HR-Debatte

Eggfreezing ja oder nein?

Facebook und Apple bezahlen Kadermitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen, damit diese ihre Karriere verfolgen und ihren Kinderwunsch später verwirklichen. Nicolas Zech befürwortet Eggfreezing als Option in der Familienplanung. Für Alberto Bondolfi ist sie eine Scheinlösung.

Nicolas Zech

Die Chance, ein gesundes Baby zu bekommen, hängt vom Alter der Frau ab und beginnt ab dem 31. Lebensjahr zu sinken. Unter dem Begriff «Social Freezing» wird Frauen deshalb die medizinisch-technische Möglichkeit eröffnet, auf Wunsch ihre Eizellen vorsorglich einfrieren zu lassen und für eine bestimmte Zeit einzulagern.

Ein kontrovers diskutiertes, hoch polarisierendes Thema, und das wird es wohl auch bleiben. Derzeit erfährt es starke mediale Präsenz: Nicht zuletzt durch den Vorstoss der beiden IT-Unternehmen Facebook und Apple, die ihren Mitarbeiterinnen diese Option aus Karrieregründen ermöglichen wollen. Ich würde mir wünschen, dass es insgesamt mehr zum Mainstream-Thema wird.

Als Pioniere auf dem Gebiet der Kryokonservierung unbefruchteter Eizellen haben wir die Eizellvorsorge («Social Freezing») seit nunmehr vier Jahren erfolgreich etabliert. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür sind jedoch von Land zu Land unterschiedlich. Die Chancen auf eine spätere Schwangerschaft sind dann sehr gut, wenn die Behandlungsweise höchsten medizinischen Standards entspricht und durch ein erfahrenes Team, mit bestens erprobten Methoden erfolgt. Mit der Technik der keimfreien Vitrifikation können Eizellen ohne Beeinträchtigung der Entwicklungsfähigkeit konserviert werden. Wir versetzen die Eizellen quasi in einen «Dornröschenschlaf».

Für mich steht ganz klar fest: Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen sollte nicht beim Kinderkriegen enden! Nicht nur über das Ob, sondern auch das Wann sollte eine Frau frei entscheiden können. Es gibt bestimmt unterschiedliche Gründe, warum Frauen eine Eizellvorsorge in Betracht ziehen, und diese widerspiegeln letztendlich auch die Gründe, warum sich eine Frau für die Verhütung entscheidet. Dazu gehört natürlich auch, sich den Kinderwunsch nicht etwa schon mit Anfang zwanzig, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt erfüllen zu wollen.

Aber auch das berufliche und soziale Umfeld kann Frauen, wie natürlich auch Männer, dazu bewegen, ihre Geschlechtszellen konservieren zu lassen. Oft ist die Motivation für eine solche Eizellvorsorge aber auch medizinischer Natur. Beispielsweise im Zusammenhang mit einer bevorstehenden Chemotherapie oder einer Operation am Eierstock.

Zusammengefasst denke ich, dass die Eizellvorsorge eine Option in der modernen ­Familienpla- nung ist, der mehr Selbstbestimmung zu Grunde liegt. Ein Arbeitgeber soll aber selbstverständlich nicht verpflichtet werden, hier einen Beitrag leisten zu müssen. Die Unterstützung durch den Arbeitgeber stellt aber sicherlich eine sinnvolle Option dar und gibt der Frau eine weitere Möglichkeit, selbst über ihren Körper entscheiden zu können – ähnlich, wie das bei der Pille bereits der Fall ist. Selbstverständlich kann man eine Frau ja auch nicht zur Einnahme der Pille zwingen.

Eine geplante, vorsorgliche Einlagerung von unbefruchteten Eizellen sollte jedoch auf gar keinen Fall bewusst dazu beitragen, eine Schwangerschaft nicht auch auf dem natürlichen Weg anzustreben.

