Kommentar zu den Entwicklungen rund um KI

«Maschinenmänner mit Maschinenköpfen und Maschinenherzen!»

Wo bleibt zwischen Algorithmen und Effizienzmethoden noch Platz für den Menschen? Und falls dieser Platz in Zukunft existieren soll – wofür denn? Über Gefühle, Gemeinschaft, ein HR, das mitgestaltet – und Charlie Chaplin. Eine Geschichte.

Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen.

Ja, eine persönliche Geschichte, aber gleichzeitig eine, die im Zeichen des «Menschlichen in Zeiten von KI» steht und etwas Universelles behandelt: Gefühle. Eine persönlich Geschichte, die, wie alle unsere Geschichten, eingebettet ist in das, was in der grossen, weiten Welt geschieht. Was auch immer das heissen mag – lassen Sie es uns zusammen herausfinden. So ganz genau weiss ich es nämlich auch nicht. Aber ich habe eine leise Ahnung. Vom Kleinen ins Grosse. Und vom Persönlichen zurück ins Allgemeine.

Eine dieser leisen Ahnungen, die ich auch schon in meinem letzten Artikel zur KI-Transformation geäussert habe: Wir rationalisieren unsere Gefühle manchmal so sehr, dass wir nicht nur darin meisterhaft geworden sind, unsere Gefühle wegzuerklären, sondern auch, unserer Intuition und unserer Imagination zugunsten von Daten und KPI zu misstrauen. Dabei enthalten doch auch unsere Gefühle wichtige Informationen über uns, die Welt und unseren Platz darin. Unsere Gefühle sind Sensoren wie all unsere anderen Empfindungen auch.

Hören Sie in Ihrer HR-Abteilung auf Gefühle? Sie sollten. Denn HR ist die Stimmgabel des Unternehmens. Hört niemand auf Gefühle, herrscht schnell Disharmonie.


Manche sagen, HR sei kein Wohlfühldepartement. Aber wenn das stimmt, ist es eben auch kein Schlechtfühldepartement. Gefühlsduselei ist das eine – aus dem eigenen Leben und dem, was man darin fühlt, lernen zu können, ist das andere. Gefühle sind persönlich und darum nicht so einfach verallgemeinerbar, das stimmt. Aber mit Achtsamkeit und Geduld erschliessen sich uns plötzlich Dinge, die wir sonst nicht formulieren könnten.

Hören Sie in Ihrer HR-Abteilung auf Gefühle? Sie sollten. Denn HR ist die Stimmgabel des Unternehmens. Hört niemand auf Gefühle, herrscht schnell Disharmonie.

Also, lassen Sie mich eine Geschichte erzählen.


Der schottische Unabhängigkeitskampf, 2014


Das erste Mal bin ich Charlie Chaplins Meisterwerk «Der grosse Diktator» (1940) vor zwölf Jahren begegnet.

 

 

Das schottische Volk stand 2014 vor einer monumentalen Wahl: unabhängig oder weiterhin Teil Grossbritanniens zu sein.

Der Schauspieler David Hayman (zum Beispiel «Rob Roy», 1995, neben Liam Neeson) – der Schottischen Nationalpartei (SNP) nahestehend – lud damals ein Video auf Youtube; es war eine freie Interpretation der berühmten Rede, die Adenoid Hynkel, Charlie Chaplins Hitler-Parodie, ganz am Ende des Films hält. Die satirische Komödie nimmt dort eine tonal unerwartet emotionale Wende.

Hayman warb für die Unabhängigkeit seines Landes – für die Unabhängigkeit von einem grossen Reich, das den schottischen Volkswillen – stets progressiv – konstant überstimmte. Seine Version von Chaplins Rede hatte mich sonderbar berührt. Das Referendum verfolgte ich schliesslich die ganze Nacht gebannt im engen, hölzernen Dachstock des Hauses meiner Nonna. Dazu: Lieder des schottischen Nationaldichters Robert Burns.

 

 

Bis in die grauen Morgenstunden. Bis zur letzten ausgezählten Stimme. Die Unabhängigkeitsbewegung verlor die Abstimmung. Zu gross war die Angst vor den Konsequenzen, vor denen die konservativen Gegner eindringlich gewarnt hatten.

Ich war damals 25 und hatte gerade mein Journalismus-Studium abgeschlossen. Knapp ein Jahr später: Brexit. 62 Prozent der Schottinnen und Schotten hatten dagegen gestimmt. Die Ironie der Geschichte wird genau in solchen Momenten greifbar.


