Lohnpolitik

«Frauen wird oft unbewusst zu wenig bezahlt»

Nach der Romandie hat nun auch die Deutschschweiz ein equal-salary-Büro. Die Stiftung untersucht auf Auftrag die Lohnpolitik von Unternehmen. Ist sie gerecht, wird ein Zertifikat ausgehändigt. Zu oft aber lasse sich noch unbewusste Lohndiskriminierung finden, sagt Regula Stocker, Leiterin des equal-salary-Büros in Zürich.

Frau Stocker, warum ist Lohngleichheit 2012 immer noch ein Thema?

Regula Stocker: Lohngleichheit ist leider immer noch nicht überall Realität. Obwohl die meisten Unternehmen von sich behaupten, gerechte Lohnpolitik zu betreiben, beträgt der Lohnunterschied in der Schweiz nach offiziellen Zahlen knapp 19%. In 60% dieser Fälle ist der Lohnunterschied erklärbar. Beispielsweise, weil Frauen eher in Niedriglohnbranchen arbeiten oder weil sie durch Babypausen und Teilzeitarbeit weniger Arbeitserfahrung mitbringen. In 40% aber ist er klar diskriminierend. Das ist nicht gesetzeskonform. Die Fälle nehmen ab, aber langsam. Wir wollen den Prozess beschleunigen.

Wie will die Stiftung equal-salary betroffenen Frauen zu mehr Lohn verhelfen?

Wir richten uns an Unternehmen, nicht direkt an Frauen. Interessierte Betriebe kommen auf uns zu, wenn Sie ihre Lohnpolitik überprüfen wollen. In einem zweistufigen Prozess ermitteln wir dann, ob Lohnungleichheit besteht. In der ersten Phase werden die Lohndaten statistisch ausgewertet, in der zweiten Phase besuchen unabhängige Auditoren das Unternehmen und führen Gespräche mit Management, HR und einzelnen Mitarbeitenden. Wenn Lohngleichheit besteht, wird das Unternehmen mit dem equal-salary-Zertifikat ausgezeichnet.

Wie oft stellen Sie Lohnungleichheit fest?

Das kommt immer wieder vor. In den meisten Unternehmen passiert eine Lohndiskriminierung unbewusst. Wir wollen sie dafür sensibilisieren. Es ist wichtig, Lohnungleichheit aufzudecken, weil sie gegen das Gesetz verstösst und weil die Unternehmen in Zukunft noch stärker auf Frauen angewiesen sein werden.

Wie kann Lohnungleichheit unbewusst passieren?

Zum Beispiel bei einer langjährigen Mitarbeiterin, die einmal als Sachbearbeiterin im Betrieb angefangen hat, sich aber ständig weitergebildet hat, immer mehr Verantwortung übernimmt, neue Mitarbeitende ausbildet usw. Diese Aufgaben werden nie ihrem Jobprofil zugeordnet und folglich nicht entlöhnt. Ein anderer Grund ist, dass Frauen immer noch seltener und weniger aktiv über den Lohn verhandeln.

Sind Frauen dann nicht selber schuld?

Das Gesetz verlangt von den Unternehmen, dass sie Frauen gleich viel bezahlen wie Männern mit dem gleichen Stellenprofil. Die Verantwortung liegt beim Arbeitgeber. Er sollte die Leistung, nicht das Kommunikationsvermögen seiner Mitarbeiter belohnen.

Wie ist die Nachfrage nach Ihren Zertifikaten in der Deutschschweiz?

Wir sind positiv überrascht. Die Sensibilität für das Thema ist hoch, der Wille ist da, ein fairer und attraktiver Arbeitgeber sein. Dazu kommt ein politischer Druck, weil die Wirtschaftskommission des Nationalrats im Mai entschieden hat, die Schaffung einer unabhängigen Lohngleichheitskommission zu unterstützen. Faktisch werden damit staatliche Lohnkontrollen verlangt. Das widerstrebt vielen.

Kontrolliert der Bund bis jetzt gar nicht?

Es gibt bis jetzt kein staatliches Kontrollsystem. Nur bei öffentlichen Aufträgen kann der Bund stichprobenartig die Einhaltung von Lohngleichheit überprüfen. Aber das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann hat diverse Instrumente entwickelt, die Unternehmen bei der Erarbeitung einer fairen Lohnpolitik und der Überprüfung der Lohngleichheit unterstützen. Das bekannteste ist der Selbsttest «Logib».

Gibt es andere Stiftungen oder Organisationen mit dem gleichen Ziel wie equal-salary?

Der Arbeitgeberverband und Gewerkschaften haben zusammen das Projekt Lohngleichheitsdialog initiiert. Dabei analysiert eine paritätische Vertretung die Lohndaten mit Hilfe von Logib. Equal-salary bietet eine unabhängige Aussensicht und geht über eine blosse Momentaufnahme hinaus. Mit unserer Methode können wir, selbstverständlich vertraulich, einzelne Frauen im Unternehmen identifizieren, die zu wenig verdienen – das Unternehmen weiss, wo es konkret ansetzen muss.

Wie viel kostet die Analyse von equal-salary?

Die Kosten hängen von der Grösse, der HR-Organisation und der Anzahl der Standorte des Unternehmens ab.

Finanziert sich die Stiftung alleine durch die Gelder, die Unternehmen bei der Zertifizierung bezahlen?

Nein, wir erhalten auch Bundesgelder.

Wie viele Unternehmen in der Schweiz sind schon zertifiziert?

Bis jetzt sind gesamtschweizerisch zehn Unternehmen zertifiziert.

Mehr über Lohngleichheit

Unternehmen, die sich für das Thema interessieren, können sich bei verschiedenen Anlaufstellen informieren: 

www.equal-salary.org
equal-salary ist ein Verfahren zur Zertifizierung der Lohngleichheit zwischen Frau und Mann. Die Zertifizierung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Observatoire universitaire de l’emploi (OUE) der Universität Genf, das auf Fragen rund um den Arbeitsmarkt spezialisiert ist. Unternehmen, die den Prozess erfolgreich durchlaufen, erhalten für 3 Jahre das equal-salary-Label. 

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG
Die Lohnunterschiede in der Schweiz sind trotz vieler Bemühungen noch immer gross. Frauen verdienen durchschnittlich 20% weniger als Männer. Rund 40 Prozent dieser Differenz basiert auf diskriminierendem Verhalten. Kaderfrauen verdienen sogar bis zu 30 Prozent weniger als Männer. Die Seite des EBG bietet viele Ressourcen rund um dieses Thema. 

Logib - Selbsttest zur Lohngleichheit für Unternehmen
Ob die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau eingehalten wird, können Arbeitgebende mit einer einfachen Standortbestimmung ihrer Lohnpolitik selbst überprüfen. Die Software dazu heisst Logib und ist geeignet für Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitenden. Im vergangenen Jahr wurde sie bereits 4900 mal runtergeladen. 

www.equality-lohn.ch
Auf der Seite können Interessierte einen Film zum Thema Lohngleichheit anschauen. In vier Modulen werden Erfahrungsberichte und Interviews gezeigt sowie Anregungen gegeben, wie Lohngleichheit erreicht werden kann. Der Film kann auch auf DVD bestellt werden. (sz)

 

Die Interviewpartnerin

Regula Stocker leitet das Deutschschweizer Büro von equal-salary, dem unabhängigen Zertifikat für Lohngleichheit im Unternehmen.

 

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