Porträt

Vier Freundinnen, zwei Schwesternpaare, ein Lebenswerk

Kinderkrippen und Kindergärten sind ein Riesenmarkt, die Nachfrage ist gewaltig – und das Angebot 
bescheiden. Das wollen vier junge Betriebswirtschafterinnen ändern. Ihre Globegarden-Kindertagesstätten
 bieten flexible Betreuung von 7 bis 21 Uhr, und das an fast 365 Tagen im Jahr.

Das Weihnachtsfest 2007 war wegweisend. Nicht nur für vier junge Frauen mit einer Vision, auch für einige hundert Babys, Kleinkinder, ihre Mamas und Papas. An diesem Abend haben Christina und Caroline Weber und ihre Freundinnen Kristina und Karin Hempel Nägel mit Köpfen gemacht. Die Idee, eine Kinderbetreuung mit frühkindlichem Bildungskonzept zu schaffen, zu moderaten Preisen und flexiblen Öffnungszeiten, hatte Gestalt angenommen, und alle vier waren sich sicher: Das wollen wir jetzt.

Eine folgenschwere Entscheidung, denn für Privates bleibt seitdem kaum mehr Zeit. Mit Haut und Haaren und ganzer Leidenschaft haben sich die zwei Geschwisterpaare ihrem Projekt verschrieben. Nach der Planungsperiode, die sich über das ganze Jahr 2007 hinzog, kündigten die entschlossenen Frauen ihre gut honorierten Positionen in der Finanzindustrie, feilten an ihrem Konzept, planten, analysierten, entwickelten und rechneten.

Um der Idee richtig Schub zu geben, verfasste Caroline Weber ihre Diplomarbeit zum Thema «Finanztechnische Analyse des Kinderbetreuungsmarktes anhand eines Fallbeispiels». Hundertfach diskutierten sie, wie sich die Idee am besten umsetzen liesse. Am 1. Mai 2008 hatten sie ihren ersten Arbeitstag im eigenen Unternehmen. Jetzt wollten sie loslegen, sehen, dass es funktioniert. Am 
17. August 2009 eröffnete endlich der erste Kindergarten in Zürich am Paradeplatz. Anderthalb Jahre später gibt es inzwischen vier Kindergärten in Zürich, Schaffhausen und Zug.

Im Social Entrepreneurship die 
wahre Berufung gefunden

Hinter Globegarden stehen zwar vier Köpfe, jedoch ist eine der Initiatorinnen, Karin Hempel, derzeit nicht operativ im Unternehmen tätig und agiert eher im Hintergrund. Die anderen drei haben derweil die Zügel in die Hand genommen. Wie von selbst hat sich je nach Ambitionen die Aufgabenverteilung ergeben. Hempel betreut den Bereich Bau und Expansionen sowie Human Resources, Caroline Weber ist zuständig für Operations & Client Services. Zum Interview treffen wir Christina Weber, die für Finance & Controlling, Corporate Strategy sowie für den Bereich Corporate Communication verantwortlich ist. Die Kolleginnen kommen später für das gemeinsame Foto hinzu. Denn eines ist den Frauen wichtig: Niemand soll hier in den Vordergrund gestellt werden, es ist ein gemeinsames Lebenswerk.

Christina und Caroline Weber kommen aus Köln in Deutschland. Kristina Hempel und ihre Schwester Karin wuchsen in Luzern auf. Christina Weber, 30, studierte BWL in 
St. Gallen, wo sie Kristina Hempel, 31, kennenlernte. Als sich bald darauf auch die Schwestern trafen, entwickelte sich eine innige Viererfreundschaft. Alle drei aktiven Unternehmerinnen studierten Betriebswirtschaft und stiegen danach in verschiedene Positionen in Grossbanken ein. Sie alle hatten einen erfolgreichen Weg vor sich, hätten bald auf einem Chefsessel sitzen können. Vielleicht war dieser Umweg ins Banking nötig, um ihre wahre Berufung zu finden, das Social Entrepreneurship. Weber und ihre Kolleginnen finden es mittlerweile befriedigender, etwas in der Gesellschaft zu bewegen, was nicht in Finanzkennzahlen gemessen wird. «Würden wir nur Geld verdienen wollen, wären wir bei der Bank geblieben.» Die ersten anderthalb Jahre haben die Frauen in ihrem Unternehmen gar nichts verdient, das letzte Jahr zahlten sie sich ein Praktikantengehalt aus. «Wir hoffen, uns demnächst ein Banken-Einsteigergehalt geben zu können», lacht Weber.

Was die vier Frauen in ihrem Projekt finden, lässt sich mit einem Wort beschreiben: Erfüllung. «Wer hat das in seinem Job schon?», meint Weber. «Die Menschen arbeiten und arbeiten, belohnen sich ab und zu mit einer ausgiebigen Shoppingtour oder mit einer schönen Reise.» Anstatt sich persönlich etwas zu gönnen, brachten die Frauen das Kapital in ihre eigene Firma selbst ein.

