Innovation in Zeiten des Überfluss

In der Leere liegt die Fülle

In einer reizüberfluteten Arbeitswelt wird der bewusste Wechsel zwischen produktivem Überfluss und regenerativer Stille zum entscheidenden Erfolgsfaktor für Teams. Über die Balance zwischen Burnout und Boreout in der modernen Führung.

Schaut man auf die Managementpraxis und in die Literatur, ist ein Streben nach Reduktion und Leere seit vielen Jahren präsent – meist mit dem Ziel des Kostensparens und der Effizienzsteigerung.

Mit Lean Management will man Produktionsprozesse schlanker gestalten. Elon Musk versucht es mit einem massiven Stellenabbau, damit sein Unternehmen ebenso wie der amerikanische Staatsapparat effizienter werden. In der Selbsthilfeliteratur ist der Bestseller «Simplify your life» mit Tipps, wie das Leben vereinfacht werden kann, unverändert präsent. Als Mindfulness fanden Meditation und Innehalten den Weg zum Topmanagement.

Für Kurt Haberstich, Schweizer Buchautor, Fotograf und Skulpteur, liegt die Fülle in der Leere («Aufbruch zu neuen Horizonten») und das Winterfoto auf seiner Webseite legt einen Vergleich mit der Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten nahe: Nach dem scheinbaren Stillstand im Winter folgt das Wachstum im Frühling, Sommer und Herbst. Ohne Pause und Rückzug kann scheinbar nichts Neues entstehen. Das mag ein Grund sein, weshalb in einer reizüberfluteten Welt, in unter Druck stehenden Unternehmen und in stark belasteten Teams der Ruf nach Stille lauter geworden ist. Umso wichtiger, jetzt einen Moment innezuhalten und herauszufinden, was Leere ebenso wie Überfluss mit uns als Mensch, als Team und als Organisation macht.

Artikelzitat von Pascal Romann: Zu viel Leere führt zu Stillstand, Tod oder – im Organisationskontext – zu Boreout. Zu viel Fülle hingegen zu Überforderung, Hamsterradverhalten oder Burnout.


Es braucht beides: Leere und Fülle, Stillstand und Wachstum, damit Neues entstehen kann.

Bereits der Kommunikationspsychologe Schulz von Thun verdeutlichte durch sein Werte- und Entwicklungsquadrat, dass jedes Verhalten respektive der damit verbundene Wert nur seine positive Wirkung entfalten kann, wenn die «Schwesterntugend» auch Platz bekommt. Neben Sparsamkeit braucht es Grosszügigkeit, um nicht zum Geizhals zu werden, so Schulz von Thun. Damit kann eine Erkenntnis bereits vorweggenommen werden: Zu viel Leere führt zu Stillstand, Tod oder – im Organisationskontext – zu Boreout. Zu viel Fülle hingegen zu Überforderung, Hamsterradverhalten oder Burnout. Genau wie sich Jahreszeiten abwechseln und einander brauchen, brauchen auch wir, brauchen auch Organisationen für Wachstum beides, Leere und Fülle.

Gelbe Infografik von "HR Today" mit dem Titel "Werte- und Entwicklungsquadrat nach Nicolai Hartmann und F. Schulz von Thun". Das Modell ordnet vier Begriffe in einem Quadrat an: Oben bilden die positiven Pole "Fülle" (Tugend A) und "Leere" (Tugend B) einen komplementären Gegensatz. Senkrechte Pfeile zeigen, dass ein "Zu viel des Guten" in eine negative Übertreibung führt: Fülle kippt in "Burnout", Leere in "Boreout". Diese bilden unten einen diametralen Gegensatz. Diagonale Pfeile zeigen die "Entwicklungsrichtung" und weisen von den negativen Übertreibungen jeweils kreuzweise nach oben zur gegenüberliegenden positiven Tugend.

