Porträt

Rosenkavalier mit Managerdenke

Bei der Suva ist jede Führungskraft ein «HR-Manager». Der oberste HR-Manager, Wolfgang Pfund, hat diese Philosophie geprägt. Im Büro kann er tough sein, gleichzeitig hat er einen Sinn für Schönes und Zartes – Widersprüche gehören zu seinem Leben. Zurzeit versucht er, der Generation Y ein paar Dinge abzuschauen.

Es gibt dieses Klischee, dass Männer nicht sehr gut im Differenzieren von Farbtönen sind. Nicht so Wolfgang Pfund. Im Blumenladen «Blumen Impression» in Lenzburgs Altstadt, fünf Gehminuten von seiner Wohnung entfernt, kommt der HR-Leiter ins Schwärmen: «Diese herbstfarbene, orange-goldene Rose – einfach wunderbar!»

Wolfgang Pfund liebt Blumen. So sehr, dass er einen Blumenladen eröffnen würde, wenn ihm eine gute Fee die finanzielle Freiheit gewähren würde. In diesem Laden gäbe es nicht nur Blumen, sondern auch Gemüse zu kaufen. Als Besitzer würde er sich vor allem dem Einkauf und der Raumgestaltung widmen.

Mühelos schlägt der Personalleiter die Brücke vom Blumengeschäft zu seiner Arbeit: «Das Personal im Blumenladen stellt aus einzelnen schönen Blumen ein noch schöneres Arrangement zusammen. HR unterstützt die Entwicklung der Mitarbeitenden und Führungsverantwortlichen, damit sie in ihren Teams Höchstleistungen erbringen können.» In beiden Fällen gehe es darum, etwas zu gestalten, das dem Kunden einen Wert schafft und ihn zufrieden macht. Dies unabhängig davon, ob es sich beim zu gestaltenden «Objekt» um ein Produkt oder, wie im HR, um Prozesse und Teams handle.

Vom Lehrer über den Banker bis zum HR-Leiter

Wolfgang Pfunds «Gestaltungskarriere» hat ihn durch verschiedene Branchen und Organisationen geführt. Der St. Galler startete in Schlatt (AI) als Primarlehrer ins Berufsleben. Mit 23 Jahren zog es ihn an die Hochschule, mit 30 schloss der Werkstudent an der Universität Zürich in Pädagogik, Psychologie und Didaktik ab – und nebenher hatte er noch das C.G. Jung-Institut besucht.

Danach dürstete es ihn nach Praxis und Lebenserfahrung, er ging zum Bankverein. «Dort hat es mir den Ärmel reingenommen», so Pfund. «Gewinnorientierung, Wertschöpfung, das hat mich fasziniert, obwohl ich eigentlich zu den Spät-68ern zähle.» Nach einem 12-monatigen Praktikum wurde er mit dem Projekt betraut, neue Mitarbeiter so einzuführen, dass sie möglichst schnell produktiv arbeiten konnten. So arbeitete sich der Pädagoge die Karriereleiter hinauf und war bald für die Personalentwicklung zuständig.

Danach folgte der Aufbau eines modernen HRM beim Schweizer Fernsehen, später wurde er oberster Personalchef des Kantons Basel-Stadt. Seit 2008 ist der St. Galler Leiter Personal und Logistik bei der Unfallversicherung Suva in Luzern. Er betrachtet diese Stelle bei einem bundesnahen Unternehmen als Quintessenz seiner bisherigen Tätigkeiten, die unterschiedliche Ansprüche zwischen privat und öffentlich abgedeckt haben. 

