«Denke selbst und nutze deine Intuition»
Dr. Rebekka Reinhard war stellvertretende Chefredaktorin der Philosophie-Zeitschrift «Hohe Luft» und leitet jetzt das Magazin «human», das sich mit Fragen rund um KI auseinandersetzt. Am Ostschweizer Personaltag spricht sie über die Zukunft des Menschen – und vorab mit «HR Today».

Der Mensch ist und bleibt wichtig, sagt Rebekka Reinhard. (Bild: zVg)
HR Today: Rebekka Reinhard, Ihre Keynote am Ostschweizer Personaltag trägt den Titel «Human is the next big thing: Der Mensch und die KI». Was war der Mensch denn vorher?
Rebekka Reinhard: Der Mensch war immer schon «das nächste grosse Ding» – in dem Sinne, dass er ein unglaublich innovationsfähiges Lebewesen ist, das nicht aufhören kann, dem Lauf der Dinge seinen Stempel aufzudrücken… im Guten wie im Schlechten.
Oft hört man, der Mensch müsse bei Entscheiden am Hebel der Verantwortung bleiben. Wie soll das gehen in einer stark datengetriebenen Wirtschaft, wenn eine KI schneller und präziser kalkuliert als der Mensch?
Reinhard: Angesichts agentischer KI-Systeme scheint diese Frage umso dringlicher: Wer trägt Verantwortung, wenn KI-Systeme quasi «autonom» Entscheidungen treffen oder gar Schäden verursachen? Natürlich sollte der Mensch «am Hebel» bleiben. Die grösste Herausforderung besteht jetzt darin, Verantwortung in komplexen Handlungsketten zuzuordnen. Da reicht Regulierung allein nicht aus; technische Sicherheitsstandards und Cyberresilienz sind entscheidend. Am Ende gilt immer: Je leistungsfähiger die KI wird, desto wertvoller werden menschliche Fähigkeiten wie Urteilskraft, Vertrauen und Empathie; und eine Kultur, die diese fördert, damit ein verantwortungsvoller Umgang mit den Systemen möglich bleibt.

In Unternehmen kann es riskant sein, gegen oben dem KI-Orakel zu widersprechen – was wiederum neue Risiken schafft. Müssen wir unsere Intuition wiederentdecken?
Reinhard: Intuition ist kein magisches Bauchgefühl. Sie basiert auf der Erfahrung, wie es ist, als Mensch in einer unsicheren Welt zu existieren. Ich glaube, Ratio, Vernunft und kritisches Urteilsvermögen bleiben unerlässlich. Aber da es seine Zeit braucht, gute Gründe und stichfeste Argumente zu finden und wir diese Zeit im Alltag meist nicht haben, brauchen wir etwas Zweites: unsere Intuition. Diese plötzliche, durchaus irrtumsanfällige Eingebung, die uns spontan und kreativ unseren Weg gehen lässt.
Trotz Entlassungswellen und verschwindender Juniorpositionen liest man überall mantraartig, wie unersetzlich der Mensch bleibe. Wie optimistisch sind Sie wirklich – und warum?
Reinhard: Ich rechne mit einer gravierenden Umwälzung auf dem Arbeits- und Jobmarkt. Viele Stellen – auch von Führungskräften – werden wegfallen und nicht neu besetzt werden. Trotzdem gilt: «Human is the next big thing». Es liegt an uns und unserer menschlichen Innovationsfähigkeit, unserer Vorstellungskraft, den Sinn der Arbeit und vielleicht auch einen ganz neuen Kapitalismus neu zu erfinden. Und zwar genau jetzt.
Wozu benutzen Sie persönlich KI, wozu nicht – und weshalb? Was raten Sie anderen Individuen diesbezüglich und wie lässt sich der eigene KI-Gebrauch kritisch und sinnig reflektieren?
Reinhard: Hauptsächlich nutze ich Sprachmodelle für Transkription und Übersetzungen. Mein Rat? Sei kein Bot. Nutze die KI, wo sie dir hilft, effizienter und effektiver Lösungen für deine Aufgaben zu finden. Halte sie nie für einen Coach oder sonstigen Experten (auch wenn sie «Ich» sagt). Lass dich nicht manipulieren – denke selbst und nutze deine Intuition, bevor du dir etwas «vordenken» und «vorschreiben» lässt.
Eventhinweis
Am 22. Ostschweizer Personaltag vom 17. September 2026 in St. Gallen geht es unter dem Titel «Zwischen Algorithmus und Alltag» um die Frage, wo KI im HR heute echten Mehrwert bringt. Dr. Rebekka Reinhard und vier weitere Referentinnen und Referenten liefern Impulse für die Praxis.