Analoge Briefe für die digitale Arbeitswelt

P.S.: «Echte» Arbeit?

Transformationsexperte David Bausch und Redaktor Robin Adrien Schwarz tauschen sich in analoger Form alle paar Wochen über die schöne digitale Arbeitswelt aus. Die Frage nach dem KI-Versprechen führt in Episode 2 zur nächsten: Was ist eigentlich echte Arbeit – gerade in Zeiten von KI?

Lieber David

Ich erinnere mich gut an unseren ersten Call, und wie du zu meiner spontanen Idee sofort Ja sagtest – schon deshalb bin ich guter Dinge! Das mit der Schrift – na, das kommt schon gut, der erste war sehr entzifferbar! Ich bin gespannt, was das Händische mit meinem Schreiben und meinen Gedanken anstellen wird.

Collage des Projekts "post. scriptum". Auf der linken Seite ist ein vollständiger, handgeschriebener Brief abgebildet. Rechts sitzt eine Person schreibend an einem Schreibtisch mit Blick aus einem sonnigen Holzfenster.


Umso schöner, drehen sich unsere ersten Briefe direkt um AI. Meine Prophezeiung war schon lange: AI wird zu Arbeitsverdichtung führen. Warum soll ein KPI-Manager im Kapitalismus abstrakte Produktivität auch in konkreten Leerlauf investieren? In dieser «freien Zeit» kann man ja noch mehr Tasks erledigen und die Produktivität multiplizieren! Toll! Das grösste aller Luxusgüter ist die Zeit. Die wird nie jemand verschenken. Wer diese wirtschaftliche Logik verkennt, ist m. E. auf einem romantisierten Holzweg. AI hat in dieser Welt nichts mit Befreiung zu tun. Du sprichst bereits die Widersprüche bei Tokens an. Dieselben Widersprüche führen uns allgemein in dieselbe ökonomische Unlogik.

Aber zu deiner Frage: Ich denke nicht, dass es «echte»  Arbeit gibt. Im Kapitalismus ist Arbeit doch im Grunde einfach (potenzielle) Produktivkraft, die man eben ein- oder verkauft. Der heute betrauerte Verlust des «Echten» ist für mich das Ablösen des Autolacks, der den Rost darunter offenbart. Ja, das alte Eisen rostet schon lange, das zu ignorieren wird allerdings immer schwieriger. Ich glaube, es ist heute schwer vorstellbar, was Arbeit in einer nicht-kapitalistischen Welt aussehen könnte, was für Gefühle, Wünsche, Ideen und Bedürfnisse daraus entstehen würden. Schliesslich lebt heute niemand mehr, der eine vorkapitalistische Welt erlebt hätte (anders als etwa Marx!). 

Collage des Projekts "post. scriptum". Neben der Ansicht eines handgeschriebenen Briefes sieht man einen Mann mit langen Haaren beim Schreiben an einem Holztisch sowie eine detaillierte Nahaufnahme seiner Unterschrift "Robin".


Arbeit macht mir dann Freude, wenn sie möglichst gelassen, beflügelnd, zwanglos ist; wenn Schaffen und Empfinden tatsächlich sinnstiftend sind; wenn ich nicht muss, sondern will – und das Müssen will und das Wollen muss. Das Zusammenfallen dieser Dinge – das ist für mich Freiheit. Freiheit wirklich das tun zu können, was mir sinnig und beglückend scheint; dies stets für mich, aber auch für Andere.

Ich möchte für mich, für andere, für uns alle, leben und arbeiten, ohne dass ich wegen meiner Fähigkeiten, Eigenheiten*, Bedürfnisse, Passionen etc. und der damit einhergehenden Eignung und Wahl einer Tätigkeit um meine Existenz bangen müsste. Vielleicht mal drei Wochen lang zwölf Stunden pro Tag, dann mal eine Stunden pro Tag, mal drei Monate nichts – einfach so, dass ich mit mir, der Welt und den Menschen im Einklang leben kann. Ich glaube, das ist weitaus weniger utopisch als man meint. (Realistischer als das, was wir jetzt tun, ist und muss es sein.

(Randnotiz oben an Seite 2: *Eigenheiten)

Arbeit und KI im Kapitalismus – ich gebe zu, ich habe da nicht viel Hoffnung. Ich weiss, das geht vielen so, nicht nur meinem Umfeld; ich höre es überall, wo ich mit Menschen rede. Um Matt Christman zu zitieren: Widerstand gegen die «Job Destroyer Factory»? Aber die schafft doch Jobs!

Collage des Projekts "post. scriptum". Neben der Ansicht eines handgeschriebenen Briefes sieht man einen Mann mit langen Haaren beim Schreiben an einem Holztisch sowie eine detaillierte Nahaufnahme seiner Unterschrift "Robin".


Nun, wie glücklich uns diese Jobs machen werden, oder wie sehr sie uns noch mehr von unserer Arbeit und Mitmenschen entfremden wird (z.B. Konflikte via ChatGPT austragen) – wir werden es wohl oder übel sehen.

Prognosen in die Zukunft – 5, 10, 15 Jahre – scheinen mir immer schwieriger. Die selbstsichere Prognose stirbt gerade 1000 Tode. Zumindest geht es mir beim Blick in die Welt (und auf ständig ändernde Prognosen) so.

Wie siehst du das? Wie wird sich KI auf die Sicherheit von Prognosen (ob Wirtschaft, Arbeitsperformance, Predictive KPI) auswirken? Immer mehr Prognosen, immer mehr Predictions (Polymarket!) müssen ja auch etwas mit Outcomes anstellen? Ich freue mich, von dir zu lesen!

Auf bald!

Robin

 

Infografik des Projekts "post. scriptum". Ein roter Textkasten erklärt das Format der analogen Brieffreundschaft zwischen dem Organisationsberater Dr. David Bausch und dem Redaktor Robin Adrien Schwarz über die digitale Arbeitswelt. Daneben sind die Porträtfotos der beiden Männer abgebildet.
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