 

Alberto Bondolfi

Eggfreezing ja oder nein? Meine Antwort ist klar: gar nicht! Ein Fachvertreter der Ethik soll sich aber nicht nur mit «Moralpredigten» begnügen, sondern auch argumentativ seine Position darlegen und untermauern. Das werde ich nun an dieser Stelle versuchen. In der Hoffnung, dass meine Argumente sowohl jungen Frauen als auch aufgeklärten Arbeitgeber/-innen einleuchten werden.

Eggfreezing – das Einfrieren von menschlichen Eizellen zwecks ihrer späteren Benutzung im Rahmen einer In-vitro-Fertilisation –  ist eine medizinische Praktik, welche erst im Entstehen begriffen ist. Aus rein medizinischer Perspektive können wir heute weder sagen, dass diese keine negativen Folgen hätte, noch, dass sie als unbedenklich einzustufen ist. Um medizinisch glaubwürdige Aussagen machen zu können, muss die Forschung erst weitere Ergebnisse vorlegen. Die Tatsache, dass wir noch in einer experimentellen Phase stehen, ist aber noch kein Argument, um diese Forschung ganz  und gar zu verbieten. Im Gegenteil: Sie soll weiter gepflegt werden. Dies im Rahmen der Regulierungen, die unser Land bereits getroffen hat. 

Eggfreezing hat sowohl mit dem Kinderwunsch als auch mit der Lebensplanung eines Paares zu tun. Insofern gehören beide Elemente zur Privatsphäre und sollten, so weit wie möglich, vor direkter Beeinflussung von aussen geschützt werden. Dies gilt vor allem für eine potenzielle Beeinflussung durch den Staat: Er überlässt zu Recht sowohl die Entscheidung, sich überhaupt Kinder zu wünschen, als auch die Frage nach deren Anzahl den jeweiligen Paaren und mischt sich in dieser Angelegenheit kaum ein. Nachdem die Kinder geboren worden sind, schützt der Staat ihr Leben dann, indem er auch versucht, gute Bedingungen für ihre Erziehung zu schaffen: Kinderkrippen, Kindergärten und andere Institutionen werden gefördert. Er erwartet ebenso zu Recht, dass private Organisationen dabei subsidiär auch helfen.

Wenn sich Arbeitgeber in diesem Bereich engagieren, ist das sicherlich lobenswert. Dieses Engagement soll aber nicht so weit gehen, dass bestimmte Formen des Fortpflanzungsver­haltens Gegenstand dieses Engagements werden sollen. Die Ein­mischung des Arbeitgebers in die persönliche Lebensführung der Mitarbeitenden geht eindeutig zu weit, da er über andere Instrumente verfügt, um die Karriere seiner Mitarbeitenden zu fördern.

Die Entscheidung im Dilemma zwischen Karriereplanung und Familiengründung muss den potenziellen Eltern durch andere, griffigere Massnahmen erleichtert werden. Mutterschafts- und auch Vaterschaftsurlaube sollten länger dauern, Krippenplätze leichter zugänglich gemacht werden und, und und.

Junge Eltern ihrerseits sollten auch alternative Karrieremuster pflegen. Das berufliche Leben soll nicht nur als eine immer steiler werdende Bergsteigung betrachtet werden. Man kann Glück auch im Wechsel und in flachen Hierarchien erfahren. Es ist zu hoffen, dass sowohl jungen Paaren als auch erfahrenen Arbeitgebern diese andere Sichtweise auf die Elternschaft einleuchten wird.

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Nicolas Zech leitet das IVF-Zentrum mit Hauptsitz im öster­reichischen Bregenz. Das Institut hat sich auf die Konservierung unbefruchteter menschlicher Eizellen spezialisiert und ­beschäftigt an sieben Standorten in sechs europäischen Ländern rund 140 Mitarbei­tende.

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Alberto Bondolfi ist emeritierter Professor für Ethik der Uni­ver­sität Genf und Gründungspräsident der schweizerischen ­Gesellschaft für biomedizinische Ethik.

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