HR Today Nr. 6&7/2022: Debatte

Menstruationsurlaub?

In Japan gibt es ihn bereits: den Menstruationsurlaub. Auch in unseren Breitengraden wird über eine mögliche Einführung diskutiert. Doch braucht es ihn überhaupt? Eine Debatte.

Nena Morf, Texterin und Geschäftsführerin Textbüro Konrad GmbH: «Der Chelsea FC Women trainiert seine ­Spielerinnen ­zyklusorientiert.»

Nena Morf Menstruationsurlaub? Die Menstruation hat genauso wenig mit Urlaub zu tun wie die Mutterschaft. Dass beiden Begriffen zuweilen ein «Urlaub» angehängt wird, zeugt vom profunden Unverständnis für die immensen Leistungen des weiblichen Körpers – und nicht zuletzt für das weibliche Potenzial. Die Tatsache, dass die westliche Medizin geschlechterspezifisch geprägt ist und Frauen klar benachteiligt, mischt hier kräftig mit.

Doch zukunftsorientierte Unternehmen stellen nicht Roboter, sondern Menschen ein. Das mit dem Vorteil, dass Arbeitnehmende ihre spezifischen Fähigkeiten einbringen und entfalten können. Das gilt für jeden Beruf, denn sobald Menschen arbeiten, sind die Ergebnisse verschieden. Umso wichtiger ist es, die Menstruation in einem übergreifenden Kontext zu verstehen. Dazu kurz zum Spitzensport: Der Chelsea FC Women ist der erste Fussballclub, der seine Spielerinnen zyklusorientiert trainiert. Der Trainingsplan wird individuell auf die jeweiligen Zyklusphasen der Sportlerinnen abgestimmt.

Die Menstruation ist die erste von insgesamt vier Zyklusphasen, die von Hormonen gesteuert werden. In der zweiten Zyklusphase sorgt etwa unter anderen das Hormon Östrogen für einen mächtigen Energieschub: Frau kann Bäume ausreissen – und ihre Überzeugungskraft ist überaus bestechend. Könnte für Unternehmen spannend sein, diese sprühende Energie zielführend einzusetzen. Mit dem Eisprung in der dritten und dem Anstieg des Hormons Progesteron in der vierten Zyklusphase treten empathische Fähigkeiten ins Zentrum: Der Körper richtet sich auf eine mögliche Schwangerschaft ein, der Mensch handelt teamorientiert und kooperativ. Keine schlechten Voraussetzungen für eine speditive Zusammenarbeit und Kundenbetreuung. Kam es nicht zu einer Schwangerschaft, beginnt dann in der ersten Zyklusphase die Menstruation. Für viele die Zeit der Schmerzen: Laut John Guillebaud, Professor am University College in London, sind diese «annähernd so schlimm wie ein Herzinfarkt». Grund genug, um eine Pause einzulegen – wobei kluge Unternehmerinnen und Unternehmer wissen, wie wichtig Regeneration für die Leistungsfähigkeit ist.

Während der Menstruation herrscht im Körper ein hormoneller Tiefstand, der Geist ist klar und messerscharf: Es ist auch die Zeit des strategischen Weitblicks. Diesen beweisen Unternehmen, die verstehen, warum es sich lohnt, sich mit zyklusorientiertem Arbeiten, statt mit dem unsinnigen Begriff Menstruationsurlaub auseinanderzusetzen. Sie fördern das volle Potenzial ihrer Mitarbeitenden – auch, indem sie die wertvolle Zeit für Regeneration nutzen.

Nicolas Facincani, Rechtsanwalt, Voillat Facincani Sutter + Partner: «Es würde dem Zeitgeist entsprechen, einen speziellen Menstruations­urlaub ­ein­zuführen»

Nicolas_Facincani Spanien will den Menstruationsurlaub einführen, in Japan gibt es ihn schon. In der Schweiz wird (noch) darüber diskutiert. Ein Menstruationsurlaub soll Frauen ermöglichen, bei starken Regelschmerzen zu Hause zu bleiben. Andere Lösungsansätze zielen darauf hin, Frauen jeden Monat zwischen drei und fünf zusätzliche freie Tage zu geben.