Die Technoweihnacht, 2017


Ende 2017 wurde ich «Chef vom Dienst Social» des Online-Magazins «Republik». Es war Winter und die letzten Vorbereitungen zum Launch liefen auf Hochtouren. Die Zeit war beruflich aufregend, persönlich aber fühlte ich mich als junger Mensch in der Medienbranche verloren, wie auf einer Odyssee.

Zweiteiliges Bild mit gelbem Rahmen. Links: Schwarz-Weiss-Nachtfotografie einer Zürcher Strasse. Im Vordergrund stehen mehrere Toi-Toi-Mobiltoiletten auf aufgerissenem Pflaster, im Hintergrund Wohnblöcke und Strassenlaternen. Rechts: Farbfoto des Autors Robin, der mit Brille, dunklem Pullover mit weissen Punkten und zurückgebundenem Haar an einem Restauranttisch sitzt. Er hält lächelnd einen Löffel in die Kamera, vor ihm ein Stapel weisser Schüsseln und eine Suppe.

Dualitäten: Links, ein Bild, das ich auf dem Weg zur «lush» am 25. Dezember in Zürich gemacht habe, rechts ein Bild von mir bei der Weihnachtsfeier der «Republik», wenige Tage zuvor. (Bilder: Robin Adrien Schwarz)


Statt bei meiner Familie verbrachte ich die Nacht des 25. Dezembers in der F+F Kunstschule an der «lush», einer Technoparty, an der ich keine Sterbensseele kannte und alleine hinging. Irgendwann, mitten in der Nacht, mischte sich Charlie Chaplins Rede in den Höhepunkt eines Tracks.


«In the name of democracy, let us all unite!», schrie Chaplin durch den Beat, als sich zeitgleich eine Wand garagentorartig öffnete und den Blick freigab auf eben angezündete funkensprühende, glitzernde Vulkane und wir uns schliesslich alle – ob nah oder fremd – in den Armen lagen, vorhin verteilte Gratisglacés in Händen und Mündern. Bei aller Einsamkeit dieses Dezembers: wunderschön.


Die Welt im Taumel nach Donald Trumps zweitem Sieg, 2024


Nachdem Donald Trump 2025 seine zweite Wahl gewonnen hatte, war die Verzweiflung gross. Auch in der Community der Youtube-Show «Zeitgeister», an der ich damals gemeinsam mit Sozialwissenschaftler Marko Kovic arbeitete. Wir hatten gerade eine durchzechte Nacht mit Liveshow hinter uns. Als wir für die Nachwahlanalyse erneut live gingen, war ich 36 Stunden wach. Um dem allgegenwärtigen Verzagen und Kummer zu begegnen, las ich den Zuschauerinnen und Zuschauern schliesslich Chaplins Rede vor. Jemand im Publikum schrieb im Chat: «Wer schneidet hier Zwiebeln?»

Ein Streaming-Screen mit zwei Cams, rechts der Autor mit kurzen Haaren und Mittelscheitel, der vorliest, rechts Marko Kovic, streng dreinblickend. Die Farben sind lila und blau. Oben rechts das Logo vom Zeitgeister.

 Dualitäten II: Links, der Autor dieses Textes, rechts Sozialwissenschaftler Marko Kovic beim Nachwahlstream auf Youtube im November 2024. (Screenshot: Zeitgeister/Youtube)


Manche Texte sind eben nicht nur Texte. Sie beginnen fast ein eigenes Leben zu entwickeln, markieren Stellen in unserer Biografie, verweben sich mit uns, sind nicht blosses Konsumgut, entfalten Bedeutungen, die sich uns immer mehr und mehr erschliessen, obwohl wir es nicht einmal erahnen. Manchmal gewinnen sie an Bedeutung und Aktualität, manchmal so sehr, dass es sich wie eine Art Epiphanie anfühlt. Als ob einen der Blitz trifft. Eine ganz und gar menschliche, un-maschinelle, wundersame Erfahrung. Sie kennen das bestimmt – und seien es auch «nur» Zitate, die ihnen im Leben immer und immer und immer wieder begegnen.


Die Angst vor Veränderung und der Karriereselbstsabotage, 2026


Am 9. Juni schreibt Marcel Salathé, Professor an der EPFL und Co-Director des AI Centers, auf LinkedIn einen Post zum Thema «Karriereselbstsabotage».

