Die Nostalgie des Augenblicks: Zeit nutzen!

Haben Sie Zeit? Oder doch nur eine Uhr? Im heutigen Zeitalter beschleicht einem zeitweilig das Gefühl, dass durch die digitale Geschwindigkeit, uns die Zeit durch die Finger rinnt. Mit Zeitmanagement versuchen wir der Zeit Herr zu werden und verpassen dabei oft das «Hier und Jetzt». Eine Anregung zur Reflexion des eigenen Umgangs mit der Zeit.

Wir befinden uns im Wandel der Zeit: Neue digitale Möglichkeiten der Zusammenarbeit eröffnen sich, innovative Kombinationen von bestehenden Ideen häufen sich – gleichzeitig aber auch zerstörerische Auftritte neuer Marktplayer. Der Innovations-, Flexibilisierungs- und Adaptionsdruck erhöht sich. Die Zeit drängt.

Aber warum und aus welcher Perspektive eigentlich? Ich lade Sie ein, sich Zeit, vielleicht sogar eine kleine Aus-Zeit zu nehmen, um Ihr Zeit-Gefühl und den Umgang mit ihr zu reflektieren, denn unsere Sprache ist voller Zeit-Hinweise. Haben Sie kurz Zeit, oder doch nur eine Uhr?

Zeitmanagement: Im Zeitalter der Digitalisierung wird die Wirtschaftsdynamik durch Technologie geprägt und getrieben. Die Entwicklungsgeschwindigkeit der Digitalisierung hinterlässt bei uns das Gefühl der Kurzfristigkeit. Das «Hier und Jetzt» rückt näher an uns heran. Höchste Zeit also, Strategien im Umgang mit Zeit – wie «auf Zeit zu spielen», «auf bessere Zeiten hoffen» oder sie sogar «tot zu schlagen» – zu überdenken. 

Zeit-Wahrnehmung: Was noch weit weg scheint, ist im nächsten Moment schon an uns vorbei gerast. Zeit ist wohl keine wahre Grösse, sie ist eher eine subjektive Wahrnehmung. Und vielleicht geht es beim digitalen Galopp eher darum den richtigen Zeitpunkt für Innovation nicht zu verpassen und die Zeichen der Zeit richtig zu lesen, anstatt die Zeit richtig einzuschätzen. Denn die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber vielleicht laufen wir einfach eiliger an ihr vorbei. (vgl. Georg Orwell)

Zahn der Zeit: Die Zeiten haben sich geändert. Bei neuen, digitalen Herausforderungen sind Lösungsansätze des Öfteren nicht mehr nur kausal-eindeutig, sondern komplex-mehrdeutig. Die Kurzfristigkeit verkürzt die Halbwertszeit unserer Erfahrungen. Dies zwingt uns Wege zu gehen, die erst beim Gehen entstehen (vgl. Friedrich Nietzsche). Was es braucht und wie es getan werden muss, konkretisiert sich dabei oft erst durch erkunden verschiedener Lösungswege. Die Ergebnisse sind offen und lassen sich in diesen Ertastungsprozessen oft erst mit der Zeit, nach den neuen Erfahrungen verstehen.

Zeit-Reisen: Die Unvorhersehbarkeit dieser kontinuierlichen Innovationsprozesse fordert, dass wir stetig bereit sind, Bestehendes loszulassen und Neues zuzulassen. Das Schwierige gerade für viele Führungskräfte dabei ist, etwas Neues erleben zu lassen, statt es vorab verzweifelt erklären zu versuchen. Das Leben lässt sich dabei nur rückwärts verstehen, nach vorne muss man es leben (vgl. Kierkegaard, Søren). Die Wahrheit liegt in der Vergangenheit – in der Zukunft meist nur die Vermutung.