Im Ausland sind sodann arbeitsvertragliche Regelungen von Arbeitgebenden bekannt, die für Arbeitnehmerinnen einen Menstruationsurlaub vorsehen, was ihnen bei Bewerbenden einen Wettbewerbsvorteil verschaffen soll. Das Schweizer Recht sieht keinen Menstruationsurlaub vor. Arbeitnehmerinnen, die aufgrund von Menstruationsbeschwerden arbeitsunfähig sind, sind wie bei einer Krankheit nicht zur Arbeit verpflichtet und erhalten ihren Lohn für eine beschränkte Zeit. Das aktuelle System hat für betroffene Arbeitnehmerinnen aber gewisse Schwächen. Grundsätzlich ist eine Arbeitnehmerin, die sich auf eine Arbeitsunfähigkeit berufen will, ab dem ersten Moment der Arbeitsunfähigkeit beweispflichtig. Der Arbeitgebende könnte die Arbeitsunfähigkeit jeweils in Frage stellen und sofort ein Arztzeugnis verlangen. Das wiederum könnte für die betroffene Arbeitnehmerin zu einer (zu) grossen Belastung führen. Zudem ist die Dauer der Lohnzahlungspflicht pro Dienstjahr beschränkt. Für alle Arbeitsunfähigkeiten zusammen beträgt diese im ersten Dienstjahr drei Wochen, in den weiteren Dienstjahren eine angemessene längere Dauer (Stichwort Zürcher, Berner und Basler Skala). Eine Abwesenheit aufgrund einer Arbeitsunfähigkeit wird jedoch nur entschädigt, wenn das Arbeitsverhältnis mehr als drei Monate dauerte oder für über drei Monate eingegangen wurde. In Abwesenheit einer Versicherungs- oder grosszügigeren vertraglichen Lösung ist also nicht garantiert, ob die menstruationsbedingte Abwesenheit tatsächlich entschädigt wird.

In letzter Zeit wurde das Obligationenrecht bereits um verschiedene Urlaube ergänzt. So wurden der Vaterschaftsurlaub und der Betreuungsurlaub eingeführt. Sodann wurden die Bestimmungen zum Mutterschaftsurlaub erweitert. Neu wird zudem ein Adoptionsurlaub eingeführt. Somit würde es dem Zeitgeist entsprechen, auch einen speziellen Menstruationsurlaub einzuführen. Obgleich das für die Betroffenen durchaus entlastend sein kann, wäre dessen Ausgestaltung sorgfältig zu redigieren, sodass sich der Menstruationsurlaub am Schluss nicht zum Nachteil weiblicher Stellenbewerberinnen auswirkt oder zu einer Stigmatisierung von Arbeitnehmerinnen führt.

Martin Geisenhainer, Inhaber Participation Rocks
 

Die Tatsache, dass wir uns mit dem Umgang der Menstruation und den damit verbundenen Mühseligkeiten für Frauen beschäftigen, ist richtig und überfällig. Immerhin menstruiert die eine Hälfte der Menschheit monatlich. Das Thema wäre omnipräsent und formal bestens geregelt, hätte die andere Hälfte besagter Menschheit mit Monatsblutungen zu kämpfen. Ein öffentlicher Diskurs ist ein erster, notwendiger Schritt, um das Thema aus der schamhaften Schmuddelecke zu holen.

Den Vorschlag, das mit einem Menstruationsurlaub zu lösen, halte ich aus mehreren Gründen für wenig sinnvoll. Zum einen klingt Urlaub nach Chillen, Erholung und wirkt in diesem Zusammenhang auf mich eher zynisch. Ausserdem geraten wir damit ganz schnell in eine Neiddebatte. Insbesondere durch benachteiligte Männer, die schnell damit beginnen, ihre verlorene Lebenszeit durch Rasieren in den Ring zu werfen. Problematischer halte ich allerdings die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Brauchen Frauen mehr Urlaub als Männer, impliziert das eine geringere Belastbarkeit beziehungsweise die Notwendigkeit einer längeren Rekreationsphase, was sich mit Sicherheit auf die Karrieremöglichkeiten von Frauen auswirken würde. Ebenso wahrscheinlich würde Frauen dieses Thema aber schon bei der Bewerbung zum Fallstrick werden. Können Organisationen zwischen mehr oder weniger bezahlten Urlaubstagen wählen – raten Sie mal. Aus meiner Sicht gehört das Thema in einem weiteren Kontext beleuchtet. Nämlich im Umgang mit der Selbstorganisation.

Der mittelalterliche Command-and-Control-Ansatz, der impliziert, Anwesenheit sei mit Arbeit gleichzusetzen, nimmt arbeitnehmenden Menschen, egal welcher sexuellen Identität, die Chance, zu entscheiden, wann sie in ihrer Kraft und damit in der Lage sind, konzentriert und produktiv zu arbeiten. Eine fehlende geistige Ausgeglichenheit oder ein körperliches Ungemach machen es schwer, einen wertvollen Beitrag zu leisten. Hören wir also damit auf, die Organisation von Arbeit mit veralteten Rezepten und Konzepten zu gestalten.

 

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