Christina Weber hat seit elf Jahren in der Schweiz ihre Heimat gefunden. Daher war es für sie wie auch für ihre Schwester gar keine Frage, ihren Lebenstraum einer eigenen Firma auch hier zu verwirklichen. «Hier passt für mich alles. Und gerade unser Bildungskonzept passt gut hierher.» Mit Schwester und Freundin Geschäfte machen, das ist eine Konstellation, die auch hätte scheitern können. Dessen waren sich die vier durchaus bewusst. Doch sie setzen auf ihre gemeinsamen Werte, die sie zusammenhalten und das gleiche Ziel mit gleichen Mitteln verfolgen lassen. Das sind vor allem Fleiss, Disziplin, harte Arbeit, Ehrlichkeit, Loyalität und Selbstkritik.

Wichtig sei es, da sind sich alle einig, diese Werte nicht nur von den Mitarbeitern zu verlangen, sondern auch selbst anzuwenden. Entscheidungen werden grundsätzlich gemeinsam im Geschäftsleitungs-Meeting gefällt. Vor einigen Wochen sassen die drei hierfür noch am Wohnzimmertisch, jetzt hat das Start-up bereits Büroräume an zentraler Lage. «Es gab noch nie einen Streitpunkt über einen Entscheid, das ist das Tolle, wenn man sich so gut kennt», sagt Weber.

Berufstätige Mütter im Umfeld 
brachten den Stein ins Rollen

Auch für die unternehmerische Freiheit verabschiedeten sich Kristina Hempel, Caroline und Christina Weber von ihrer vielversprechenden Zukunft in der Finanzindustrie. «Man spürt sehr früh, ob man ein Typ dafür ist, eine Idee auch umzusetzen», sagt Weber. Dabei gehe es nicht so sehr darum, jede Entscheidung selbst treffen zu dürfen, sondern darum, jede Entscheidung selbst treffen zu müssen. «Und ich muss auch bereit sein, Entscheidungen in Bereichen zu treffen, die nicht so angenehm sind, in Situationen, die schwierig sind und in denen ich nur zwei schlechte Entscheidungen zur Auswahl habe – und die bessere schlechte wählen muss», erklärt die resolute, zierliche Blonde und lässt keinen Zweifel daran: Die Freundinnen wissen, worauf sie sich da eingelassen haben. «Jeder Entscheid, den wir nicht treffen, wird früher oder später auch zu einem Entscheid. Es gibt keine Möglichkeit, sich aus einer Situation herauszuziehen. Wie es sie in einem Angestelltenverhältnis in der einen oder anderen Form immer gibt.»

Globegarden hat sich von Beginn an auf die berufstätige Frau ausgerichtet. In ihrem Umfeld hatten die Frauen beobachtet, wie stark das Bedürfnis nach flexibler Kinderbetreuung ist. So kamen sie überhaupt erst auf ihre Idee und stellten verwundert fest: Es kann doch nicht sein, dass es einen Markt gibt, in dem die Nachfrage so gewaltig ist, aber das Angebot fehlt. Zu viert begannen sie Anfang 2007, die Fakten zu recherchieren und sie aus volks- und betriebswirtschaftlicher Sicht zu analysieren. «Selbst für Mütter in den bestbezahlten Jobs ist es nicht rentabel, ein zweites Kind in die Krippe zu geben», so 
Weber. Eine simple Rechnung, die die vier Unternehmerinnen in spe gleichermassen geärgert und herausgefordert hatte. «Es ging um die Frage: Finden wir einen Weg, den andere nicht gefunden haben, Beruf und Familie zu kombinieren, ein Unternehmen zu kreieren, das zum Wohl in Familie und Gesellschaft beiträgt?», so Weber.

Betreuungsangebote in Firmen 
erhöhen Wiederkehrrate der Mütter

Was die Kinderbetreuung angeht, hat jedes Land so sein eigenes Modell. In Frankreich werden Kinderbetreuungskosten vom Staat subventioniert, so können die Plätze den Eltern zu reduzierten Preisen angeboten werden. In der Schweiz erhalten Betreuungseinrichtungen eine einmalige Anschubfinanzierung für die ersten zwei Jahre. Laut den Schätzungen der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen vom Februar 2009 fehlen in der Schweiz rund 120 000 Betreuungsplätze. «Der Grund für das fehlende Angebot ist nicht, dass kein Mensch erkannt hat, dass Krippen dringend gebraucht werden», sagt die Geschäftsfrau. «Der Grund ist, dass die Finanzierung so wahnsinnig schwierig ist.» Mit 70–75 Prozent seien die Personalkosten der grösste Brocken. Dazu kämen die hohen Mietkosten, die rund 15 Prozent ausmachten. «Da ist nicht viel übrig, und nicht einmal Essen oder andere operative Kosten sind abgedeckt.» Nach Meinung der Globegarden-Gründerinnen können nur Gemeinschaftslösungen mit den Unternehmen zu einem wirklichen Gleichgewicht im Markt führen.

