Debatte: Temporäre, Freelancer und Festanstellungen

Schadet die Zunahme von Freelancern der Unternehmenskultur?

Um Fixkosten zu senken und auf Aktivitätsspitzen zu reagieren, setzen Unternehmen vermehrt auf Selbstständige, Freelancerinnen und Freelancer sowie andere temporäre Arbeitskräfte. Doch wie wirkt sich das auf die Unternehmenskultur aus? Drei Fachpersonen teilen ihre Einschätzungen.

Bruno Gonçalves ist Geschäftsführer von Altrajob SA, einer Personalvermittlungs-agentur in der Westschweiz, die sich auf temporäre und feste Anstellungen spezialisiert hat. Er sagt: "Freelancer können sich in der Regel rasch an das Umfeld und die Codes des Unternehmens anpassen." Das Bild zeigt ausserdem einen Mann mit gepflegtem vollbart, nach hinten gekämmten Haaren, Sakko und Hemd.


«Die Kultur ist das, was ein Unternehmen einzigartig macht: seine Gewohnheiten, Werte, Arbeits- und Kooperationsweise. Sie ist oft mit der Geschichte des Unternehmens, seinem Markt und der Persönlichkeit seiner Führungskraft oder seines Führungsteams verbunden. Gleichzeitig ermöglicht sie es den Teams, ein echtes Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln.

Freelancer arbeiten unabhängig, sind also nicht dem Kundenunternehmen unterstellt. Es handelt sich entsprechend nicht um eine temporäre Anstellung, bei der die Arbeitskraft bei einer Agentur angestellt und über längere Zeit im Team integriert ist. Die Auswirkungen auf die Kultur sind deshalb nicht identisch. Das Freelancer-Arbeitsmodell nimmt stark zu, getrieben vom Bedürfnis nach Flexibilität. Es stellt sich deshalb die legitime Frage, ob eine zunehmende Präsenz von Selbstständigen die Unternehmenskultur langfristig schwächen kann.

Freelancer können sich in der Regel rasch an das Umfeld und die Codes des Unternehmens anpassen. Wer sich für diesen Status entscheidet, tut dies oft, um die Freiheit zu haben, die Einsätze selbst auszuwählen. Häufig suchen sich Freelancer Projekte aus, die mit ihren eigenen Werten übereinstimmen – das erleichtert die Integration. Sie können zudem eine frische Perspektive einbringen, Probleme anders angehen und gewisse Praktiken weiterentwickeln. Das Risiko entsteht vor allem dann, wenn sich ein Unternehmen fast ausschliesslich auf externe Profile stützt, ohne einen stabilen Kern von langfristig engagierten Mitarbeitenden zu beschäftigen. Kultur entsteht jedoch über Zeit, durch Weitergabe und durch zwischenmenschliche Beziehungen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Freelancer gefährden die Unternehmenskultur nicht per se. In der Praxis zeigt sich, dass Unternehmen am erfolgreichsten sind, wenn sie eine ausgewogene Mischung finden – mit festen Mitarbeitenden, gut integrierten Temporärkräften und Freelancern, die für gezielte Expertisen beigezogen werden. Diese Komplementarität erlaubt es, agil zu bleiben, ohne die Identität des Unternehmens zu verwässern – ein besonders relevanter Ansatz im Schweizer KMU-Umfeld.»


Janine Rey ist Fachsekretärin für politische Geschäfte bei der Gewerkschaft UNIA. Sie sagt: "Die Zunahme von «Gig-Workern» schadet vor allem den Arbeitnehmenden und schafft Unsicherheiten." Das Bild zeigt eine junge Frau mit weissem Rollkragenpullover und Sakko. Sie lächelt freundlich.


«Abrufarbeit bietet Unternehmen maximale Flexibilität: per App bestellen und nur bezahlen, wenn Arbeit anfällt. Auf den ersten Blick scheint das auch für die Arbeitnehmenden attraktiv – mehr Freiheit und Unabhängigkeit. Doch die Realität der ‹Gig Economy› sieht anders aus. Fixkosten für Arbeitsmaterial, Spesen und Risiken werden auf die Arbeitnehmenden abgewälzt. Das Ergebnis sind tiefe Löhne, oft unter branchenüblichen Standards und nicht existenzsichernd. Entscheidend ist also die Frage, wie sich die Verantwortung verschiebt.

Auf Plattformen bestimmt der Algorithmus das Matching bei Aufträgen. Diese intransparente Blackbox entscheidet darüber, wer welche Aufträge sieht, wie lange sie dauern dürfen und wie viel bezahlt wird. Nach welchen – mitunter diskriminierenden – Kriterien der Algorithmus entscheidet, ist meist nicht nachvollziehbar.