Zeit-Gefühl: Es ist schwierig etwas festzulegen, was noch nicht gewiss ist und Bestehendes zu hinterfragen, wenn man es nicht loslässt. Ob wir noch alle Zeit der Welt haben oder die Zeit drängt, lässt sich nicht abschliessend abschätzen. Aber vielleicht gilt auch hier: Diejenigen die denken, sie hätten keine Zeit für Experimente, werden früher oder später Zeit für Wachstumsprobleme finden müssen. (frei nach Edward Stanley)

Zeit-Punkt: Zeit ist ein wertvolles Gut. Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen (Peter Ustinov). Vielleicht ist jetzt also der Zeitpunkt gekommen, seine Meinung zu ändern, denn das Rad der Zeit lässt sich jeweils nur schwerlich zurückdrehen: Seine Meinung über die Mitarbeitenden, über Vorgehensweisen, über Führung, über den eigenen Umgang mit Zeit. Denn wenn man seine Meinung nicht ändert, dann ändert man nie irgendetwas (aus «Winston Churchill – Darkest Hour»)

Nostalgie: Das waren noch Zeiten, wo man als Chef noch mit einem einfachen Führungsentscheid, mit viel Erfahrung und Positionsmacht eingreifen konnte. Die Zeit scheint jetzt jedoch reif, Entscheidungsprozesse anders zu gestalten, mehrere Perspektiven gleichzeitig zu verfolgen und die finden sich bei den vielfältigen Mitarbeitenden. So sind Führungsgestaltung resp. Beziehungsgestaltung und der Umgang mit Zeit untrennbar miteinander verbunden.

Kairos: Alles zu seiner Zeit. Die Zeiten scheinen sich heutzutage aber in kürzeren Abständen zu wandeln. So ist die Verantwortung zur Führungsgestaltung allgegenwärtig, zu jeder Zeit. Den Augenblick für einen ersten Schritt gilt es nicht zu verpassen. Die Griechen hatten für den «Augenblick» sogar einen Gott: Kairos. Der hat vorne einen langen Schopf («die Gelegenheit beim Schopfe packen») und hinten eine Glatze: War er einmal vorbei, griff man ins Leere.

Nostalgie des Augenblicks: Wie vergänglich solche Augenblicke sein können, kennen wir von jenen, in denen uns das Gefühl beschleicht, dass uns die Zeit durch die Finger rinnt. Persönlicher oder gemeinsamer Genuss erhöht die Nachhaltigkeit der Erinnerung und versüsst die Nostalgie an ihn. Bewusster Führungsfokus auf die Gestaltung des Augenblicks, lässt uns das Zeitgefühl verlieren, wachsam und mit all unseren Sinnen beim Gegenüber sein und bei dem was zwischen uns entsteht. Gemeinsam verbrachte Zeit verwandelt sich dabei in Erinnerungen und wie die Crevette in Butter fest oder Freundschaft durch Güte reich wird, so ist es immer die Zeit, die die Dinge verbindet und ihre Seele zu Tage treten lässt (vgl. «Schlemmen mit Gérard Depardieu»). Es ist nie zu spät damit anzufangen.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Gesucht sind also Aficionados und Sommeliers der Führung, die wie Köche als Abenteurer des Geschmacks, die Reiseführer im betrieblichen Alltag sind. Die Lust und Neugier für den Augenblick neuer Kreationen und Innovationen durch Beziehungsgestaltung und Möglichkeitssinn, statt Kontrolle und fester Rezepttreue erschaffen. Oder wie einer der berühmtesten Künstler der Moderne es formuliert hat: «Others have seen what is and asked why. I have seen what could be and asked why not.» (Pablo Picasso)

Für die methodische Reflexion, siehe Artikel «Agility Code: Mit 9 Elementen zu mehr Beweglichkeit».

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Silvio Erni ist Betriebswirtschafter, Cartoonist, Zigarren- und Kunsthändler. Er ist tätig als Coach und Organisationsentwickler bei der CSS Versicherung.

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