Video & Porträt

Die Rechnung ist aufgegangen für die «Postbankerin» Nathalie Bourquenoud

PostFinance ist zum drittgrössten Retail-Finanzinstitut der Schweiz geworden. 2013 wird aus ihr eine echte Bank. 
Nathalie Bourquenoud, Leiterin HR, spricht über ihre Herausforderungen und ihre Work-Life Balance.

Sie ist HR-Chefin von PostFinance (4000 Mitarbeitende), Mitglied der Geschäftsleitung, Logistikchefin – und sie liest ihre Mails nur zweimal täglich. Zwei halbstündige Flashs um 13.00 und 17.30 Uhr. «Manchmal komme ich erst am späten Abend dazu, nach dem Sport und etwas Zeit mit der Familie. Hauptsache, die kreativen Stunden am Morgen werden für wichtige Aufgaben genutzt», erklärt die Freiburgerin Nathalie Bourquenoud. Mit der gleichen Disziplin organisiert sie auch ihre Arbeit. Seit dem Frühling verzichtet sie auf Papierausdrucke. Alles ist in ihrem Laptop gespeichert.

Sämtliche HR-Prozesse wurden digitalisiert

Ausserdem wird sie demnächst ihr eigenes Büro aufgeben, um zu ihrem Team in einen Open Space zu ziehen. Für ihr Team gilt dieselbe Regel mit dem Papier ab Oktober 2012. Lächelnd meint sie: «Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe, aber die Veränderung ist wirklich der Mühe wert.» Der Abbau von festen Arbeitsplätzen zwingt ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu, flexibler zu sein – nebenbei werden auch Infrastrukturkosten eingespart. Aber vor allem geht es darum, die Manager draussen im Feld bei ihren operativen Herausforderungen zu unterstützen. Auch bezüglich Nachhaltigkeit und Logistik ist das digitale Büro ideal. PostFinance erhält jedes Jahr 14 000 Bewerbungen. Seit dem Jahr 2005 sind sämtliche HR-Prozesse digitalisiert: Festlegung und Evaluation der Ziele, E-Recruiting, Arbeitszeugnisse, Lohnerhöhungen und Veränderungen des Beschäftigungsgrades und so weiter.

Mehr als hundert Milliarden Franken 
Kundengelder

Die neuen Technologien haben es PostFinance vor allem auch ermöglicht, kräftig weiterzuwachsen. Die Belegschaft stieg innerhalb von sechs Jahren von 2800 auf fast 4000 Mitarbeitende (500 Einstellungen im Jahr 2011). Post-Finance ist zum drittgrössten Retail-Finanzinstitut der Schweiz geworden. Die Kundengelder stiegen auf über hundert Milliarden Franken, verteilt auf 4,5 Millionen Konten. Auch das Leistungsportfolio ist in den erfolgreichen letzten Jahren entsprechend gewachsen: Sparkonten, Anlagen, E-Banking, KMU-Kredite, Hypotheken, berufliche Vorsorge. «Zahlungsverkehr und Sparguthaben sind aber weiterhin unser Kerngeschäft», sagt die HR-Leiterin in einer Mischung aus Deutsch und Französisch (sie ist die einzige Westschweizerin in der Geschäftsleitung). Anfang 2013 wird PostFinance die nächste Etappe in Angriff nehmen und zur echten Bank werden, die den Vorschriften der FINMA unterliegt. «Im Einvernehmen mit unseren Sozialpartnern werden wir die Personalreglemente anpassen. Wenn alles gut geht, wird der neue GAV bis 2015 unter Dach und Fach sein», erklärt sie.

20 Sekunden mit 
Nathalie Bourquenoud

Ein Essen: Tomatenrisotto
Ein Getränk: Rotwein
Ein Buch: Paulo Coelhos «Der Alchimist»
Ein Vergnügen: ein Essen mit Freunden
Fronarbeit: bügeln und das Auto tanken
Eine gute Recruiter-Frage: «Reden wir  über Ihre Misserfolge.»

