«Je höher der Druck, desto wichtiger werden Führung, Kultur und Arbeitsstrukturen»
Der 14. St. Galler Leadership-Tag mit Nacht am 24./25. Juni dreht sich ums Thema «Heartbeat». HR Today sprach mit den beiden Organisatorinnen Heike Bruch, Professorin für Leadership und Direktorin, sowie Anna Stolle, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Instituts für Führung und Personalmanagement an der Universität St. Gallen.

Der St. Galler Leadership-Tag mit Nacht lockt immer zahlreiche Führungskräfte aus der ganzen Schweiz an. (Bild: zVg)
HR Today: Frau Bruch, «Heartbeat» als Führungsmetapher: Was meinen Sie damit ganz konkret – und weshalb ist das Thema gerade jetzt besonders wichtig?
Heike Bruch: Mit «Heartbeat» sind die Energie und Leistungsfähigkeit eines Unternehmens in Drucksituationen gemeint. High-Pressure-Unternehmen geben den Druck nach innen weiter und geraten in eine Druckspirale aus Überhitzung, kollektiver Erschöpfung und Resignation, die wir Beschleunigungsfalle nennen. High-Energy-Unternehmen hingegen gestalten Führung, Kultur und Arbeitsstrukturen so, dass sie auch in Drucksituationen gesunde Hochleistung fördern. Dadurch sind sie deutlich erfolgreicher. Das Thema ist gerade jetzt besonders wichtig, weil der Druck in der Arbeitswelt weiter zunimmt und der Anteil von High-Energy-Unternehmen schon nur noch bei drei Prozent liegt. Je höher der Druck, desto wichtiger werden Führung, Kultur und Arbeitsstrukturen für einen gesunden organisationalen «Heartbeat».
Woran erkennt man, ob ein Unternehmen einen gesunden Herzschlag hat – und woran, dass er aus dem Takt geraten ist?
Bruch: Ein gesunder «Heartbeat» zeigt sich in einer Balance aus hoher produktiver Energie (ein Klima mit starkem, gemeinschaftlichem Leistungseinsatz) und hoher angenehmer Energie (ein Klima von Wohlbefinden und wenig Stress). Mitarbeitende identifizieren sich mit ihrer Aufgabe und dem Unternehmen, bringen ihre beste Leistung ein und achten aufeinander. Der Herzschlag gerät aus dem Takt, wenn anhaltend hohe Energie nicht mehr durch Erholung ausgeglichen wird. Dann steigen Negativenergien wie resignative Trägheit (Frust, Perspektivlosigkeit) und/oder korrosive Energie (Aggression, Widerstand gegen Veränderung) und Unternehmen geraten in die Beschleunigungsfalle.

Professorin Heike Bruch eröffnet den Event mit einem Vortrag zum Thema «Heartbeat». (Bild: zVg)
Energie mobilisieren statt Druck durchreichen: Welche Führungspraktiken unterscheiden Organisationen, die trotz hoher Anforderungen Energie freisetzen, von jenen, die den Druck ungefiltert an Mitarbeitende weitergeben?
Bruch: High-Energy-Unternehmen unterscheiden sich vor allem durch eine inspirierende, gesundheitsorientierte und ergebnisorientierte Führungskultur. Inspirierende Führung stiftet Sinn, begeistert Mitarbeitende für ein gemeinsames Ziel und fördert emotionale Verbundenheit. Auch ergebnisorientierte Führung wirkt sich positiv auf die Energie aus. Sie schafft und Orientierung und setzt klare Prioritäten. Gesundheitsorientierte Führung hilft besonders in Zeiten höherer Belastung. Sie fördert einen bewussten Umgang mit den eigenen Ressourcen.
Frau Stolle, HR als Taktgeber: Wo kann HR am wirksamsten ansetzen – bei Führungssystemen, New Work oder Kulturarbeit – und was wird dabei häufig unterschätzt?
Anna Stolle: HR wirkt am stärksten, wenn Führungssysteme, Arbeitsdesign und Kulturarbeit gemeinsam auf gesunde Hochleistung ausrichtet werden. Zielsetzung und Performance-Management sollten Orientierung und Entwicklung fördern, während flexible Strukturen und kulturelle Faktoren wie psychologische Sicherheit Leistung und Energie fördern. Häufig unterschätzt wird die emotionale Dimension von HR: Onboarding, Entwicklung, Erfolge feiern und Teamevents sind affektive Ereignisse. Sie stärken positive Emotionen, emotionale Verbundenheit und Identifikation und sind zentrale Energiequellen.
Frau Bruch, messbar machen, was sonst «weich» bleibt: Wie diagnostiziert man organisationalen Puls und Belastung sinnvoll – und welche KPIs oder «Energieindikatoren» sind aus Ihrer Sicht besonders aussagekräftig?
Bruch: Der organisationale Puls wird sichtbar, wenn Unternehmen ihre Energie regelmässig messen und mögliche Anzeichen einer Beschleunigungsfalle identifizieren. Entlang der drei Dimensionen der Beschleunigungsfalle – Überbelastung, Mehrfachbelastung und Dauerbelastung – lassen sich Ursachen analysieren und gezielte Verbesserungsmassnahmen ableiten. Ergänzend lohnt sich der Blick auf Leistungs- und Gesundheitskennzahlen. Erst im Zusammenspiel dieser Perspektiven wird erkennbar, ob ein Unternehmen gesunde Hochleistung erreicht oder Leistung bereits auf Kosten von Regeneration und langfristiger Leistungsfähigkeit entsteht.

Anna Stolle, wissenschaftliche Mitarbeiterin, sorgt hinter den Kulissen dafür, dass am St. Galler Leadership-Tag mit Nacht alles reibungslos funktioniert. (Bild: zVg)
Frau Stolle, worüber sprechen Sie bei Ihrem Forschungsimpuls beim St. Galler Leadership-Tag mit Nacht?
Stolle: Im Kern geht es darum, wie Unternehmen unter Transformations- und Leistungsdruck digital handlungsfähig bleiben, ohne ihre Mitarbeitenden zusätzlich zu überlasten. Ich werde darüber sprechen, wie digitales Führungsklima gleichzeitig digitale Reife und Unternehmensleistung stärkt und individuellen Technostress sowie emotionale Erschöpfung reduziert. Dabei wird deutlich, dass insbesondere die Verbindung von digitaler und menschenorientierter Führung ein zentraler Hebel ist, um Druck nicht zulasten von Gesundheit zu bewältigen.
Frau Bruch, Ausblick auf Ihren Vortrag am Leadership-Tag: Welche verbreitete Annahme über New Work, Leadership oder HRM 4.0 sollten Teilnehmende dringend hinterfragen, um den «Heartbeat» langfristig gesund zu halten?
Bruch: Eine verbreitete Annahme, die dringend hinterfragt werden sollte, ist, dass sich Leistung in Zeiten hoher Anforderungen durch mehr Kontrolle und zusätzlichen Druck steigern lässt. Dies schwächt genau jene Energie, die Menschen und Organisationen brauchen, um anspruchsvolle Situationen zu bewältigen. Wir werden beim Leadership-Tag einige Parallelen zum Hochleistungssport ziehen: Für langfristige Hochleistung sind Erholungsphasen mindestens genauso wichtig wie Phasen mit hoher Energie. Ein gesunder «Heartbeat» bleibt erhalten, wenn Unternehmen Druck mit ihren Mitarbeitenden bewältigen – und nicht auf ihre Kosten.
Weitere Informationen und Anmeldung zum 14. St. Galler Leadership-Tag mit Nacht.