Von «Brilliant Jerks» respektive «Brillanten Idioten»

Jeder kennt sie, Kollegen oder Vorgesetzte, die fachlich spitze sind, doch menschlich unausstehlich. Und sie können jedes Betriebsklima vergiften – insbesondere, wenn sie volle Rückendeckung erhalten.

 

Immer wieder trifft man in Unternehmen auf Mitarbeitende, die zwar fachlich Spitze sind, jedoch im alltäglichen Umgang die einfachsten Regeln des menschlichen Miteinanders missachten. Im Englischen gibt es für solche Personen den Begriff «Brilliant Jerk». Er bedeutet frei übersetzt «Brillanter Idiot». Solche Arbeitnehmer kann es in Unternehmen in allen Bereichen und auf allen Hierarchiestufen geben. Sie verfügen in der Regel über ein weit überdurchschnittliches bzw. im jeweiligen Kontext seltenes und wichtiges Wissen und Können. Deshalb sind sie beruflich meist überaus erfolgreich und tragen massgeblich zum Geschäftserfolg bei.

Zugleich neigen sie jedoch dazu, sich zu überschätzen und sich aufgrund ihrer Fähigkeiten für etwas Besseres zu halten. Von ihren Kolleginnen und Kollegen werden diese toxischen Egos geschätzt und gefürchtet. Und nicht selten fühlen sie sich ihnen hilflos ausgeliefert, weshalb sie irgendwann die Reissleine ziehen und kündigen. Denn «Brilliant Jerks» sind meist auch gute Schauspieler und gewiefte Manipulatoren. Sie beherrschen das gezielte Herabsetzen von Kollegen und Inszenieren der eigenen Leistung bravourös.

«Brilliant Jerks» erhalten zu  lange Rückendeckung

Deshalb und weil sie fachlich oder organisatorisch oft wirklich spitze sind, fällt es ihnen meist leicht, ihre Vorgesetzten für sich einzunehmen und für ihre Ziele einzuspannen. Deshalb werden Mitarbeitende, die sich über ihr Verhalten beschweren, von den Vorgesetzten oft nicht ernst genommen.

Doch solange ein «Jerk» die Erwartungen (über-)erfüllt, sehen sie meist keinen Grund, einzugreifen. Dieses Zögern kann fatale Folgen haben. Eine schlechte Arbeitsatmosphäre und ein allzu harscher Umgangston können zum Beispiel dazu führen, dass gute Mitarbeitende innerlich kündigen und nur noch Dienst nach Vorschrift machen, dass Probleme nicht mehr offen benannt werden, dass Unternehmen sich in eine Sackgasse manövrieren oder dass Stammkunden abwandern, weil sie sich nicht mehr wertgeschätzt fühlen und mit der Leistung des Unternehmens zunehmend unzufrieden sind.

Nur zu sich selbst loyal

«Brilliant Jerks» haben nicht einfach einen «schlechten Charakter». Psychologen würden ihnen vielmehr meist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung oder gar psychopathische Störung attestieren. Vorgesetzte denken oft, solche Mitarbeitende seien besonders fleissig und loyal. Dies ist ein Trugschluss, denn das primäre Anliegen der «Jerks» ist es:

Ihr Ego und ihr übersteigertes Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen

Immer wieder die Wertschätzung und Bedeutung zu spüren, die ihnen und ihrer Arbeit nach eigener Auffassung gebührt.

Deshalb lassen sie ihren Wissens- oder Erfahrungsvorsprung in der Kommunikation nicht nur ihre Kollegen, sondern auch Vorgesetzten spüren. Und weil diese Exzellenz in gewissen Bereichen meist auch existiert, wird ihnen die gewünschte Anerkennung auch gewährt – insbesondere, wenn sie systemrelevant sind oder hierfür erachtet werden.

Chefs befinden sich beim Umgang mit solchen Persönlichkeiten oft in einem Dilemma: Auf der einen Seite sind diese Mitarbeitenden enorm wichtig. Also müssen sie in einer gewissen Weise hofiert und bei Laune gehalten werden – gerade in Zeiten, in denen gute Fachkräfte und Manager rar sind.

Macht und Einfluss reduzieren

Im Betriebsalltag fällt es insbesondere Klein- und Mittelunternehmen oft schwer, sich von einem «Brilliant Jerk» zu trennen. Zum Beispiel, weil er die einzige Person ist, die sich mit gewissen technischen Verfahren auskennt.

Wer in einer solchen Zwickmühle steckt, hat meist keine andere Möglichkeit, als dem «Brilliant Jerk» regelmässig das gewünschte positive Feedback zu geben, um sein Bedürfnis nach Bedeutung und Anerkennung zu befriedigen. Zugleich sollten man ihn aber soweit wie möglich zu isolieren, damit sein toxisches Verhalten nicht zum Problem für andere wird.

Einzelgespräche und (Team-)Coachings können das Betriebsklima zuweilen kurzfristig verbessern, doch sie lösen das Grundproblem nicht. Denn für «Brilliant Jerks» hat das Befriedigen der eigenen Bedürfnisse oberste Priorität. Deshalb sollte man solche Mitarbeitende keinesfalls als Belohnung für gute Leistungen in (höhere) Führungspositionen befördern – selbst wenn sie damit drohen, das Unternehmen zu verlassen. Vielmehr sollte man sich alternativen Möglichkeiten überlegen, um das Ego des «Jerk» zu befriedigen – zum Beispiel ihm ein grösseres Büro gönnen.  

Zugleich sollten Unternehmen aber darauf hinarbeiten, die Abhängigkeit vom «Brilliant Jerk» allmählich aufzulösen. Zum Beispiel, indem man andere Mitarbeitende durch entsprechende Schulungen an das betreffende Aufgaben-/Themenfeld heranführt.

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Joachim Simon, Braunschweig, ist als Führungskräftetrainer und Vortragsredner auf das Thema (Self-)Leadership spezialisiert (www.joachimsimon.info). Er ist Autor des Buchs „Selbstverantwortung im Unternehmen“ und Co-Founder der (Self-)Leadership-Coaching-App Mindshine (www.mindshine.app).

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