Porträt

Mit Ruhe und Weitblick

Obwohl erst 36 Jahre alt, wird Philipp Oberson von Kollegen und Geschäftsleitung gerne nach seiner Meinung gefragt. 
Das mag an seiner besonnenen Art liegen. Oder an seinem 
analytischen Denken. Als HR-Leiter von Schindler Aufzüge Schweiz hilft ihm beides. Privat läuft er lieber, als 
technische Hilfsmittel zu nutzen. Zumindest auf den Pilatus.

Gut möglich, dass Philipp Oberson in den nächsten Wochen in einigen asiatischen Stuben in einer Diashow aufflimmert. Den Touristen auf dem Pilatus hat das Motiv nämlich gefallen: Der grosse, europäische Mann posiert vor der Innerschweizer Bergkulisse. Die HR Today-Fotografin hat Oberson durch ihre Aufmerksamkeit und die Shooting-Requisiten wohl noch ein bisschen interessanter gemacht. Vielleicht wird er den Verwandten in Japan und China als Schweizer Promi verkauft.

Berühmt ist Philipp Oberson nicht. Aber er hat es immerhin in den «Schillingreport» geschafft: Mit der Ernennung zum HR-Leiter von Schindler Aufzüge Schweiz war er das jüngste Geschäftsleitungsmitglied in den grössten hundert Unternehmen der Schweiz.

Zur Person

Philipp Oberson, 36, lebt mit seiner Frau in Dagmersellen im Kanton Luzern. Er ist als ältester von drei Brüdern bereits in der Region aufgewachsen. Nach seinem Studium der BWL an der Universität St. Gallen hat er das Doktorat angefangen, sich dann aber für die Praxis und gegen eine akademische Laufbahn entschieden. Seit neun Jahren arbeitet er bei Schindler Aufzüge, zuerst als Assistent des HR-Leiters. Er hat das HR-Handwerk von der Pike auf gelernt und war für Schindler ein Jahr in den USA, bevor er HR-Leiter Schweiz wurde. In seiner Freizeit wandert Oberson gerne in den Bergen und spielt Handball.

Ein Fels im Aufzugs-Geschäft

Ob die asiatischen Touristen darauf gekommen wären? Philipp Oberson nimmt ihr Geknipse locker. Souverän befolgt er die Anweisungen der Fotografin. Es braucht mehr, um ihn nervös zu machen. «Ich bin eher eine ruhige Person», sagt er von sich selbst. Eine enge Mitarbeiterin beschreibt ihn als Fels in der Brandung. Wer ihn überzeugen möchte, müsse logisch argumentieren und brauche Fakten und Analysen. Dafür wird er gerne um Rat und nach seiner Meinung gefragt. «Seine Kompetenz wird von der Linie und den Mitarbeitenden sehr geschätzt», so seine Teamkollegin.

Philipp Oberson hat viel erreicht für sein Alter. Kurz vor seinem 33. Geburtstag hat er die Verantwortung für die rund 3200 Mitarbeiter von Schindler Schweiz übernommen. Heute ist er 36, frisch verheiratet und sehr gut in seiner Position angekommen. «Ich hatte eine gehörige Portion Respekt. Es war eine Wunschstelle für mich, ich hätte nur nicht damit gerechnet, dass ich sie so früh erreiche.» Für grosse Misserfolge hatte er in seinem jungen Leben noch nicht viel Zeit. «Ich habe im Studium eine Ehrenrunde gedreht. Das war für mich eine ziemliche Niederlage», sagt Oberson. Er hat an der Universität St. Gallen (HSG) Betriebswirtschaft studiert. Generell lebe er nach dem Motto: Wenn du etwas machst, dann richtig. «Sicherlich habe ich meine Ziele auch erreicht, weil ich mir nur Dinge vornehme, die zwar ambitioniert, aber realistisch sind und im Rahmen meiner Möglichkeiten liegen.» Bundesrat zu werden, habe er sich darum beispielsweise nie vorgenommen. Das Interesse an der Politik ist zwar vorhanden, «aber ich verbiege mich nicht gerne», sagt Oberson. Er erzählt ruhig und bescheiden, überlegt, bevor er spricht. Kein Träumer, kein Plauderer, kein Prinzipienreiter.