 

Wirkung einer Pausentaste auf uns und Organisationen

 

Ob durch Mikropausen, Achtsamkeitsübungen, Meditation oder eine andere Form des Innehaltens: Eine Pause kann erholsam sein für unser Gehirn und unseren Körper. Stresshormone werden abgebaut, die Herzfrequenz und der Blutdruck sinken, unser Nervensystem beruhigt sich und die Körperzellen starten ihre Regenerationsarbeit. Als Folge fühlt man sich erholter, ist kreativer, trifft bessere Entscheidungen und ist resilienter, was Grund genug sein sollte fürs Innehalten. Entsprechend könnte man gar argumentieren, dass Langeweile Voraussetzung ist, sich selbst zu finden und Neues schaffen zu können.

Stille und Reduktion in Organisationen wirken sich ähnlich positiv aus. Die Kreativität in Teams verbessert sich, die Zusammenarbeit wird effektiver und effizienter, die Produktivität damit besser. Kopfloses Reagieren, Feuerwehrübungen ebenso wie die Wahrscheinlichkeit von Fehlentscheidungen nehmen ab, was ein Unternehmen mittel- und langfristig erfolgreicher macht.

Dieser positive Eindruck einer Pause ändert sich rasch, fragt man Google und KI nach der Wirkung von Leere auf uns als Mensch und Organisationen. Es finden sich Hinweise auf Unterforderung, Langeweile, Stillstand, Ineffizienz oder die Verschwendung von Ressourcen. Während Pause und die damit verbundene Stille sprachlich positiv konnotiert sind, scheint Leere ein Übermass an Stille zu sein, die umgehend zu füllen ist, ohne dass die KI-Abfragen erklären, ob es um die zeitliche Länge oder die Intensität einer solchen Leere geht.

Gelbe Infografik von "HR Today" (Schritt 1). Unter der Überschrift "Reflexionsübung" stehen drei Leitfragen zum Thema Leere: "Was assoziieren Sie persönlich mit Innehalten, mit Stille und mit Leere – und was Ihr Team?", "Welches Gefühl löst die Vorstellung aus, komplett in der Leere zu sein?" sowie "Wann haben Sie und wann hat Ihr Team das letzte Mal Leere erlebt – und wie war das?"

 

Wirkung von Überfluss auf uns und Organisationen

 

Haben wir als Mensch und Organisation alles oder sogar mehr, als wir zum Erfüllen unserer Grundbedürfnisse brauchen, schafft dies Raum für Selbstausdruck und Selbsterfüllung. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow spricht von Defizitbedürfnissen (Nahrung und Schlaf, Sicherheit und Stabilität, Zugehörigkeit und Liebe sowie Anerkennung und Status), die befriedigt sein müssen, bevor wir uns um die Pyramidenspitze und damit um Selbstverwirklichung als Wachstumsbedürfnis kümmern können.

Während man als Mensch nach Lebenssinn strebt, spricht man in Organisationen von Purpose respektive der Umsetzung einer Vision. Nicht nur als Mensch hat man einen «Third Drive», wie US-Schriftsteller Daniel H. Pink in seinem Buch «Drive» argumentiert. Auch Unternehmen scheinen intrinsisch «motiviert» und streben nach Autonomie, Weiterentwicklung und Sinnerfüllung zum Wohl der Welt und der Gesellschaft.

Vergleichbar zur Leere äussern sich Google und KI zum Thema Überfluss jedoch weniger positiv: Als Mensch führe Reizüberflutung zu Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit, Entscheidungsschwierigkeiten und langfristig zu Erschöpfung. Hinsichtlich Organisationen werden Überforderung, zu hohe Komplexität, Systemlähmung, Ineffizienz wie auch das Risiko von Überproduktion genannt. Überfluss ist somit nicht mehr Ausgangslage für Selbsterfüllung, sondern eine Gefahr, die Organisationen vermeiden sollen.