Wie steht es um die Unternehmenskultur? «Wir sind ein Start-up, aber eines mit Geld. Im Gegensatz zu anderen Banken mit ziemlich strengen Regeln herrscht bei uns eine sehr innovative Kultur mit flachen Hierarchien und einer Organisation, die aus Projektgruppen besteht.» Sie räumt jedoch ein, dass die starke Einbindung des Managements den Projektbeginn jeweils in die Länge zieht. «Aber sobald es einmal auf den Weg gebracht ist, verringert sich der Kommunikationsbedarf, da bereits alle ihre Meinung abgegeben haben.» Eine weitere Besonderheit der Post-Finance-Kultur ist die Einstellung gegenüber den Kunden. «Bei uns werden kleine und grosse Vermögen in gleicher Weise betreut.»

Gleiches Gehalt für gleiche
 Aufgaben

Wo liegen mit Blick auf das Jahr 2013 die operativen Herausforderungen? «Die erste Challenge besteht darin, PostFinance als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren. Unsere Personalpolitik beruht auf dem Prinzip ‹gleiches Gehalt für gleiche Aufgaben›.» Nathalie Bourquenoud betont diesen Punkt, denn auf dem übrigen Finanzplatz Schweiz zählt nach ihrer Einschätzung Seniorität mehr als Kompetenz. Bei PostFinance liegen die Einstiegsgehälter leicht über dem Marktniveau, steigen danach während zwölf Jahren an und flachen schliesslich ab.

Das Durchschnittsalter liegt deshalb bei 37 Jahren. «Dies entspricht auch unserer operativen Positionierung, wobei wir alle Kunden gleich behandeln.» Die Gleichstellung von Mann und Frau ist ein weiteres Schlüsselthema. Bei PostFinance beträgt der Frauenanteil im Management heute über 30 Prozent und liegt somit höher als bei den Schweizer Banken. Alle diese Employer-Branding-Massnahmen tragen inzwischen Früchte, denn PostFinance hat im Universum-
Ranking der attraktivsten Arbeitgeber in den Kategorien Gleichstellung und Respekt gegenüber den Mitarbeitenden den Sprung in die Top Ten geschafft.

Lieber Life-Balance als 
Work-Life-Balance

Bei der zweiten Herausforderung geht es um die Steigerung der Teamleistungen. Als Hebel fungieren die Weiterbildung und die Organisationsentwicklung in den drei Bereichen Verkauf, Produktion und Informatik (Datenerfassung), die nicht zuletzt aufgrund ihrer Mitarbeiterzahl eine bedeutende Rolle spielen. Begleitet werden diese Veränderungen von einem Top-down- /Bottom-up-Ansatz. Dazu erklärt Bourquenoud: «Die Visionen und operativen Ziele der Geschäftsleitung müssen klar und präzise sein. Gleichzeitig muss man die Bedürfnisse der einzelnen Bereiche kennen, da sich diese in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden.»

Und das dritte vorrangige Ziel? «Aufwertung der Life-Balance, die sich heute als Begriff am besten eignet, da die Work-Life-Balance sich auf das Gleichgewicht von Berufs- und Privatleben reduziert», sagt sie weiter. Mit ihrer Disziplin bei der Bearbeitung von Mails will sie mit gutem Beispiel vorangehen. Ausserdem geht sie ins Fitness-Studio und joggt viermal pro Woche. «Deutschschweizer nehmen ihren Sport sehr ernst. Viele Kolleginnen und Kollegen gehen morgens oder in der Mittagspause joggen. Mir passt es abends oder am Wochenende besser.» PostFinance hat auch umfassende Vorkehrungen für das betriebliche Gesundheitsmanagement getroffen, die sie der Geschäftsleitung erfolgreich «verkaufen» konnte. «Die Absenzen sind um rund 30 Prozent zurückgegangen. Dadurch sparen wir drei Millionen Franken pro Jahr.»

