HR Today Special 2019: BGM – Körper und Geist

Eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis

Als das Label Friendly Work Space vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde, wurde es kritisch beäugt. Mittlerweile ist es als Qualitätsmerkmal etabliert und hat massgeblich dazu beigetragen, dass betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) aus der Unternehmenslandschaft nicht mehr wegzudenken ist.

Von 0 auf 82 in zehn Jahren – was wie eine Schlagzeile auf einem Newsportal tönt, sind zwei Kennzahlen zum zehnten Geburtstag des Labels Friendly Work Space. Während 2009 der erste Betrieb mit dem Label für systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement ausgezeichnet wurde, sind es 2019 bereits 82 Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen. Mittlerweile arbeiten in der Schweiz rund 250 000 Arbeitnehmende, oder 11% der der Erwerbstätigen in der Schweiz, in einem ausgezeichneten Betrieb.

«Bei der Lancierung des Labels betraten wir Neuland», blickt René Marcello Rippstein, Leiter Betriebliches Gesundheitsmanagement bei Gesundheitsförderung Schweiz, auf die Anfänge zurück. Natürlich hätten sich die Firmen damals an das Arbeitsgesetz gehalten und in den Unternehmen habe es Sicherheitsverantwortliche gegeben, oder sogar jemanden, der im Falle von längeren Absenzen eine Art Case Management betrieben habe, so Rippstein. «Eine richtige Forschungs- und Praxisgrundlage zu BGM, Ausbildungen zu Gesundheitsförderung im betrieblichen Umfeld oder Unternehmen, welche BGM als strategisches Thema angingen mit Massnahmen, die über die gesetzlichen Vorschriften hinausgehen, gab es jedoch kaum.»

Label als Qualitätsmerkmal

Neuland zu betreten hat immer auch Vorteile. «Wir konnten unsere Idee von einer Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis nach unseren Vorstellungen formen und weiterentwickeln.» Zum Pionierteam gehörten damals neben Gesundheitsförderung Schweiz und der Migros Vertreter des BAG, des Seco, von ABB, der Post, Alstom, SBB, Swica, der Suva, des Schweizerischen Versicherungsverbandes, des Instituts für Arbeitsmedizin sowie des Instituts für Arbeitsforschung und Organisationsberatung.

Ihnen allen war von Anfang an klar, dass das Label nicht nur ein Marketinginstrument, sondern vor allem auch ein Qualitätsmerkmal sein und daher von externen Expertinnen und Experten überprüft werden muss. Seit Anbeginn basiert das Label auf sechs Qualitätskriterien, die in 25 Subkriterien aufgeteilt sind. «Die Entwicklung dieser Kriterien orientierte sich an den Richtlinien des Europäischen Netzwerks für betriebliche Gesundheitsförderung, die bereits 1997 ins Leben gerufen worden waren», erklärt Rippstein. Wichtig war den Pionierunternehmen auch, dass mit dem Label nicht einzelne Massnahmen, sondern die Systematik von BGM in einer Organisation bewertet wird. «Zentral ist, dass BGM als strategische Management­aufgabe verstanden und systematisch und damit nachhaltig in die Organisationsprozesse integriert und umgesetzt wird.»

Gesundheit als Wachstumsmotor

Wurde das Label anfangs noch sehr kritisch beäugt und hinterfragt, ist zehn Jahr später klar: Friendly Work Space hat sich zu einer etablierten Marke entwickelt und BGM ist von einer Randerscheinung zu einem zentralen Thema in der Arbeitswelt geworden. René Marcello Rippstein spricht sogar vom Wirtschaftsmotor BGM. «Gesundheit und Motivation fördern den Unternehmenserfolg durch erhöhte Leistungsbereitschaft und Innovation. Ich bin überzeugt, dass die Gesundheit der Mitarbeitenden und der wertschätzende Umgang miteinander einen grossen Einfluss auf künftiges Wachstum haben werden.»