Damit gibt er jenen Stimmen Recht, die behaupten, wer jetzt nicht auf den KI-Zug aufspringe, würde zurückgelassen. Früher sei man mit KI vielleicht 10 Prozent schneller gewesen, als jene, die KI nicht benutzen, heute seien es bereits 200 Prozent und dieser «Gap» würde immer weiter wachsen. Zweimal so schnell könne man nun seine Arbeit erledigen. Die Kommentarspalte mutmasst über die genauen Prozentzahlen. Es sei wie damals, als es Computer gegen Schreibmaschinen hiess. KI zu benutzen sei allerdings zum Glück nicht schwer. Im Weg stünde nur die «Angst vor der Veränderung», eine «Mindset-Sache» sei es.

KI zu benutzen sei zum Glück nicht schwer. Im Weg stünde nur die «Angst vor der Veränderung», eine «Mindset-Sache» sei es.


Über diese «Angst» habe ich bereits hier geschrieben. Vielleicht erinnern Sie sich: Manche Ängste sind realer und berechtigter als andere.

Aber, halt, Moment. Schürt man mit dieser Position nicht eben auch Angst – und zwar ebenfalls jene vor der Veränderung? Entweder man sträubt sich vor KI, weil man Angst hat, dass diese Technologie die Wirtschaft erschüttern und Jobs vernichten könnte – oder man macht aus Angst bei KI mit, weil man zu glauben weiss: Mache ich hier nicht mit, werde ich zu den Verlierern gehören. Diese Variante aber klingt eleganter und pragmatischer. Ähnliche Phrasen verbreiten seit dem Release von ChatGPT diverse Crypto-Fans und Ganzschnellreichwerder auf Twitter und überhaupt überall dort im Netz, wo Scham nicht mehr existiert, darum klingt das dort wesentlich unverblümter. Am Ende sind beide Positionen von gleicher Art.

Schneller, höher, reicher. Noch mehr Arbeit. Noch mehr Arbeit noch schneller erledigen. Die Karriereleiter noch schneller, noch höher erklettern, eine Leiter, die bizarrerweise immer länger wird. Aber nur nach oben hin, denn unten, so der implizite Glaube, wird sie kürzer, und wer nicht effizient genug klettert, greift irgendwann vor dem Sturz zur letzten Sprosse.

Alles im Zeichen des maschinellen Fortschritts. Oder eben im Zeichen der Angst, zu den Verlierern zu gehören, weil KI – Sie haben es in der Analyse gelesen – in den Augen mancher unausweichlich ist. Wie jemand kürzlich im Subreddit von Anthropic schrieb: «Nichts ist unausweichlich, aber alles ist möglich.»

Ironischerweise hatte ich diesen LinkedIn-Post ein paar Minuten vor Feierabend gesehen, den Laptop zugeklappt, dann wieder aufgeklappt – und jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist es halb elf.

Wie wäre es, wenn wir uns nicht ständig von Knappheit regieren lassen? Wenn wir als Gesellschaft ein «Mindset-Problem» haben, dann ist es vielleicht genau das: Knappheitsdenken, als Resultat materieller Bedingungen. 

Wenn wir als Gesellschaft ein «Mindset-Problem» haben, dann ist es vielleicht genau das: Knappheitsdenken, als Resultat materieller Bedingungen.

Und dann kam mir völlig unvermittelt wieder Charlie Chaplin in den Sinn.

«Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann», heisst es ganz zu Beginn der Rede des grossen Diktators im Film.

Derweil sagt Palantir-CEO Peter Thiel jedem, der es hören will, Demokratie sei überbewertet und mit Freiheit nicht kompatibel – und bei der Frage, ob es denn schlimm wäre, wenn die Menschheit aussterben würde… Nun, Peter Thiel findet das eine komplexe Frage, die nicht einfach zu beantworten ist.

«Wir alle wollen einander helfen, so sind menschliche Wesen*», sagt indes Charlie Chaplins Hitler-Parodie, «wir wollen vom Glück der anderen leben, nicht von deren Elend».

«Wir möchten einander nicht hassen und verabscheuen – und diese Welt hat genug Platz für alle, die gute Erde ist reich und sie kann für uns alle sorgen.»

Während ich diese Zeilen schreibe, lässt Meta-CEO Mark Zuckerberg einen unterirdischen Bunker auf der hawaiianischen Insel Kauai bauen, um sich auf den Zusammenbruch der Zivilisation vorzubereiten.

«Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein»


«Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein», sagt der plötzlich menschliche Parodie-Diktator, aber «wir sind vom Weg abgekommen». «Die Habgier hat das Gute im Menschen verschüttet und Missgunst hat die Seelen vergiftet», sagt Chaplin emphatisch.

Am 12. Juni geht Elon Musks SpaceX an die Börse. Kurz danach wird dieser zum ersten Billionär der Welt.

Und dann die Stelle, die mir, mit Gedanken an das aktuelle KI-Mindset, Gänsehaut gibt. Sie wissen: Immer und immer schneller arbeiten. Das ist doch toll!

«Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt, aber innerlich sind wir stehen geblieben. Die Maschinerie, die uns Fülle gegeben hat, lässt uns im Mangel zurück. Unser Wissen hat uns zynisch gemacht, unsere Klugheit hart und kaltherzig. Wir denken zu viel und fühlen zu wenig.»

Was so nicht im Original vorhanden ist, aber gespenstisch passend wirkt: «Wir lassen Maschinen für uns arbeiten und sie denken auch für uns.»


Und dann folgt – bemerkenswert – in der deutschen Übersetzung etwas, was so nicht im Original vorhanden ist, aber in diesem Kontext gespenstisch passend wirkt: «Wir lassen Maschinen für uns arbeiten und sie denken auch für uns».

Im Original geht es jedoch eindringlicher und emotionaler weiter:

«Mehr als Maschinerie brauchen wir Menschlichkeit, mehr als Klugheit brauchen wir Güte und Sanftheit. Ohne diese Qualitäten wird das Leben gewaltvoll und alles wird verloren sein.»

Das Radio und das Flugzeug hätten uns näher zusammengebracht, sagt Chaplin, und man kann nicht umhin, die Parallele zu heute zu sehen: das Internet.

«Diese Erfindungen rufen nach dem Guten im Menschen, sie rufen nach allumfassender Brüderlichkeit – nach unser aller Einigkeit. Millionen Menschen auf der Welt können in diesem Augenblick meine Stimme hören. Millionen verzweifelter Menschen, Opfer eines Systems, das Menschen dazu bringt, Unschuldige zu quälen und in Ketten zu legen.»

Fortschritt ist zerbrechlich


«All jenen, die mich jetzt hören, sage ich: Verzagt nicht! Das Elend, das jetzt über uns hereinbricht, ist nichts als das Vergehen der Gier und Bitterkeit jener Männer, die den menschlichen Fortschritt hassen.» 

Der Hass der Menschen werde vergehen und die den Menschen genommene Macht zu den Menschen zurückkehren. Man darf ja noch hoffen.

«Gebt euch nicht diesen Barbaren hin», ruft Chaplin nun, wird lauter und lauter, «diesen Männern, die euch verachten, euch versklaven, die euer Leben reglementieren, euch sagen, was ihr zu tun, zu denken und zu fühlen habt! Die euch drillen, euch mästen, euch wie Vieh behandeln!»

«Maschinenmänner mit Maschinenköpfen und Maschinenherzen!», klagt Chaplin an.

Ist das Pathos? Klar. Aber Pathos hat auch seine guten Seiten. Ein Schelm, der hier nicht an Mark Zuckerbergs berüchtigtes Verhör im US-Kongress denkt.

Dann wieder Chaplins humanistische Botschaft, das Antidot zur Maschinisierung. Es klingt, als würden wir es vor lauter KPI, Algorithmen und Metrics manchmal vergessen:

«Ihr seid nicht Maschinen! Ihr seid nicht Vieh! Ihr seid Menschen! Ihr habt die Liebe der Menschheit in euren Herzen!»

Es klingt, als würden wir es vor lauter KPI, Algorithmen und Metrics manchmal vergessen: «Ihr seid nicht Maschinen!»


«Ihr, die Menschen, habt die Macht, dieses Leben frei und schön zu gestalten, ein wundervolles Abenteuer! Lasst uns für eine neue Welt kämpfen – eine Welt, die Menschen Arbeit gibt, die der Jugend Zukunft und dem Alter Sicherheit gibt.»

Habe ich hier Altersdiversität, verschwindende Junior-Positionen und Bildungsschwierigkeiten gehört?

Genau durch jenes Versprechen aber seien nun Barbaren an die Macht gekommen. «Aber sie lügen!», schreit Chaplin, «Sie halten dieses Versprechen nicht ein und werden es nie tun. Nun lasst uns kämpfen, um dieses Versprechen zu erfüllen.»