Beim Praliné inkonsequent

Auf dem Pilatus eröffnet sich der Blick auf der einen Seite in die fantastische Bergwelt der Innerschweiz, auf der anderen Seite schweift das Auge in die Weite, über Luzern und den Vierwaldstättersee. Oberson gefällt die Aussicht ins Flachland besser als in die kantigen Berge. Er kommt oft hierher, wandert bis zur Bergstation. «Es ist eine gute Strecke – sie fordert genau im richtigen Mass. Und oben wartet eine feine Wurst. Ich habe gerne ein Ziel vor Augen beim Wandern», sagt er und schmunzelt. Die Genusskomponente ist wichtig für den Luzerner, bei dem kein Weg an einem feinen Praliné vorbeiführt. «Leute, die mit eiserner Disziplin auf ihren Körper achten, bewundere ich.» Für was wird er bewundert? «Vielleicht für meine Energie und meine Konsequenz, die ich oft an den Tag lege.» Das tut er sowohl beruflich als auch privat. Seit 25 Jahren spielt Oberson Handball. Zwar nicht mehr in der 1. Liga wie einst, «aber ich will immer noch gewinnen an Matches. Ich gehe da nicht zum Bällelen hin.»

Neben Beruf und Sport bleibt dem jungen HR-Leiter nicht viel Zeit für Hobbys. Muss auch nicht, wie er findet. «Mein Beruf ist zu einem Teil auch Hobby. Ich muss gerne tun, was ich mache. Sonst funktioniert das nicht. Und solange ich in sehr intensiven Phasen auch Licht am Ende des Tunnels sehe, stört mich ein grosses Arbeitspensum nicht.» Auch seine Frau habe Verständnis dafür, dass er nicht so viel Zeit zu Hause verbringt wie andere. Sie ist selber sehr engagiert. Nur macht sie sich manchmal etwas Sorgen um den Ausgleich ihres Mannes. Mit dem Wort Work-Life-Balance kann man ihn jagen. «Darin wird Arbeit als negativer Gegenpol zum Leben gesehen, das entspricht mir nicht», sagt Oberson.

Menschen, die ständig auf dem Schlauch stehen, sei es, weil sie alles ständig absichtlich ausbremsen oder weil sie die nötigen Ressourcen nicht haben, nerven ihn. «Auch mit Opportunisten habe ich meine liebe Mühe.» Bei solchen Begegnungen kann es schon einmal passieren, dass der sonst so ruhige, besonnene Typ fast einschüchternd wirkt. «Wenn ich überzeugt bin von etwas und in Fahrt komme, können mein Stimmvolumen und meine Körpermasse» – Oberson ist 1,95 m gross – «wahrscheinlich schon eindrücklich wirken; wie ein 40-Tönner – einmal in Fahrt, ist er schwierig aufzuhalten.»

Cervelat-Prominenz und Amerikaner

Dieses Attribut hat ihm schon geholfen: Während des Studiums hat er eine Zeit lang als Securitas gearbeitet und nachts Gebäude überwacht oder Personenkontrollen an Eingängen gemacht. «In solchen Situationen zeigen Menschen ihre wahre Grösse», sagt Oberson, der sich an einige unangenehme Begegnungen mit der Cervelat-Prominenz erinnert. Auch als Lehrer hat er zwischendurch sein Studium finanziert. Aber obwohl er aus einer Lehrerfamilie stammt und grosse Freude hat, gemeinsam mit Menschen etwas zu erarbeiten, arbeitet er lieber mit Erwachsenen zusammen als mit Kindern. Man kann es sich vorstellen. Lieber setzt er sich in Diskussionen mit sozial-gesellschaftlichen Themen philosophisch auseinander, als im Monolog reinen Stoff zu vermitteln.

Solche Erkenntnisse, das Leben in einer Studenten-WG, Lernmarathons vor den Prüfungen und etwas wildere Zeiten während des Semesters, spannende Begegnungen und der Stoff der Uni hätten ihn sehr geprägt, sagt Oberson.

Eine zweite Phase, die nachhaltig war für ihn, war das Jahr, in dem er für Schindler in den USA arbeitete. Da seine Partnerin meilenweit entfernt gewesen sei, habe er sehr viel Zeit für sich gehabt, sagt Oberson. Die hat er genutzt, um in die amerikanische Kultur einzutauchen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen hat er sich nicht in New York niedergelassen, sondern das Landleben in Morristown bevorzugt. Sein Fazit: «Ich finde die Amerikaner cool.» Besonders angesprochen hat ihn der fast grenzenlose Optimismus der Menschen in den Staaten. Oberson bezeichnet sich selbst als grossen Optimisten. Fasziniert hat ihn der ausgeprägte Community-Gedanke der Amerikaner. «Sie sind stolz auf ihr Land und halten zusammen, wenn es darauf ankommt. Sie haben einen starken Gerechtigkeitssinn. Das alles zusammen entwickelt eine Energie, die nicht immer nur positiv ist, die uns aber manchmal fehlt.»

Oberson hätte die Schweizer manchmal gerne etwas vorlauter. Stattdessen würden wir hier immer sehr darauf achten, niemandem auf die Füsse zu treten. «Dabei bin ich gelegentlich gerne politisch unkorrekt.»   

Kommentieren0 KommentareHR Cosmos
Weitere Artikel von Stefanie Schnelli

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren