Next Talent 2024

Von Lehrstellenmarkting, Talentförderung und Seescheiden

Buckmann Gewinnt führte vergangene Woche die Fachtagung «Next Talent 2024» durch, die sich insbesondere um das Lehrstellenmarketing sowie die Förderung und das Halten von Talenten drehte. Geboten wurden zahlreiche Cases und viel Inspiration.

Wie können die Unternehmen Lernende finden und Talente an sich binden? Darum drehte sich die von Jörg Buckmann, Geschäftsführer der Buckmann Gewinnt GmbH, veranstaltete Fachtagung «Next Talent 2024», die am vergangenen Freitag in den Trafohallen Baden stattfand. Der Anlass ist beliebt bei Lehrbetrieben aus der ganzen Deutschschweiz – rund 170 Besucherinnen und Besucher nahmen teil.

Geboten wurden verschiedene Referate mit Cases in den Bereichen Lehrstellenmarketing sowie Förderung und Halten von Talenten. «Ich bin mega happy und auch ein wenig gerührt, wenn ich in den Saal blicke», sagte Buckmann bei seiner Begrüssung. «Es ist immer ein Risiko und ein Wagnis, eine solche Veranstaltung zu organisieren. Vielen Dank für euer Vertrauen und Kommen.» Er merkte an, dass er mit 54 Jahren nicht mehr ganz zur Zielgruppe des Lehrstellenmarketings gehöre: «Ich habe mir deshalb die Unterstützung von Andrin Knoll als Co-Moderator geholt.» Der 19-Jährige schloss im vergangenen Sommer seine Mediamatiker-Lehre ab und machte sich sogleich mit den beiden Startups IntelliLearn und MBK Movement Revolution selbständig, um individuelle KI-Schulungen für Unternehmen anzubieten.

Tertialisierung floriert, aber …

Das Auftaktreferat hielt Stefan Wolter, Professor an der Universität Bern, der seit rund 20 Jahren das Schweizer Berufsbildungssystem analysiert und jeweils den Bildungsbericht Schweiz erstellt, der alle vier Jahre erscheint. Er gab den Anwesenden einen Überblick über die aktuelle Lage. «Im Jahr 2005 wurde das Ziel definiert, dass 95 Prozent der Schweizer Einwohnerinnen und Einwohner im Alter von 25 Jahren mindestens über einen Sek-II-Abschluss verfügen sollen, sei es Berufslehre, Fachmittelschule oder Gymnasium», erklärte Wolter. «Dieses Ziel haben wir verfehlt: Wir liegen bei 91 bis 92 Prozent.»

Im internationalen Vergleich sei das zwar nicht schlecht, doch es entspreche nicht dem gesetzten Ziel. Er wies darauf hin, dass die Spannweite zwischen den Kantonen riesig sei – manche, insbesondere Genf und Basel-Stadt, kämen nur auf etwas mehr als 80 Prozent, während die Kantone in der Ostschweiz oder der Zentralschweiz das Ziel locker erreicht oder sogar überflügelt hätten.

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Stefan Wolter steht auf der Bühne der Next Talent 2024 und referiert über die Schweizer Berufsbildung.

Stefan Wolter, Professor an der Universität Bern, beleuchtet in seinem Referat die aktuelle Situation der Schweizer Berufsbildung. (Bild: Daniel Thüler)

Die Unterschiede seien insbesondere auf die Korrelation mit der Berufsbildung zurückzuführen: «Je kleiner der Anteil Jugendlicher ist, die nach der Schule den Weg der Allgemeinbildung, also Gymnasium oder Fachmittelschule, wählen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schülerinnen und Schüler mit 25 Jahren das gesteckte Ziel erreichen.» Als Grund für die kantonalen Unterschiede sehe er insbesondere, dass Eltern mit einem akademischen Hintergrund eher eine akademische Ausbildung ihrer Kinder forcieren – dies sei vor allem in grossen Städten der Fall.

Wolter brachte zwei Botschaften mit: Ein Viertel der Schweizer Jugendlichen verlasse gemäss Pisa-Studie die Schule, ohne dass sie einen einfachen Text verstehen können. Gleichzeitig werde erwartet, dass 95 Prozent der Schweizer Bevölkerung mit 25 Jahren mindestens einen Sek-II-Abschluss hat. Möglich sei dies nur dank der Berufsbildung, die einen Grossteil der Jugendlichen aufnehme und es schaffe, aus diesen Berufsleute zu machen. Weiter habe in den letzten 30 Jahren im Schweizer Arbeitsmarkt eine enorme Bildungsexpansion in Form einer Tertialisierung stattgefunden. Bei den Frauen habe sich der Anteil mit einem tertiären Abschluss verfünffacht, bei den Männern gebe es mittlerweile mehr mit einem tertiären als nur einem Sek-II-Abschluss (x 2,5).

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Der Anteil der Jugendlichen, die eine Berufsbildung machen, ist um 3,3 Prozentpunkte gesunken: «Das sieht nach wenig aus, aber stellen Sie sich vor, wenn sich das alle fünf Jahre so fortsetzt. Dann gibt es schon bald keine Berufsbildung mehr in der Schweiz. Das muss uns zu denken geben.»

– Stefan Wolter, Professor an der Universität Bern

 

 

Richtig Fahrt habe die Tertialisierung mit der Einführung der Berufsmaturität Ende der 1990er-Jahre aufgenommen. In der Folge habe sich die Lohnschere bei Personen mit einem tertiären oder einem Sek-II-Abschluss geöffnet: «Bei Frauen mit einem tertiären Abschluss beträgt der Lohnanstieg 35 bis 40 Prozent und bei Männern rund 40 Prozent – in jedem Jahr ihres Berufslebens.» Diese Entwicklung sei konstant: «Wenn die Bildungsexpansion am Arbeitsmarkt vorbeigegangen wäre, wäre das Lohnniveau gesunken.» Dies zeige auch, dass der Schweizer Arbeitsmarkt und das Schweizer Bildungswesen sich in einem kompletten Einklang befänden – es würden sich genauso viele Jugendliche weiterbilden, wie dies der Arbeitsmarkt wolle: «Und der Arbeitsmarkt will immer mehr.» Dass die grossen Nachfrage gedeckt werden kann, sei nur dank der Berufsbildung möglich, zumal die Gymnasien bisher nur 1,6 Prozent an die Tertialisierung beigesteuert hätten.

Ein Wermutstropfen sei laut Wolter, dass seit fünf Jahren der Anteil der Jugendlichen, die eine Berufsbildung machen, um 3,3 Prozentpunkte gesunken sei. «Das sieht nach wenig aus, aber stellen Sie sich vor, wenn sich das alle fünf Jahre so fortsetzt. Dann gibt es schon bald keine Berufsbildung mehr in der Schweiz. Das muss uns zu denken geben.» Es gelte eine Abwärtsspirale zu verhindern, die die Konkurrenz zwischen den Lehrberufen und den Lehrbetrieben um gute Lernende verschärft. Gleichzeitig stelle sich ein Trickle-Down-Effekt ein, was die weniger gefragten Lehrberufe zunehmend unter Druck setze und sich gleichzeitig generell negativ auf das Qualitätsniveau der Lernenden aller Berufe auswirke.

Swisscom will keine Schulzeugnisse mehr sehen

In weiteren Referaten wurde aufgezeigt, mit welchen neuen Massnahmen und Aktivitäten Unternehmen die besten Talente für eine Berufslehre gewinnen und im Betrieb halten wollen.

Marc Marthaler, Head of Next Generation bei Swisscom, stellte den neuen Bewerbungsprozess für Lernende, «Mensch vor Dossier», vor: Wer sich seit Sommer 2022 bei Swisscom für eine Lehrstelle bewirbt, muss ab Anfang August kein Schulzeugnis mehr einreichen. Stattdessen bewerben sich die Interessentinnen und Interessenten allein über die Beantwortung mehrerer Fragen per Video. Wer zu Swisscom passen könnte, wird danach zu einem sogenannten NEX-Day eingeladen, wo die Jugendliche zusammen mit Rekrutierungspersonen verschiedene Aufgaben bearbeiten. «So lernen wir die Jugendlichen in unterschiedlichen, alltagsnahen Kontexten kennen, statt anhand eines theoretischen Dossiers», so Marthaler. Die Schulnoten würden zu keinem Zeitpunkt angesehen: «Die Erfahrung zeigt, dass diese teilweise ein Zerrbild vermitteln.» Zudem erlaube «Mensch vor Dossier» der Swisscom, besser herauszufinden, wer zu ihrem Ausbildungsmodell mit einem internen Projekt-Marktplatz passe und wer über eine gute Selbststeuerung verfüge.

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«Die Erfahrung zeigt, dass Schulzeugnisse teilweise ein Zerrbild vermitteln.»

– Marc Marthaler, Head of Next Generation bei Swisscom

 

 

Noah Kristoffy, ein Swisscom-Lernender, der auf diese Weise rekrutiert wurde, berichtete aus erster Hand von seinen Erfahrungen mit dem neuen Bewerbungsprozess und das sehr positiv, obwohl er eigentlich gute Schulnoten gehabt hätte. Auf die kritische Frage aus dem Publikum, ob Jugendlichen, die sich gut verkaufen können, mit «Mensch vor Dossier» nicht ein übermässiger Vorteil verschafft werde, antwortete Marthaler, dass die Fähigkeit, sich präsentieren zu können, zu den zentralen Anforderungen an die Lernenden von Swisscom gehöre. Wie erfolgreich die neue Rekrutierungsform ist, beispielsweise in Hinblick auf Lehrabbrüche, konnte er noch nicht beantworten, da die Evaluation erst in diesen Frühling stattfinde.

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Lernender Noah Kristoffy in angeregter Diskussion mit Marc Marthaler, Head of Next Generation bei Swisscom, über das neue Rekrutierungssystem von Swisscom, das an der Next Talent 2024 vorgestellt wurde.

Noah Kristoffy, Lernender (links), und Marc Marthaler, Head of Next Generation, diskutieren über das neue Rekrutierungssystem «Mensch von Dossier» bei Swisscom. (Bild: Daniel Thüler)

Minecraft-Challenges und Lernenden-Redaktion bei Roche

Serge Corpataux, Leiter Nachwuchsförderung bei Roche, zeigte in seinem Referat auf, wie sein Unternehmen seine Marke für Jugendliche und Lernende besser erlebbar machen will respektive wie sie Lehrstellenmarketing betreibt. «Rund ein Drittel der Jugendlichen nennt Gaming als eines ihrer Hobbies», erklärte er. «Also versuchen wir, sie genau dort abzuholen.» Roche nutzt hierfür Minecraft-Challenges, bei der über 100 Lernende in der Schweiz und in Deutschland länderübergreifend einen Roche-Standort ganz nach ihrem Geschmack gestalten können. «Dabei steht neben Spiel und Spass insbesondere die Förderung von Soft Skills im Vordergrund, wie beispielsweise kritisches Denken, Kreativität und Kollaborationsfähigkeit.»

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«Rund ein Drittel der Jugendlichen nennt Gaming als eines ihrer Hobbies. Also versuchen wir, sie genau dort abzuholen.»

– Serge Corpataux, Leiter Nachwuchsförderung bei Roche

 

 

Auf Anregung der Lernenden erhielten diese von Roche zudem die Möglichkeit, regelmässig einen Podcast aufzuzeichnen, der Schülerinnen und Schülern bei der Berufswahl helfen soll. Die Lernenden vermitteln dort persönliche Einblicke ins Berufsleben und in den Schulalltag. Weiter wurde, in Zusammenarbeit mit der Leading-Agentur Mediacrew AG, ein Social-Media-Redaktionsteam aus Lernenden gebildet, das zielgruppengerechten Content fürs Lehrstellenmarketing herstellt. Mediacrew-CEO Julia Fischer wies darauf hin, dass dies sehr wertvoll sei, da sich Jugendliche viel mehr für TikTok-Inhalte interessieren, die von Gleichaltrigen produziert werden.

Credits und Karriereberatung bei Bühler

Andreas Bischof, Leiter Berufsbildung bei der Bühler AG, referierte zum Thema «Talente frühzeitig binden». Sein Unternehmen bilde pro Jahr zirka 60 bis 85 Lernende aus, dies mit dem Ziel, danach zwei Drittel im Betrieb zu halten. Damit dies gelinge, seien verschiedene Programme eingeführt worden.

Eines davon ist eine interne Laufbahn- und Karriereberatung. Ein praxisnahes Beratungsteam unterstütze die Lernenden und die Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger bis 25 Jahre bei der Planung und Umsetzung der letzten zwei Lehrjahre, zeige individuell Karrierewege auf und gebe Tipps für den Bewerbungsprozess. Dies ermögliche, den Nutzerinnen und Nutzern die internen Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten bei Bühler näher zu bringen.

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Andreas Bischof stellt die Massnahme für Mitarbeiterbindung der Bühler AG auf der Bühne der Next Talent 2024.

Andreas Bischof, Leiter Berufsbildung, stellt die Programme zur Talentbindung bei der Bühler AG vor. (Bild: Daniel Thüler)

Eine weitere Massnahme sei die Vergabe von Credits während der Lehrzeit. Die ersten werden anhand des Schulzeugnisses im letzten Schuljahr vergeben, weitere beispielsweise aufgrund von Projektarbeiten, ehrenamtlichen Tätigkeiten, Erfolgen bei den Swiss Skills oder Lehrabschlussnoten. Die Credits können nach der Lehre für funktionsrelevante Weiterbildungen, Auslandseinsätzen inklusive Sprachaufenthalt, Mentoring-Programme, Teilnahme an einem One Young World Summit und so weiter eingesetzt werden.

Einen humoristischen Schlusspunkt lieferte Bischof mit seinem Hinweis, dass es in der Talentbindung wichtig sei, fortwährend Trends und Entwicklungen zu erkennen und frühzeitig zu handeln. Er illustrierte dies anhand zweier Tierbilder: Chamäleons würden über ein Sichtfeld von über 340 Grad verfügen, allein über dem Rücken, direkt hinter dem Kopf, hätten sie einen blinden Fleck. Die Seescheide dagegen, ein kleines Meerestier, schwimme als Larve umher und fresse Plankton. Doch irgendwann habe sie genug davon. Sie setze sich auf einer Koralle nieder und beginne damit, ihr Gehirn zu verdauen. Sein Tipp an die Anwesenden, «Seien Sie keine Seescheide!», sorgte für riesiges Gelächter.

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Eine goldene Seescheide auf der Koralle. An der Next Talent wurde dieses Meerestier zur humoristischen Pointe.

Eine gute Analogie gegen die Stase: Sobald eine Seescheide das Larvenstadium verlässt und auf einer Koralle sesshaft wird, beginnt sie ihr Gehirn zu verdauen. (Bild: Vincent Kruger / Wikimedia Commons)

Generation X kommt zu Wort

Weitere Referate drehten sich um die preisgekrönte Lehrstellenkampagne der ÖBB, Personalwerbung durch die Lernenden von Cembra, die MINT-Förderung durch Peppermintas, die Talentausbildung bei Helvetia oder den «marti future day», die Hausmesse der Marti Gruppe. Zwischendurch interviewte Andrin Knoll die beiden Jugendlichen Yannis Hoss und Mäx Müller, die den Besucherinnen und Besuchern direkt und ungefiltert vermittelten, wie die Generation X in Sachen Berufswahl, Schule, Hobbies und Social Media tickt. Weiter boten Kaffeepausen, ein gemeinsamer Lunch und ein abschliessender Apéro den Anwesenden mehrere Gelegenheiten fürs Networking.

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Daniel Thüler

Daniel Thüler, Chefredaktor HR Today, daniel.thueler@hrtoday.ch

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