Assessment

Auf der Suche nach dem guten Menschen

Nach der Finanzkrise und den Wirtschaftsskandalen wird 
überall nach ethisch und moralisch kompetenten Managern 
gerufen. Diese auszuwählen, ist auch Aufgabe des HR, 
wie der Ethiker Markus Huppenbauer in der vorletzten 
Ausgabe von HR Today sagte. Doch wie? Ansätze, um das 
Gutmenschen-Gen zu messen.

Sie ist Menschen weder ins Gesicht geschrieben noch gibt es ein Diplom dazu: die Kompetenz, im Geschäftsalltag ethisch und moralisch richtig zu handeln. Ein verborgenes Talent, das lange nicht überall zu den gefragtesten zählte. Doch mit den Skandal-Meldungen über Betrug, Täuschung und Fälschung, den Milliardenverlusten durch Spekulationsgeschäfte und Boni-Exzessen erleben Ethik und Moral eine Hoch-Zeit. Der Ruf nach Managern mit solchen Kompetenzen ist laut. Nur: Wie misst ein Rekrutierer das ethische Urteilsvermögen und Handeln seines Gegenübers?

Der Arbeitskreis Assessment Center Deutschland hat eine Arbeitsgruppe zum Thema auf die Beine gestellt. Ziel ist es, Methoden zur Diagnostik und Förderung von ethischer Kompetenz aufzuzeigen. In der Schweiz ist es noch ruhiger in diesem Bereich. «Wir erhalten fast keine Anfragen zum Thema Messung ethischer und moralischer Kompetenzen», sagt Patrick Boss, Präsident vom Schweizer Pendant des Arbeitskreises, welches seit November Swiss Assessment heisst. «Angesichts des angeschlagenen Images in einigen Branchen dürfte sich das wohl bald ändern.» Davon sind auch Carmen Tanner von der Universität Zürich und Eva Häuselmann von der despite gmbh überzeugt. Beide arbeiten unabhängig voneinander bereits an Methoden, um ethische und moralische Kompetenzen zu messen und zu fördern, und übernehmen dabei eine Pionierrolle in der Schweiz.

Moral, wie sie die Bevölkerung definiert

Professorin Carmen Tanner geht das Thema von der wissenschaftlichen Seite an. Seit einem Jahr baut sie das Center for Responsibility in Finance am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich auf. Eine Stätte für die interdisziplinäre Forschung zum Thema Ethik in der Wirtschaft. Ein Ziel des Zentrums ist es, Tools und Dienstleistungen zur Messung und Förderung ethischer und moralischer Fähigkeiten zu entwickeln. «Wir wollen HR-Experten ein Instrument an die Hand geben, um die Auswahl von gutem Personal zu vereinfachen», sagt die Psychologin.

Tanner ist überzeugt, dass der Anforderungskatalog an Führungskräfte erweitert werden muss. «Neben fachlicher, sozialer und emotionaler Intelligenz fordern wir auch eine moralische Intelligenz.» Diese moralische Intelligenz umfasst ein Set von Fähigkeiten, um im Geschäftsalltag ethisch und moralisch gute Entscheide zu fällen und umzusetzen.

Um zu definieren, welche Werte überhaupt als moralische Werte wahrgenommen werden, hatte man kürzlich eine Studie in der Schweiz und in den USA durchgeführt. «Erstaunlicherweise sind wir auf sehr wenige kulturelle Unterschiede gestossen», sagt Tanner. Fairness, Ehrlichkeit oder Respekt sind prototypische Beispiele von moralischen Werten, während beispielsweise Reputation oder Compliance nicht als solche wahrgenommen werden.

Um zu eruieren, wie stark eine Person diese Werte im Unternehmensalltag lebt, haben Tanner und ihr Team ein Modell entwickelt (siehe Abbildung und Kasten), das auf vier Teilkompetenzen beruht: moralische Selbstverpflichtung, moralische Sensibilität, moralische Problemlösefähigkeit und moralische Durchsetzungskraft. «Für eine genaue Analyse ist es wichtig, den ganzen Prozess abzudecken: von der Wahrnehmung eines ethischen Problems bis zum konkreten Handeln.» Mit den geplanten Tools sollen Schwachstellen gefunden und ausgebügelt werden können.

Am schwierigsten zu beeinflussen ist die erste Kompetenz, die moralische Selbstverpflichtung. «Die intrinsische Motivation, moralische Werte als verbindlich anzusehen und das eigene Handeln danach auszurichten, hängt stark von der Erziehung und Sozialisation in der Kindheit ab», erklärt Tanner. Für die Relevanz der moralischen Selbstverpflichtung gibt es empirische Belege. «Wir haben festgestellt, dass Menschen mit hoher Selbstverpflichtung auch an Ehrlichkeit festhalten, wenn eine Norm vorherrscht, die Unehrlichkeit billigt. Zudem geht eine höhere individuelle moralische Selbstverpflichtung einher mit weniger Korruption.»