Wolfgang Pfund ist seit 26 Jahren im HR tätig, und immer noch mit Leidenschaft. Das Personalwesen fasziniert ihn, weil es Menschen und Betriebswirtschaft miteinander verbindet. «Einfach nur Menschen gern zu haben, ist eine schlechte Motivation, um im Personalbereich tätig zu sein», legt er seine HR-Philosophie dar. Für den Unternehmenszweck, also die Wertschöpfung für den Kunden, brauche es Menschen, diese aber kommen in der Regel nicht aus reiner Lust an ihrer Tätigkeit zur Arbeit. Sie optimal zu führen und dadurch erfolgreich zu sein, das sei die Kunst der Vorgesetzten und der Linie. Das HR könne seinen Beitrag leisten, indem es die Führungskräfte dabei unterstützt. «Die Geschäftsleitung der Suva trägt dieses Prinzip mit, indem sie alle Führungskräfte offiziell als ‹HR-Manager› definiert hat», erklärt Wolfgang Pfund. Er kann durchaus ungehalten reagieren, wenn bei einer Führungskraft Reden und Handeln nicht übereinstimmen, wenn sie von «wertvollem Kapital» spricht, ihren Untergebenen aber nicht Sorge trägt.

Zur Person

Wolfgang Johannes Pfund (1954) ist in 
St. Gallen aufgewachsen. Er arbeitete ab 20 Jahren als Primarlehrer, nahm mit 23 das Studium der Pädagogik, Psychologie und Allgemeinen Didaktik an der Universität Zürich auf, welches er mit 30 abschloss. Neben dem Studium besuchte er drei Jahre lang auch das C.G. Jung-Institut. Seine weiteren vier Karrierestationen waren ab 1985 der Schweizerische Bankverein, wo er bis zum Leiter Personalentwicklung und Management Development aufstieg, ab 1995 war er HR-Leiter beim Schweizer Fernsehen DRS, ab 2001 Leiter des Zentralen Personaldienstes und oberster Personalchef des Kantons Basel-Stadt. 2008 wurde er Leiter Personal und Logistik bei der Suva, wo er mit einem HR-Team von 48 Personen die Arbeitsbedingungen für insgesamt 4200 Mitarbeiter gestaltet und optimiert.

Faszination Macht

Wolfgang Pfund hat zwei Seiten, die auf den ersten Blick unvereinbar wirken. Da ist der blumen- und kunstliebende Ästhet, mit einem Sinn für Zartes und Feines, der Details sieht, genau zuhört, Finessen herausspürt. Und da ist der zielgerichtete, toughe Manager, der seine Faszination für Macht nicht verhehlt – «Damit kann man gestalten!» – und der sich auch nicht scheut, die Dinge schonungslos beim Namen zu nennen. So kann er gar nichts damit anfangen, wenn Mitarbeiter geschont werden: «Es gibt diesen klassischen Fall, da lässt bei einem Mitarbeiter die Leistung nach. Vielleicht wegen einer Scheidung oder weil er ein gesundheitliches Problem hat. Anstatt sich sofort zusammenzusetzen und zu schauen, wie und bis wann das zu lösen ist, schaut der Vorgesetzte weg. Die Mitarbeiterbeurteilung fällt weiterhin gut aus. Und dann, nach ein paar Jahren, plötzlich der Knall, ohne Vorwarnung: ‹So, jetzt geht es nicht mehr mit diesem Mitarbeiter, wir müssen ihm künden.› Wenn ich dann frage, warum man nicht früher etwas gemacht hat, heisst es, man habe die Person schonen wollen. Dieser Führungskraft antworte ich: ‹Falsch, du hast nicht sie geschont, du hast dich selbst geschont.›»

Solche Widersprüche in der Persönlichkeit führen bei manchen Menschen zum Eindruck, dass sie schwierig greifbar sind. Beim Suva-Personalleiter ist das Gegenteil der Fall. Er wirkt greifbar und glaubwürdig, gerade weil er diese beiden Seiten so natürlich nebeneinander zulässt. Auch weil er vor Energie sprüht, egal, ob es ums Business oder um Blumen geht.

