Kolumne Tatort HR

Eingebildete Diktatoren

Aktuell entspricht es offenbar dem Zeitgeist, sich politisch inkorrekt für Diktaturen auszusprechen. Das Vertrauen in demokratische Entscheidungsprozesse ist auf einem Tiefstand, Freiheit ein nicht wirklich wahrgenommenes Gut.

Kürzlich hielt ich ein Webseminar zum Thema «Vom Mitarbeiter zum Mitentscheider» – das Ergebnis einer von uns durchgeführten Studie unter 11'880 Mitarbeitern in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. Dabei entwickelte sich eine Diskussion, wonach demokratische Entscheidungsprozesse in Unternehmen zu lange dauerten, zu keinen Ergebnissen führten und sowieso jeder nur auf seinen eigenen Vorteil achten würde.

Die Illusion der Diktatoren

Eine andere Erfahrung war ein Gespräch mit einem Firmengründer, der ein Unternehmen mit über 600 Mitarbeitern aufgebaut hat. Er fand unsere demokratischen Ansätze zwar spannend, sagte aber, er sehe sich im Unternehmen als Diktator. Und dass Mitarbeiter klare Linien schätzen würden.

Viele glauben heute noch, dass ein Vorgesetzter befehlen und kontrollieren kann. Unsere Arbeitswelt hat sich jedoch so verändert, dass dies in vielen Fällen nicht mehr oder nicht mehr mit vertretbarem Aufwand möglich ist.

Als ich im Webseminar nachfragte, ob sie in ihren Unternehmen Vorgesetzte kennen würden, die ihre Mitarbeiter einbeziehen bei Einstellungsentscheidungen, bei Beförderungen, bei Zieldefinitionen oder bei der Gestaltung der Arbeit, bejahte dies ein Grossteil. Interessanterweise sind dies nicht selten die langfristig erfolgreicheren Teams.

Demokratie heisst nicht «führungslos»

Und auch der selbstdeklarierte «Diktator» des zweiten Beispiels erzählte kurz darauf, wie er sicherstellte, dass sein Nachfolger die Tradition des Abschiedsapéros von ausscheidenden Mit­arbeitern hochhielt: Er gehe zu jedem Abschiedsapéro, weil man Kultur «vorleben» müsse. Meiner Erwiderung, dies sei aber kein besonders diktatorisches Vorgehen, da ein Diktator dies befehlen und Ungehorsam durch Exekution ­bestrafen würde, musste er lachend zustimmen.

Ein weitverbreitetes Missverständnis, dem auch wir lange unterlegen sind, ist die Frage der Führung in demokratischen Entscheidungsprozessen. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass demokratische Systeme eben gerade sehr starke Führungskräfte benötigen. Denn es braucht Leute, die sich Meinungen bilden und diese auch im Entscheidungsprozess vertreten. So gesehen bedeutet demokratische Führung in der Wirtschaft nicht, einfach für alle zu entscheiden, sondern die entscheidenden Leute zu überzeugen. Und genau dies ist heute in Unternehmen bereits Realität: Wenn ich nicht überzeugen kann, dann wird meine Entscheidung auch nicht (gut) passieren.

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Hermann Arnold ist Mitgründer und Verwaltungsratspräsident der Haufe-umantis AG, eines 
Anbieters von Talent- und Leistungsmanagement-Software.

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