Nutzerbefragung von StepStone Deutschland vermissen 60 Prozent der Befragten die Lohn­angabe in Stellen­inseraten.

Frechmut zeigen

Kein Unternehmen würde sich in seiner Produkt- und Sortimentsgestaltung dem Ruf seiner potenziellen Kunden so kühl entziehen wie es das HR mit dem Bedürfnis der Stellensuchenden nach mehr Transparenz in Lohnfragen tut. Wie bei jedem ­Musterbruch gibt es in wohl allen Unternehmen Zweifler und Kritiker einer Öffnung. Mit etwas Frechmut liesse sich vieles bewegen. Und es lohnt sich. Denn ein unverkrampfter Umgang mit dem Thema Lohn und Ehrlichkeit schafft Vertrauen – was in Form von Bewerbungen ganz direkt in die Arbeit­gebermarke einzahlt.

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Jörg Buckmann unterstützt Unternehmen, Behörden und Spitäler bei deren Positionierung auf dem Arbeitsmarkt und in Fragen rund um HR-Kommunikation und Personalmarketing. Er betreibt den Blog buckmanngewinnt. www.mehrblickzuerich.ch

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