Das Zusammenbringen von Widerstrebendem ist zentral für Wolfgang Pfund: «Auseinandersetzungen sind, neben dem Gestalten, mein zweites grosses Lebensthema. Doch je älter ich werde, desto mehr lösen sich frühere Gegensätze auf.» Das habe nicht nur mit ihm selbst, sondern manchmal auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Der frühere Gegensatz Karriere-oder-Kinder etwa, der auch für ihn ein Thema war, löse sich auf, wenn er die Generation Y betrachte: «Die jungen Leute wollen die Vielfalt leben und selbst entscheiden, wo und wann sie arbeiten.» Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist denn auch ein Eckpfeiler der zukunftsorientierten HR-Strategie der Suva. Wolfgang Pfund durfte kürzlich das Prädikat «Familie UND Beruf» der Fachstelle UND dafür entgegennehmen. Zum Thema gab und gibt es intensive Diskussionen im Unternehmen.

Ausser Dienst

Darin bin ich ein kleiner Weltmeister: In unserer Familie bin ich der Chefdekorateur, ich kann gut handwerken.

Das mache ich nach der Arbeit: Ich nehme mir Zeit mit meiner Frau, wir schwatzen, trinken ein Glas Wein, oder ich lese einen Krimi.

Da hole ich mir Adrenalin: Das muss ich mir nicht holen, davon habe ich genug. 

Dabei entspanne ich mich: Beim Schwimmen. Täglich, nach der Arbeit, lege ich einen Kilometer zurück – und kann dabei herrlich auftanken.

Dahin gehe ich in die Ferien: Jedes Jahr drei Wochen am Stück nach Italien. Ich liebe es, für einmal nur rumzuliegen. Selbstverständlich unrasiert.

Tagespensum um vier Stunden reduziert

Diese Auseinandersetzung blieb nicht ohne Wirkung auf den HR-Leiter. Früher arbeitete er regelmässig 14 Stunden täglich, heute sind es oft «nur» noch 12, Tendenz Richtung 10. Auf Referate und Auftritte verzichtet er zunehmend, um Zeit für sich und seine Familie zu haben. 

Ursprünglich wollten er und seine Frau beide Teilzeit arbeiten, sie entschieden sich dann aber aus finanziellen Gründen fürs traditionelle Familienmodell. Jetzt, da ihr Sohn und ihre Tochter erwachsen sind, arbeitet Wolfgang Pfunds Frau wieder – auch sie als HR-Leiterin.

Es geht zwar noch ein paar Jahre, doch nennt der Suva-Manager die Pensionierung augenzwinkernd als nächste Lebensstation. Ein Fazit über die wichtigsten Erfolge und Misserfolge seiner Karriere? Pfund winkt ab: «Es sind nicht die grossen Dinge, es sind die täglichen Erfolge und Misserfolge, die für mich zählen.» Auf der Negativseite zum Beispiel ein Konzept, das nicht durchkommt, ein Projekt, das in der Linie keine Akzeptanz findet, eine Fehlanstellung. «Oder, wenn ich mal zu heftig reagiere – ich bin ein emotionaler Mensch, aber ich entschuldige mich dann auch.» Erfolge seien für ihn, wenn er Veränderungen bewirken könne. Und: «Wenn man dazu beiträgt, dass jemand einen Schritt macht, den er selbst von sich nicht erwartet hätte, und dabei über sich hinauswächst – das sind doch die schönsten Erfolgserlebnisse!»

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Franziska Meier ist Redaktorin und Produzentin mit langjähriger Erfahrung im Zeitungs- und Zeitschriftenbereich. Als Chefredaktorin des Magazins «fit im job» sowie als Fachredaktorin der Zeitschrift «HR Today» hat sie sich auf das Thema «Mensch, Arbeit & Gesundheit» spezialisiert. Zu ihren journalistischen Schwerpunkten gehören insbesondere Persönlichkeitsentwicklung, Coaching, Stressprävention und betriebliches Gesundheitsmanagement. Achtsamkeit praktiziert sie manchmal im Schneidersitz, öfter jedoch auf ihren Spaziergängen rund um den Türlersee.

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