«Fortschritt zum Glück aller»
 

Das Crescendo naht. Eine Welt der «Vernunft, in der die Wissenschaft und der Fortschritt zum Glück aller» führe, fordert der vermeintliche Diktator, eine ohne Hass, Intoleranz und nationale Grenzen.

Wissen Sie, was? Ganz ehrlich, Chaplin hat hier einen Punkt. Sogar mehrere. Aber das bleibt unter uns.

Manchmal begegnen mir Menschen, die auf «mein Mindset» (in diesem Fall: jenes von Chaplin) reagieren, so seien halt die Menschheit und die Welt nicht.

Nur: Meine Welt und meine Menschen in ihr sind – zum grossen Teil – genau so. Ich frage mich dann: Woher nehmen diese Menschen die Sicherheit, dass die Welt im Kern genau wie die ihrige ist? Ist das vielleicht einfach ihre Welt – so wie sie sie sehen und haben möchten? Die Welt als Projektionsfläche für das eigene Innenleben. Ist das noch «pragmatisch» und «realistisch» oder schon kalte, zynische Resignation? Und wenn es mehrere einander entgegengesetzte Entwürfe gibt: für welche möchten wir uns entscheiden – und warum? Wir haben es in der Hand.

Dann, zum letzten Mal, Chaplin: «In the name of democracy, let us all unite».

Wer ist heute der «grosse Diktator»? Das Knappheitsdenken, mit dem wir uns gegenseitig gefangen halten und jene, die es befeuern und daran verdienen. Dabei könnten wir so viel tun. So viel.


Das Leben als Skill


Ursula K. Le Guin, eine der unkitschigsten, humanistischsten und emanzipatorischsten Phantastik-Autorinnen aller Zeiten, schrieb in ihrem Essayband «Waves in the Mind»:

«All of us have to learn how to invent our lives, make them up, imagine them. We need to be taught these skills; we need guides to show us how. If we don't, our lives get made up for us by other people».

Wir müssen alle lernen, wie wir unsere Leben erfinden können. Das ist ein Skill (Recruiterinnen und Recruiter der Welt, hört hin!), den man uns beibringen muss – und geschieht das nicht, wird unsere Welt, werden unsere Leben von Anderen für uns erfunden.


Eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Autorin Ursula K. Le Guin. Sie sitzt entspannt in einem geflochtenen Korbstuhl, hat die Arme locker verschränkt und blickt mit einem sanften, herzlichen Lächeln direkt in die Kamera. Sie trägt eine dunkle Bluse und Ringe an den Fingern. Im Hintergrund ist ein großes Fenster zu sehen, in dessen Scheibe sich Bäume spiegeln.

Autorin Ursula K. Le Guin, 1995. (Bild: Marian Wood Kolisch, Oregon State University, CC BY-SA 2.0)


Haben Sie Mut. Nicht nur jenen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – einer der Leitsätze der Aufklärung – sondern auch jenen, sich auf Ihre Fantasie und ihre Intuition einzulassen. Ihre Gefühle sind kein blosses Werkzeug, sie sind ein Kompass, der ihnen dabei hilft, das Labyrinth der Gegenwart zu meistern und sich mit anderen Menschen zu verbinden, die, ebenso alleine wie wir alle, durch diese verrückte Welt wandeln.

Wir Menschen können das. Ein aufrichtiges HR kann das. Sie können das. Wenn Unternehmensleitlinien es ernst meinen, dass es alle braucht – dann gehört auch das Hören auf Gefühle dazu. Gerade das. Und dann stellt sich die Frage: Will HR nur die Strategien und Pläne anderer, die womöglich – anders als Sie – den Alltag Ihrer Belegschaft gar nicht kennen, einfach nur ausführen? Oder wollen Sie tatsächlich mitgestalten?


*Die zitierten Textstellen sind zum Teil der offiziellen deutschen Übersetzung entnommen, an manchen Stellen selbst übersetzt, da es erhebliche Bedeutungsunterschiede in der Übersetzung gibt.

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Porträt einer Person mit mittellangem, leicht gewelltem Haar und Bart, vor einem neutralen, strukturierten Hintergrund. Die Person trägt ein Hemd mit kleinen Punkten, schaut leicht zur Seite und lächelt subtil. Das Bild ist in Schwarz-Weiss gehalten.

Robin Adrien Schwarz ist Online-Redaktor bei HR Today. Er befasst sich vor allem mit Themen am Überschneidungspunkt von Politik, Gesellschaft und Technologie. rs@hrtoday.ch

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