Eine Untersuchung von 2016 zeigt, dass mittlerweile 71 Prozent der Schweizer Unternehmen BGM-Massnahmen umsetzen. «Zur raschen Verbreitung hat bestimmt auch der gesellschaftliche Wertewandel der vergangenen Jahre beigetragen haben», ist Rippstein überzeugt. So werden vor allem für die jüngeren Mitarbeitenden immaterielle Werte immer wichtiger. Zeitgemässe Unternehmen haben erkannt, dass sie ein gutes Betriebsklima bieten müssen, um Mitarbeitende zu gewinnen und zu halten.

Systematik und Aussensicht

Mit den gesellschaftlichen Themen haben sich in den vergangenen Jahren auch die BGM-Themen verändert. Standen 2009 Ergonomie, Case Management und Ernährung im Fokus, ist es gemäss Rippstein heute die Widerstandskraft im Zusammenhang mit dem dauernden Wandel, der Umgang mit Stress sowie zunehmende Komplexität in jeder Hinsicht. «Insofern muss heute jedes Unternehmen die Gesundheit seiner Mitarbeitenden pflegen und fördern, um langfris­tig erfolgreich zu bleiben.» Dazu brauche es nicht zwingend ein Label, so Rippstein. «Allerdings hat dieses den Vorteil, dass es zusätzlich zur Systematik eine Aussensicht ins Unternehmen bringt.»

Das Thema Balance zwischen Ressourcen und Stressoren wird nicht nur wichtiger, weil es mit der neuen Arbeitswelt mehr Aufmerksamkeit erhält, sondern auch, weil gemäss einer Hochrechnung von Gesundheitsförderung Schweiz das ökonomische Potenzial, das sich für die Schweizer Betriebe durch Reduktion der gesundheitsbedingten Produktivitätsverluste ergibt, wenn alle Personen mindestens ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Ressourcen und Belastungen hätten, im Jahr 2018 auf 6,5 Mrd. CHF geschätzt wird und somit den höchsten Wert seit Messbeginn im Jahr 2014 erreicht. «Den Unternehmen ist vielfach bewusst, dass die Mitarbeitenden unter dem Druck und den steigenden Anforderungen leiden, doch oft ist es schwierig, Ansatzpunkte für wirkungsvolle Interventionen oder präventive Massnahmen zu identifizieren.»

Das Angebot FWS Job-Stress-Analysis ermöglicht es Unternehmen, aufgrund validierter Skalen Stressfaktoren auf verschiedenen Ebenen der Organisation zu identifizieren und sowohl Belastungen, Ressourcen und ökonomisches Einsparpotenzial zu erheben. Davon ausgehend können Betriebe geeignete Massnahmen zur Reduktion und Prävention von Stress am Arbeitsplatz planen und umsetzen. Zudem eignet sich der dazugehörige Benchmark zum Vergleich mit anderen Firmen und Monitoring zur Wirksamkeit des BGM.

Die Zukunft heisst Netzwerk

Ein wichtiger Punkt für das BGM der Zukunft ist das Aufbrechen des Silodenkens. «Die Herausforderung für uns liegt darin, für eine noch bessere Vernetzung zwischen den einzelnen Akteuren zu sorgen und einen fruchtbaren Nährboden für BGM zu schaffen», konstatiert Rippstein. «Die Komplexität wird bestimmt nicht abnehmen, doch in einem gut verzahnten System werden wir diese meistern.»

Aktuell hat der Wirtschaftsbeirat des Labels Friendly Work Space dieses weiterentwickelt und Ziel ist es, weitere Betriebe für eine Auszeichnung zu gewinnen. Wo das Label in zehn Jahren stehen wird, kann der umtriebige Fachmann zurzeit nicht sagen. Klar ist: «Sein Geist und seine Grundlagen werden bis dahin bestimmt noch vorhanden sein, denn BGM verbessert nicht nur die Art der Zusammenarbeit im Unternehmen, sondern die Lebensqualität generell.»

Fakten zu BGM

  • 250'000 Erwerbstätige sind in den 82 Betrieben beschäftigt, die mit dem Label ausgezeichnet sind.
  • 40'000 Erwerbstätige wurden seit 2008 mit FWS Job-Stress-Analysis zu ihrer psychischen Gesundheit befragt.
  • 27,1% der Erwerbstätigen in der Schweiz sind erheblich gestresst.

 

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Sandra Escher Clauss ist freie Journalistin.

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