HR Today Nr. 12/2020: Special II – Assessments

Remote- versus Präsenz-Assessment

Die Digitalisierung und die Covid-19-Pandemie verändern die Art, wie Assessments durchgeführt werden. Consultant Andreas Benoit spricht über die Vorteile und die Stolpersteine von Remote-Assessments und wagt einen Blick in die Zukunft.

Die Covid-19-Pandemie hat dazu geführt, dass Remote zusehends Präsenz-Assessments ersetzen. Wie beurteilen Sie die Lage?

Andreas Benoit: Remote-Assessments haben bereits vor ­Covid-19 eingesetzt, allerdings nicht im gleichen Ausmass. Die Pandemie hat diese Entwicklung nun verstärkt respektive beschleunigt. Generell würde ich allerdings nicht von «ersetzen» als vielmehr von «ergänzen» sprechen. Remote-Assessments haben zudem Grenzen. So sind nicht alle Kompetenzen und Anstellungskriterien im Remote-Modus professionell be­obacht- oder beschreibbar.

Was sind die Vorteile von Remote-Assessments?

Ein wesentlicher Vorteil ist sicher, dass Remote-Assessments zeitlich und örtlich flexibel ein- und umgesetzt werden ­können. Mit unserer spezifisch entwickelten Plattform verschicken wir beispielsweise per E-Mail Assessment-Aufgabenstellungen, welche die Teilnehmenden dann online bearbeiten.

… und die Nachteile?

Dass wir Kandidaten persönlich und nicht nur mit technischer Unterstützung begegnen wollen, hat seine Gründe. Vor allem, wenn es darum geht, «soziale Kompetenzen» zu beurteilen, kommen Remote-Assessments rasch an ihre Grenzen. Auch Führungs- oder Konfliktlösungsgespräche via Videoschaltung durchzuführen, ist sehr anspruchsvoll. Dabei können wichtige nonverbale Informationen verloren gehen. Ein weiteres ­Hindernis ist eine instabile Internet-Verbindung. Ein ohnehin schwieriges Gespräch, das immer wieder unterbrochen wird, löst so in der Regel unbefriedigende Gefühle aus. Zu guter Letzt ist auch der Datenschutz eine Herausforderung.

Wie gut sind Sie wie auch Ihre Kandidaten technisch dafür ­gerüstet?

Sehr unterschiedlich. Wir haben mit Kandidaten schon alles erlebt: von einer hochprofessioneller Ausstattung und einem souveränen Umgang mit der Technik bis hin zu «verzweifelten» Fragen wie «Was muss ich jetzt tun?» Um eine optimale Leistung zu erbringen und unsere Aufgabenstellungen in Angriff zu nehmen, benötigen Kandidaten einen PC oder ­Laptop und kein Tablet oder Mobile.

Inwiefern gelingt es, auf Distanz eine «persönliche» Beziehung zum Assessment-Teilnehmenden aufzubauen?

Das hat primär nichts mit physischer Nähe oder Distanz zu tun. Vielmehr hängt das von den sozialen Skills der Assessoren ab. Die Beziehungsgestaltung zeigt sich auch im Schriftverkehr – etwa bei E-Mails. Dieser kann sachlich-nüchtern oder freundlich und wohlwollend daherkommen. Weiter lässt sich daraus erkennen, ob Mails unpersönlich-floskelhaft oder mit einer «persönlichen Note» verfasst wurden.

Eine digitale Beziehungspflege ist viel anspruchsvoller. Welche Tipps können Sie anderen Assessoren geben?

Die Authentizität muss nebst professionellem Know-how immer im Fokus sein.

Remote-Assessments bieten gemäss einer Studie Raum für ­weniger integres Verhalten. Inwiefern nutzen Assessment-Teilnehmende diese «neue Freiheit»?

Mit geeigneten Aufgabenstellungen und jahrelanger Praxis sehe ich da keine Gefahr. «Selbstdarsteller» kommen auch in persönlich durchgeführten Assessments vor. Per se ist es nichts Schlechtes, sich in einem guten Licht darstellen zu wollen. ­Unsere Aufgabe als Assessoren besteht darin, diese Facetten wahrzunehmen und ein möglichst realistisches Bild zu Stärken und Entwicklungsfeldern einer Fach- oder Führungskraft ­abzubilden.

Inwiefern werden Remote-Assessments zum Standard?

Remote kann ergänzen, nicht ersetzen.

Werden Sie vollends zu Präsenz-Assessments zurückzukehren?

Wir werden künftig beide Formen umsetzen. Vor allem, da zahlreiche Kunden in den letzten Monaten froh darüber waren, dass wir für sie zahlreiche Präsenz-Assessments realisiert haben – selbstverständlich unter Wahrung aller erdenklichen Vorsichtsmassnahmen.

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Christine Bachmann

Christine Bachmann, stellvertretende Chefredaktorin, HR Today.

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