Sie ist also auch der Aufgabe des HR Business Partners gewachsen. Jean-Jacques Toffel, seit vier Jahren Leiter HR-Beratung Verkauf und Marketing bei PostFinance, bestätigt: «Sie setzt sich klare Ziele, ist aber stets auch für ihre Partner da. Ich konnte immer gut mit ihr diskutieren. Wenn wir die Vision teilen, schenkt sie mir Vertrauen und lässt mir viel Spielraum.»

Für die Angesprochene geht es vor allem darum, die geschäftlichen Zusammenhänge zu verstehen und je nach Gesprächspartner unterschiedlich zu argumentieren. «Bei PostFinance legen wir grossen Wert auf die Strategie. Der Prozess erfordert zwar Zeit, aber er trägt Früchte. In den Strategiesitzungen der Geschäftsleitung werden die allgemeinen Ziele und grossen Zusammenhänge geklärt. Danach bitte ich alle meine HR-Leiter, dieselben Überlegungen auch in ihren Bereichen anzustellen.» Um diesen Überlegungen in der Praxis einen festen Platz einzuräumen, hat sie die Stelle des HR-Beraters geschaffen, welche die individuelle Betreuung der Linienvorgesetzten mit der Personalstrategie von PostFinance verknüpft. Von dieser Innovation war im Jahr 2010 auch die Jury der Swiss HR-Awards (Preis verliehen durch HR Today) angetan, als PostFinance ausgezeichnet wurde. Damals war sie gerade 38 Jahre alt.

Mit 30 Jahren Firmenchefin, Mutter und in Weiterbildung

Wie lässt sich dieser Erfolg erklären? Ihr Mann Christophe Bourquenoud, Finanzchef beim Gemeindeverband für Pflegedienste des Bezirks Saane (Kanton Freiburg), erzählt: «Sie macht ihre Arbeit gern und ist mit vollem Engagement dabei. Sie ist eine Frau, die trotz ihrer Erfolge und Ehrungen bescheiden geblieben ist. Auch gelingt es ihr, Privatleben und Beruf in Einklang zu bringen. Sie ist zwar oft abwesend, hat sich aber immer auch intensiv um unseren Sohn (heute 19-jährig, Anm. d. Red.) gekümmert.»

Geboren wurde Nathalie Bourquenoud in Billens im Freiburger Bezirk Glâne. Der Vater Elektriker, die Mutter Leiterin der Fakturierung im Daler-Spital in Freiburg. Ihr Bruder hat in Lausanne ein Call-Center gegründet. Nach dem Kollegium St-Michel beschliesst sie, das Berufsleben ohne Hochschulabschluss in Angriff zu nehmen, und beginnt bei einer Treuhandfirma zu arbeiten. Nach einer berufsbegleitenden Ausbildung erwirbt sie das eidgenössische Buchhalterdiplom – eine beachtliche Leistung angesichts einer Durchfallquote von 70 Prozent. Als sie von ihrem Mann erfährt, dass die Raiffeisen-Filiale in Courtepin FR einen neuen Leiter sucht, packt sie die Gelegenheit beim Schopf. Es ist der Beginn einer brillanten Banklaufbahn. Heute sagt sie: «Mein grosser Vorteil ist, dass ich die meisten Bankberufe schon einmal ausgeübt habe.» Als kaum 30-jährige Familienmutter zur Firmenchefin aufgestiegen, entscheidet sie sich für eine Weiterbildung an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule des Kantons Freiburg, die sie mit einem Master in Management abschliesst. 

Bald schon erkennt man am Geschäftssitz der Raiffeisen-Gruppe in St. Gallen ihr Potenzial und bietet ihr in der Strategieentwicklung des Unternehmens eine Stelle an. «Wir diskutierten lange darüber. Und weil auch mir eine Stelle angeboten wurde, nahmen wir die Herausforderung schliesslich an», erinnert sich Christophe Bourquenoud. Die Familie zieht um, lernt Deutsch und übersteht das schwierige erste Jahr der «Auswanderung». Drei Jahre später kommt Nathalie Bourquenoud als Personalchefin zu PostFinance. Die Rechnung ist also aufgegangen.

  •  Übersetzung: ManRey
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Marc Benninger ist Chefredaktor der französischen Ausgabe von HR Today.

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