Das Beispiel Uber zeigt diese Auswirkungen in ihrer Extremform: Die Fahrerinnen und Fahrer tragen die Kosten für Auto, Versicherung und Wartezeiten. Gleichzeitig erteilt der Algorithmus Weisungen und bestimmt die Preise. Das Bundesgericht hat 2022 bestätigt, dass Uber damit als Arbeitgeber gilt und Sozialversicherungsbeiträge zahlen müsste – doch Uber weigert sich und drängt die Fahrerinnen und Fahrer in die Schwarzarbeit. Die tiefen Preise des Fahrdiensts sind nur auf Kosten der sozialen Sicherheit möglich. Auch langfristig birgt dieses Modell Nachteile: Weiterbildung bleibt (schein-)selbstständigen ‹Freelancern› häufig verwehrt, wodurch sie weniger Entwicklungsmöglichkeiten haben als regulär Angestellte.

Die ‹Gig Economy› schafft Prekarität für die Arbeitnehmenden und Gewinne für einige wenige Unternehmen. Die Position der Gewerkschaft ist deshalb klar: Arbeitnehmende müssen korrekt angestellt und versichert sein. Bei Anstellungen über Temporärbüros ist zu prüfen, ob diese über eine Bewilligung verfügen, dem GAV Personalverleih unterstehen und dessen Vorgaben einhalten. Die Zunahme von ‹Gig-Workern› schadet vor allem den Arbeitnehmenden und schafft Unsicherheiten. Die Uberisierung muss gestoppt werden – Unternehmen sollen wieder Verantwortung übernehmen für die Leute, die für sie arbeiten.»


Joëlle Morel Pingeon ist ist HR-Managerin bei HC Fribourg-Gottéron SA. Sie sagt: "Die Herausforderung für die Geschäftsleitung besteht darin, während der Saison möglichst viele Personen persönlich zu treffen und unsere DNA innerhalb des gesamten Ökosystems zu vermitteln und zu beleben." Sie trägt ein Hemd mit HCFG-Pin am Revers und ein Sakko. Sie hat helle Haare im Bobschnitt und lächelst selbstbewusst. Sie verschränkt die Arme.


«Der HC Fribourg-Gottéron SA beschäftigt über 120 Festangestellte – von Profisportlerinnen und -sportlern über Mitarbeitende in der Verwaltung oder Gastronomie bis hin zum medizinischen Personal und Trainerstab sowohl für unseren Nachwuchs als auch für unsere Spitzenmannschaften, männlich wie weiblich. Hinzu kommen rund 400 Aushilfen, hauptsächlich in unseren Gastronomiebetrieben.

Unser Club geniesst eine hohe Bekanntheit im ganzen Kanton Freiburg. Deshalb wollen viele Menschen zu seinem Erfolg beitragen. Obwohl unsere Aushilfen, zumeist Studierende, zwischen September und April hauptsächlich ein- bis zweimal pro Woche arbeiten, identifizieren sie sich stark mit den Zielen und Werten der Organisation. Im Laufe der Zeit ist eine grosse Gemeinschaft entstanden – auf natürliche Weise, aber auch dank der Arbeit der Site-Verantwortlichen, die selbst meist nur an Spielabenden im Einsatz sind. Zusätzlich engagieren sich rund 100 Freiwillige für die Sicherheit und 80 weitere für unsere Juniorenbewegung.

Für sämtliche Human Resources des Clubs – Profisportlerinnen und -sportler, Festangestellte, Aushilfen, Freiwillige oder Externe – legt die Geschäftsleitung grossen Wert darauf, nicht nur die Unternehmenswerte und -kultur zu vermitteln, sondern sie auch aktiv erlebbar zu machen. So organisieren wir beispielsweise Dankesabende, an denen auch Jubilarinnen und Jubilare geehrt werden.

Letztlich trägt das starke Image des HC Fribourg-Gottéron SA dazu bei, dass unsere auf Exzellenz, Erlebnis und Engagement beruhende Clubkultur auch von Mitarbeitenden mit nur gelegentlicher Präsenz individuell und auf ihrem jeweiligen Niveau gelebt wird. Die Herausforderung für die Geschäftsleitung besteht darin, während der Saison möglichst viele Personen persönlich zu treffen und unsere DNA innerhalb des gesamten Ökosystems zu vermitteln und zu beleben.»

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Marc Benninger ist Chefredaktor der französischen Ausgabe von HR Today.

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