Porträt

«Verantwortung ist nicht 
nur ein Wort»

Sie fühlt sich zuerst den Menschen verpflichtet, dann der Sache. Petra Jenner kämpft für ein 
Umdenken in den Führungsetagen: Es ist Zeit für mehr Menschlichkeit.

Petra Jenner ist eine unkomplizierte Person. Obwohl als Länderchefin von Microsoft Schweiz vielbeschäftigt, hat sie heute in ihrer Agenda Platz geschaffen für ein Gespräch. «Ich wollte es unbedingt möglich machen», strahlt sie zur Begrüssung. In ihrem glänzenden, grauen Etuikleid, das ihre weiblichen Rundungen betont, wäre sie auch für jede Abendeinladung gut angezogen.

Auf dem Weg zur besten Location für das Fotoshooting bewegt sie sich auf den hohen Absätzen sicher durchs Haus. Jenner hat ihr Frausein nicht am Empfang abgegeben. Sie findet es «furchtbar, wenn Frauen sich als Männer verkleiden oder männliche Züge annehmen, nur um ihre 
Karriere zu bestreiten».

Sie posiert geduldig und erntet von vorbeikommenden Mitarbeitern anerkennende Blicke. Die Zeit drängt, doch jeder Augenblick will genutzt sein. Jenner hat ein ganz spezielles Verhältnis zur Zeit. Ein tragischer Unfall nahm ihr vor vielen Jahren gleich vier Freunde auf einen Schlag. «Da habe ich gemerkt, wie schnell alles zu Ende sein kann und wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt zu sein.» 

«Wir brauchen mehr 
Emotionen in der Führung»

Petra Jenner ist der Öffentlichkeit bekannt. Nicht nur, weil sie im Oktober 2011 den Chefsessel einer der grossen IT-Unternehmungen  bezog. Auch mit ihren provokanten Thesen hält Jenner nicht hinterm Berg. Denn sie hat eine zentrale Botschaft: «Wir brauchen mehr Emotionen und Menschlichkeit in der Führung.» Petra Jenner fordert, den Gefühlen auch im Beruf mehr Bedeutung zu geben. «Das hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun», betont sie. «Wer mir erzählen will, es gebe im Unternehmen keine Emotionen, der möge sich bitte nur an die letzte heisse fachliche Debatte erinnern, an stundenlange Diskussionen, die zu nichts führen, weil es gar nicht mehr um die Sache geht, sondern unterschwellig um gekränkte Eitelkeit, Machtkampf, Konkurrenz, verletztes Ego. Der Mensch kann sich hinter fachlichen Diskussionen nicht verstecken. Es geht immer auch um Emotionalität.»

Deswegen ist Petra Jenner der Meinung, dass ein Führungsstil mit Empathie, wie er vermehrt den Frauen zugeschrieben wird, mehr denn je nötig ist. Sie will ihre Botschaft jedoch nicht als Frauenförderung missverstanden wissen. Es brauche nicht nur mehr Frauen, sondern mehr weibliche Eigenschaften in der Führung. «Was nicht heisst, dass die Männer das nicht können. Doch sie brauchen ein Umfeld, in dem sie das leben dürfen. Ich glaube, immer mehr Männer haben es satt, immer nur hart und rational zu sein.» Es sei möglich, eine Führungsrolle auszufüllen und trotzdem einen menschlichen Zugang zum Team zu haben, ist Jenner überzeugt.

Darüber hat die engagierte Chefin nun ein Buch geschrieben. Jenner berichtet darin auch über ihre persönlichen Erfahrungen und Herausforderungen auf dem Weg in die Führungsetage. «Man kann meine Botschaft vielleicht besser verstehen, wenn man mich auch als Menschen etwas kennt», so die Autorin. Persönliches von sich preiszugeben, sei ihr anfangs schwergefallen, doch Menschen um sie herum hätten sie immer wieder ermuntert, anderen Mut zu machen, auch wenn nicht immer alles im Leben geradlinig verläuft. «Karrieren, wie man sie auf den Hochglanzseiten der Unternehmen findet, sind eigentlich selten. Persönliche Erfahrungen und Rückschläge und die damit verbundenen Emotionen prägen den Verlauf der Karriere genauso wie richtige oder falsche rationale Entscheidungen.»

Das wirklich Wichtige hat sie von Menschen in ihrem Umfeld gelernt

Als eine Frau, die ihre berufliche Laufbahn früh im IT-Umfeld beginnt, muss sich Petra Jenner in einer teilweise rauen Männerwelt zurechtfinden. «Da habe ich schon so manche Unverschämtheit einstecken müssen.» Sie ist zunächst  Assistentin der Geschäftsleitung eines IT-Unternehmens. Ihr Weg führt sie dann über die Betreuung der technischen Hotline zu Positionen im Vertrieb und Marketing und endet ganz oben im Führungsolymp. Damit hat sie sich nicht nur Macht erkämpft, sondern auch persönliche Freiräume und 
Unabhängigkeit.

Das war nicht immer so. Jenner wird 1964 in Krefeld geboren und wächst im benachbarten Kempen, einer sehr katholischen Gegend, auf. Das Mädchen fühlt sich als Aussenseiterin,  weil sie schon früh auf ihrem Recht auf Freiraum und Individualität besteht. Das kommt nicht immer gut an. Sie zeigt auch als Teenager Ecken und Kanten, stellt unbequeme Fragen. Die Schule ist für sie ein einziges traumatisches Erlebnis. «Ich habe die Schule abgrundtief gehasst, die Art und Weise, wie uns Wissen eingetrichtert wurde.» Das wirklich Wichtige, sagt sie, habe sie später von klugen Menschen in ihrem Umfeld gelernt.

Gerade 18 geworden, verlässt sie ihre Heimat, absolviert in Düsseldorf zunächst eine Dolmetscherausbildung und verkauft freiberuflich Immobilienfonds. Was sie von zuhause mitnimmt, sind feste moralische Grundsätze ihres Vaters, die sie auch in ihrer Einstellung zu Menschen tief prägen. «Alle Menschen sind gleich», nach diesem Grundsatz lebt und arbeitet sie noch heute.

Petra Jenner

stammt aus dem deutschen Krefeld. Die Diplom-Betriebswirtin und Wirtschaftsinformatikerin stieg 2009 bei Microsoft Österreich ein. Seit 2011 ist sie Geschäftsleiterin bei Microsoft Schweiz und verantwortlich für 580 Mitarbeiter. Vor ihrem Wechsel zu Microsoft hatte Jenner seit Anfang der 1990er Jahre diverse Positionen in verschiedenen IT-Unternehmen wie iMediation, Informix Software, Sybase und Pitoval inne und arbeitete auch zeitweise in den USA. Ab 2004 war sie im Management des israelisch-amerikanischen Sicherheitsspezialisten Check Point Software Technologies als Regional Director tätig. Jenner engagiert sich für verschiedene Verbände und Organisationen und ist gefragte Referentin auf Fachtagungen. Im Oktober erschien ihr erstes Buch.

Es dauert eine Weile, bis Petra Jenner ihre wahre Berufung in einer Führungsaufgabe findet. Und der Weg dorthin ist nicht ohne Entbehrungen, Zweifel und Enttäuschungen. 1993 erhält sie als 28-Jährige ihre erste Position im Management bei Microware, der IT-Firma, wo sie als Assistentin einst begonnen hatte. Und sie wird von den männlichen Kollegen kritisch beäugt. «Erst haben sie gedacht, sie hätten leichtes Spiel mit mir», erinnert sie sich. Sie ist verunsichert, kämpft sich durch – und kommt an ihre Grenzen. Als es der Firma nicht mehr so gut geht, erfährt sie, dass «Verantwortung nicht nur ein Wort ist». Sie fühlt enormen Druck bei dem Gedanken: Wenn ich einen Fehler mache, kann dies Menschen schaden oder sie gar den Job kosten.

Ein Rausch mit einem 
krachenden Ende

Nach einem längeren Aufenthalt in den USA für die Firma Sybase bekommt sie 1995 das Angebot, dort zu bleiben. Sie traut sich nicht und lehnt ab. Damit verpasst sie es, direkt an der Quelle im Silicon Valley ein Teil des grossen IT-Hypes von 1999 bis 2001 zu sein. Sie hat lange daran zu knabbern. Erst später wird ihr die Dimension ihrer Entscheidung bewusst. «Mein Leben wäre ganz anders verlaufen.»

Sie geht wieder zu Sybase nach Deutschland, lernt ihren jetzigen Mann Armin kennen, und zum ersten Mal stabilisiert sich ihr Leben etwas. 1998 wird sie Mitglied der Geschäftsleitung bei Informix in München. Der Sprung in die erste Führungsebene ist für 
Petra Jenner Freude und Schock zugleich. Sie beschreibt diese Zeit wie einen Rausch, begleitet vom Internet-Hype bis hin zum Skandal um die Firma und deren krachendes Ende. Dann fängt sie wieder bei null an. «Wobei null schon ein relativ hohes Level war.» Der IT-Branche bleibt sie treu und wird im Internet-Boom Geschäftsführerin der neu gegründeten iMediation.

2009, nach weiteren Stationen in der IT-Welt, steigt Jenner bei Microsoft ein, zunächst in Österreich, bis sie dann im Oktober 2011 Country Manager von Microsoft Schweiz wird. Sie setzt sich für einen Kulturwandel zu mehr Menschlichkeit ein, was schwer ist, denn «es ist einiges zu reparieren», sagt sie.

Nach einem Jahr hat sie viel geschafft, doch mindestens genauso viel noch vor sich. Um die Mitarbeiter zu mehr Menschlichkeit zu ermuntern, lebe sie dies täglich vor. «Auch wenn ich mal zu hören bekomme: ‹Haben wir nichts Wichtigeres zu tun?› Dann sage ich: ‹Was gibt es Wichtigeres als den Menschen?›» Vorbild zu sein, heisst aber auch, durchzugreifen, klare Linien zu zeigen. Als Jenner zu Beginn ihrer Karriere merkt, dass eine Assistentin ein falsches Spiel treibt, entlässt sie sie kurzerhand. Das ist zwar schon viele Jahre her, doch zu dieser Entscheidung steht sie noch heute: Sie will kein Mobbing und keine falschen Töne in ihrem Umfeld.

Atmosphäre der Wertschätzung 
statt Frauenquote

Schaffe man den Wandel, werde dies die Kultur im Unternehmen nachhaltig verändern.  Hierzu gehörten auch klare Ansagen und absolute Verbindlichkeit, so Jenner. «Das kommt gut an, doch viele Manager scheuen sich noch, die Dinge so auszusprechen, wie sie sie wahrnehmen.» Führung werde viel zu sehr theoretisiert, was nicht hilfreich sei,  wenn man auf einen sehr enttäuschten oder verletzten Mitarbeiter treffe. Bei Microsoft werden die Führungskräfte im Umgang mit solchen Situationen gecoacht. «Es sind oft die kleinen Dinge wie Feedback-Geben, aktiv Zuhören, die richtigen Fragen stellen, die im Alltag 
unheimlich schwer sind.»

Petra Jenner möchte mit ihrem Buch «über Microsoft hinaus etwas bewirken». Und ihr Statement ist so klar wie unverrückbar: Nicht eine Frauenquote, sondern nur eine Atmosphäre, in der Wertschätzung ihren Platz hat, binde auch Frauen langfristig an ein Unternehmen. «Eine Quote braucht man, wenn man eine benachteiligte Art schützen und fördern will.» Eine Quote im Zusammenhang mit der Genderdiskussion ist Jenner ein Graus. «Worüber wir reden müssen, ist ein anderes Arbeitsklima. Ein menschliches eben, wo Mann und Frau so sein können, wie sie sind. Dann werden die Unternehmen auch die Menschen mit Verstand und Herz bekommen, die Wirtschaft und Gesellschaft in Zukunft brauchen.»

20 Sekunden mit Petra Jenner

Ein Essen: Asiatisch
Ein Ort: Himalaya
Ein Buch: Ken Wilberts: «Eros, Kosmos, 
Logos»
Das schönste Geschenk: Zeit mit Freunden
Ein Lebensmotto: Behandle andere 
Menschen, wie du selbst behandelt werden möchtest.

 

Buchtipp

Petra Jenner: Mit Verstand und Herz. Ariston Verlag, 2012, 288 Seiten, gebunden, CHF 28.50

 

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