Mit dem Corporate-Programm haben Unternehmen die Möglichkeit, Verantwortung für das Betreuungsangebot mit zu übernehmen, Administratives und Haftung jedoch komplett auszulagern. Die Unternehmen können sich mit einem Kontingent in eine vorhandene Einrichtung einbuchen oder direkt mit Globegarden einen eigenen Betriebskindergarten auf die Beine stellen. Konkret berechnet, erhöhe sich mit einer Krippe die Wiederkehrrate der Mütter, was den Unternehmen erheblich Kosten spare. In Kooperation mit Unternehmen seien zudem niedrigere Beiträge von den Eltern möglich. Die einzige Frage, die sich Unternehmen stellen müssten, sei: Wollen wir in Kinderbetreuung investieren? «Wenn man überlegt, was Firmen für Fringe Benefits ausgeben, ist die Kinderbetreuung eine sinnvolle Alternative. Hier kann und muss etwas getan werden.»

Die Eltern können das Mittagessen mit den Kindern einnehmen

Eltern zahlen in manchen Einrichtungen sogar schon für einen Platz auf der Warteliste. Gesellschaftliche Strukturen haben sich verändert, die Grosseltern sind oft weit weg, das familiäre Umfeld fehlt meistens ganz. Familien sind teilweise verzweifelt auf der Suche nach Unterstützung. Das ist die Realität, die die Unternehmerinnen jeden Tag sehen.

Das Ganztagskonzept bietet Eltern eine flexible Betreuung an fast 365 Tagen im Jahr zwischen 7 Uhr und 21 Uhr. Für die meisten Eltern 
liegen die Einrichtungen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes, so dass sie auf Wunsch das Mittagessen gemeinsam mit ihren Kindern einnehmen können. Die Anzahl der Betreuungstage, die Abhol- und Bringzeiten sowie Zusatzleistungen können Eltern individuell festlegen. Wenn es um die Betreuungsinhalte geht, zitiert Weber gerne Einstein, der gesagt haben soll: «Ich bin nicht intelligenter als andere Menschen, nur neugieriger.» Die Kinder im Globegarden sollen die Möglichkeit haben, in kleinen Schritten die Welt zu entdecken, sich vorurteilsfrei und selbstbewusst zu entwickeln. Ihr Credo: «Tue alles dafür, dass dir alle Türen offenstehen», möchten die 
Unternehmerinnen an die Kinder weitergeben.

Bis vor drei Monaten haben sich die Gründerinnen noch um alles selbst gekümmert. Jetzt müssen sie einige Bereiche schon loslassen und in andere Hände geben. «Es ist alles so schnell gegangen», sagt Weber und ihre Augen strahlen vor Tatendrang. «Ich möchte nichts anderes machen, als in diesem Unternehmen zu arbeiten. Daran habe ich mein Herz gehängt.» Das können ihre Freundinnen sicher so unterschreiben. Die vier haben noch viel vor, aber sie sehen auch, was sie bereits geschafft haben. Sie haben dafür auf vieles verzichtet und es wird in Zukunft wohl nicht weniger Arbeit werden für das engagierte Quartett. «Und das ist genau das, worauf wir uns freuen.»

Die Unternehmerinnen

Kristina Hempel studierte an der Universität St. Gallen (HSG) und der University of Stellenbosch, Südafrika, Medien- und Kommunikationsmanagement. Nach einem Credit-Suisse-Trainee-Programm war sie drei Jahre im Private Banking, India & Southeast Asia, in Zürich tätig. Davor sammelte sie Erfahrung im Bereich Eventmanagement.
 
Christina Weber studierte an der Universität St. Gallen (HSG) und der HEC, School of Management, Paris, Finanzen, Rechnungslegung und Controlling. Nach einem Trainee-Programm bei der UBS in Zürich war sie vier Jahre im Key Clients, Wealth Management, tätig. Davor sammelte sie Erfahrung im Consulting bei Arthur Andersen und im Treasury Management bei ABB Financial Services in Singapur.

Caroline Weber studierte Betriebswirtschaft mit der Vertiefung 
Finance an der Universität Zürich und der Hong Kong University. Sie 
verfasste ihre Diplomarbeit zum Thema «Finanztechnische Analyse des Kinderbetreuungsmarktes anhand eines Fallbeispiels». Anschliessend 
arbeitete sie bei J. P. Morgan in Frankfurt.

Globegarden

betreibt bilinguale Kindertagesstätten, in denen Kinder individuell gefördert werden. Die Einrichtungen werden privat oder als betriebseigene 
Kindertagesstätten geführt. Insgesamt werden in vier eigenen Einrichtungen derzeit 230 Kinder 
betreut. Seit seiner Gründung im Mai 2008 ist das Unternehmen auf über 50 Mitarbeiter angewachsen. Am 4. April 2011 wird die fünfte Einrichtung in Zug eröffnet, weitere Neueröffnungen sollen 2011 folgen.

www.globegarden.org

 

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