Elemente von Moral Intelligence

Moralischer Kompass: das Vorhandensein eines ethischen Wertesystems als Orientierungshilfe
Moralische Selbstverpflichtung: Ausmass, mit dem Akteure moralische Werte überhaupt als verbindlich ansehen
Moralische Sensibilität: Fähigkeit, moralische Implikationen im Berufsalltag zu erkennen
Moralische Problemlösefähigkeit: Fähigkeit, intuitiv moralisch richtig zu urteilen und in Konfliktfällen Entscheidungsalternativen zu generieren, die mit moralischen Standards vereinbar sind
Moralische Durchsetzungskraft: Fähigkeit, moralische Handlungen auch gegen Widerstände umzusetzen und sich in konsistenter und kohärenter Weise moralisch zu verhalten

  • Quelle: Tanner, C., Christen, M. (im Druck): Moral 
Intelligence: A framework for understanding moral competenes.

Bei der moralischen Sensibilität geht es darum, im Alltag zu realisieren, in welchen Situationen diese Werte tangiert werden. «Hier stehen oft psychologische Mechanismen im Weg, die die selektive und subjektive Wahrnehmung beeinflussen. Zum Beispiel der Slippery-Slope-Effekt, bei dem unethisches Verhalten als unproblematisch angesehen wird, wenn es sich graduell statt abrupt entwickelt. Auch filtern Menschen Informationen so, dass sie selbst ein positives Bild von sich aufrechterhalten können.»

Auch die dritte Kompetenz, die moralische Problemlösefähigkeit, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, wie Tanner sagt. Einen hebt sie besonders hervor: «Die Forschung zeigt eindeutig, dass Personen, die mental erschöpft sind, impulsiver handeln. Moralisches Verhalten jedoch setzt meist genau die Überwindung von spontanen Impulsen voraus.» Das passt nicht in eine Zeit, wo komplexe Probleme unter Zeitdruck gelöst werden. Laut Tanner müssen Führungskräfte darum lernen, auch spontan moralisch richtig zu urteilen und zu entscheiden.

Bei der vierten Kompetenz, der moralischen Durchsetzungskraft, ist vor allem Zivilcourage gefordert. In einer US-Studie gaben 50 Prozent der befragten Manager an, sich aufgrund von Druck von Kollegen oder Vorgesetzten unethisch zu verhalten.

Tanner und ihr Team arbeiten an Tests und Lehrmitteln für die einzelnen Kompetenzen.

Moral im Sinne des Code of Conduct

Das Verfahren von Eva Häuselmann ist bereits in Anwendung. Als Assessment-Spezialistin hat sie sich gefragt, welchen Beitrag Assessments für mehr Moral und Ethik in der Wirtschaft liefern können, ein Herzensthema für die studierte Theologin. Eines, das bei den üblichen Assessments «grob vernachlässigt wird», wie sie sagt.

Das hat Häuselmann vor bald zwei Jahren dazu bewogen, die Firma despite gmbh zu gründen. Zusammen mit Professoren von Unis in der Schweiz, Deutschland und den USA, unter anderem mit Carmen Tanner, hat sie ein Modell entwickelt, das die Vertrauenswürdigkeit und die Integrität von Mitarbeitern misst. Culture Fit Assessment nennt sie ihren Ansatz. Der Name erklärt das Prinzip: «Der Ausgangspunkt unseres Assessments ist der Code of Conduct eines Unternehmens.

Wir legen die Werte nicht neu fest und orientieren uns nicht an unseren persönlichen Moralvorstellungen, sondern wir überprüfen, ob die Wertevorstellungen eines Kandidaten mit denen der Firma übereinstimmen und ob er im Alltag danach handeln kann.» Gibt es im Unternehmen einen ernst zu nehmenden Code of Conduct, der nicht ein blosses Lippenbekenntnis ist, entwickelt Eva Häuselmann ein sehr individuelles Assessment für die entsprechende Zielgruppe. «Unsere Assessments sind massgeschneidert, wir müssen genau eruieren, welchen Herausforderungen moralischer Art die Kandidaten ausgeliefert sein werden. Wir wollen die Spannungsfelder, die Grauzonen verstehen.»

Aufgebaut werden die Assessments aus mehreren Methoden. Ein wichtiges Element sind die Rollenspiele, für die despite professionelle Schauspieler engagiert. «Wir führen die Kandidaten an Dilemma-Situationen heran, bei denen sie spontan entscheiden müssen. Wir überprüfen dabei, ob die Person bemerkt, dass sie in einem Wertekonflikt steckt, welche Werte ihr als Kompass dienen, ob eine kreative Lösung gesucht wird, die die Werte schützt, und ob sie genügend Zivilcourage besitzt, um die Lösung auch durchzusetzen.»

Neben den Assessments entwickelt despite auch Online-Tools und bietet Trainings und Seminare an, um solche Kompetenzen zu schulen. «Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass viele Führungskräfte privat moralischen und ethischen Werten folgen, sie aber nicht mit ihrem Geschäftsalltag in Verbindung bringen. Diesen Link wollen wir mit ihnen zusammen herstellen.»

Links

Das Center for Responsibility in Finance will Impulse für eine sozialverantwortliche Entwicklung liefern. Es führt forschungs- und praxisorientierte Projekte durch und bietet eine Plattform für den Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Infos unter: www.bf.uzh.ch/crf

Mehr zu den Dienstleistungen der despite gmbh unter: www.despite-gmbh.ch

 

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