Gelbe Infografik von "HR Today" (Schritt 2). Unter der Überschrift "Reflexionsübung" stehen vier Leitfragen zum Thema Überfluss: "Was assoziieren Sie persönlich mit Überfluss – und was Ihr Team?", "Wann ist es für Sie und für Ihr Team zu viel, wann passend, wann zu wenig?", "Welches Gefühl löst die Vorstellung aus, komplett im Überfluss zu sein?" sowie "Wann haben Sie und wann hat Ihr Team das letzte Mal Überfluss erlebt – und wie war das?"

 

Momente der Leere und Fülle bewusster gestalten

 

Dry January oder das Wiederaufleben der Fastenzeit jetzt vor Ostern mit Verzicht zum Beispiel auf Kaffee und Zucker oder den Konsum digitaler Medien zeigen, dass Rituale uns helfen, den Wechsel zwischen gesunder Leere und angemessener Fülle bewusster zu gestalten. Vergleichbare Bräuche und Ansätze fehlen in Organisationen bisher. Die Zeit rund um Weihnachten wird teilweise als Chance für eine Betriebsschliessung genutzt oder im Sommer führen die Ferien der Konzernleitung zur Verlangsamung des operativen Betriebs. Einzig als organisationale Resilienz, welche die Widerstandskraft von Unternehmen stärken soll, findet man Hinweise für einen bewussteren Umgang mit Leere und Fülle.

Artikelzitat von Pascal Romann: Dry January oder das Wiederaufleben der Fastenzeit vor Ostern zeigen, dass Rituale uns helfen, den Wechsel zwischen gesunder Leere und angemessener Fülle bewusster zu gestalten.

Die ISO-Norm 22316:2017, welche im Kontext organisationaler Resilienz ein Orientierungspunkt ist, nennt neben einer gemeinsamen Vision, einem Risikomanagement oder einer befähigenden Führung auch Ressourcenverfügbarkeit als Resilienzfaktor. Dabei geht es nicht nur um Systeme und Technologien, sondern auch um die Verfügbarkeit von Menschen: Durch den Aufbau von Stellvertretungen, das Teilen von Wissen oder die ausreichende Anzahl an Mitarbeitende:innen entsteht in der Praxis die Fähigkeit, rasch auf Kurswechsel und veränderte Rahmenbedingungen reagieren zu können.

Damit bleibt der Eindruck, dass die aktuelle Hektik und der vorherrschende Überfluss bisher Leere und Stille noch nicht ausreichend Platz geben, sondern es einen bewussten Effort braucht – als Mensch wie auch als Organisation –, den dafür erforderlichen Raum zu schaffen. So wie in der Natur sich eine freie Fläche rasch mit Pflanzen füllt, füllt sich auch beim Menschen und bei Organisationen ungenutzte Zeit. Erkennt man jedoch, dass in der Leere eine mögliche Fülle verborgen ist, der freie Raum in anderer Form bereits gefüllt ist, verändert sich die Sichtweise und geht es darum – analog zu den Jahreszeiten – die passende Abfolge von Leere und Fülle zu finden.

Gelbe Infografik von "HR Today" (Schritt 3). Unter der Überschrift "Reflexionsübung" stehen drei Leitfragen zur Balance: "Wie viel Fülle und wie viel Leere soll es für Sie und für Ihr Team sein?", "Was würde passieren, wenn die Fülle gar nicht voll und die Leere gar nicht leer ist?" sowie "Wie bleiben Sie und Ihr Team konkret achtsam bezüglich Leere und Fülle, um die passende Balance für alle zu finden?

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Porträt von Pascal Romann, im Anzug, der direkt in die Kamera blickt. Er trägt ein dunkelblau kariertes Sakko über Hemd und Pullover, hat kurze, helle Gesichtsbehaarung und einen rasierten Kopf. Der Hintergrund ist unscharf dunkel gehalten.

Pascal Romann ist Organisationsentwickler, Coach und nebenberuflicher ETH-Dozent zu Leadership-Themen. Daneben leitet er Workshops in den Bereichen Kommunikation und Konfliktmanagement.

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