Fokus Forschung

Ausschlusskriterium Lebenslauflücken?

In der Praxis dient das Sichten von Bewerbungsunterlagen in beinahe 100 Prozent der Rekrutierungsverfahren zur Bewertung der Kandidaten. Dabei erwecken Lücken im Lebenslauf einen negativen Eindruck. Doch werden diese ­vermuteten Zusammenhänge in der Forschung bestätigt?

Dieser Frage gingen die beiden Wirtschaftspsychologen Florian Frank und Prof. Dr. Uwe P. Kanning mittels eines Online-Fragebogens nach. In ihrer Studie mit 1423 Teilnehmenden analysierten sie, inwieweit Lücken im Lebenslauf in einem Zusammenhang zu verschiedenen Persönlichkeits­eigenschaften stehen. Häufig werden mit grösseren Lücken mangelnde fachliche Qualifikationen, Defizite in der Selbstkontrolle, ungünstige Ausprägungen der Persönlichkeitsmerkmale oder eine geringe Leistungs- und Zielorientierung verbunden.

Im Online-Fragebogen wurden folgende acht Eigenschaften untersucht: Leistungsmotivation, Selbstkontrolle, Zielorientierung und die Big Five (Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit, Neurotizismus). Die Resultate zeigen, dass fünf dieser Persönlichkeitsmerkmale, nämlich Leistungsmotivation, Selbstkontrolle, Zielorientierung, Extraversion und Gewissenhaftigkeit, negative ­Zusammenhänge mit Lücken im Lebenslauf aufweisen, nachdem demografische Variablen wie Geschlecht, Alter und Bildung sowie die Tendenz zu sozial erwünschtem Antwortverhalten berücksichtigt worden waren.

Je grösser die Lücken im Lebenslauf, desto weniger leistungsmotiviert, selbstkontrolliert, zielorientiert, extravertiert und gewissenhaft sind die Personen. Allerdings sind die Zusammenhänge sehr schwach. Die Korrelationen steigen jedoch deutlich an, wenn die Gründe für die Lücken im Lebenslauf berücksichtigt werden. Zum Beispiel sind Personen, die grössere Lücken im Lebenslauf aufgrund des Abbruchs einer beruflichen Ausbildung aufweisen, statistisch gesehen weniger gewissenhaft und verträglich, und Personen, die längere Reisen unternommen haben, zeigen durchschnittlich eine geringere Selbstkontrolle.

Die Annahme, dass anhand der Lücken im Lebenslauf ein Stück weit auf die Persönlichkeit der Bewerber geschlossen werden kann, scheint aufgrund der Studienergebnisse durchaus zutreffend. Denn Personen ohne Lücken im Lebenslauf erweisen sich als leistungsmotivierter, selbstkontrollierter, zielorientierter, extravertierter und gewissenhafter als Personen mit Lücken. Dabei ist wichtig, auch die Gründe für das Entstehen der Lücken zu berücksichtigen. Darüber hinaus sollten auch die Schul- und Arbeitszeugnisse geprüft werden, weil diese zuverlässigere Informationen liefern als die alleinige Beachtung des Lebenslaufs.

  • Quelle: Frank, F. & Kanning, U. P. (2014). Lücken im Lebenslauf: Ein valides Kriterium der Personalauswahl? Zeitschrift für Arbeits- und Organisations­psychologie, 58(3), 155–162. doi 10.1026/0932–4089/a000140
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Heidi Bodenmann ist Wissenschaftliche ­Assistentin, Lehr­beauftragte und Doktorandin am Lehrstuhl ­Human Resource ­Management der ­Universität Zürich.

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