Leadership

«Frauen kämpfen immer noch um Akzeptanz»

Wie hat sich der Arbeitsmarkt für Frauen in Kaderpositionen in den letzten Jahren entwickelt? Anita Reichmuth-Lienhard beobachtet den Arbeitsmarkt als Inhaberin einer Personalberatung seit über zehn Jahren. Im Interview spricht die Kaderfrau über dessen Entwicklungen – und gibt Tipps für Frauen, die Karriere machen wollen.

Frau Reichmuth-Lienhard, wie hat sich der Arbeitsmarkt in den letzten zehn Jahren für Frauen in Leitungspositionen entwickelt?

Anita Reichmuth-Lienhard: Der Arbeitsmarkt ist offener geworden – sicher auch aufgrund von politisch bedingten Entscheidungen. Ich spreche zum Beispiel die Frauenquote an, an welcher der Bundesrat festhalten will. Zudem sind heute Frauen besser ausgebildet als noch vor zehn Jahren. Dies belegt zum Beispiel auch eine Erhebung des Bundesamtes für Statistik bezüglich Eintritten in Fachhochschulen. Hieraus ist klar ersichtlich, dass der Frauenanteil von 2002 bis 2016 um rund 50 Prozent gestiegen ist.

Auch rücken Frauen immer mehr ab vom traditionellen Familienbild und haben öfter neben Familie auch den Wunsch, Karriere zu machen. Rückblickend kann ich sagen, dass wir in den letzten zwei bis drei Jahren vermehrt Frauen in Leitungspositionen vermittelt haben.

Für welche Stellen bzw. in welchen Branchen sind Frauen in Leitungspositionen gefragt?

Eigentlich in allen Branchen und durch alle Hierarchiestufen. Oft auch in denjenigen, in denen man dies gar nicht vermutet, wie zum Beispiel im Bau- und Immobilienbereich. Wir stellen fest, dass auch hier vermehrt nach Frauen in Leitungspositionen gefragt wird. Gemäss unseren Spezialisten in diesem Fachbereich möchten Kunden Frauen in Entscheidungsfunktionen anstellen, weil sie in diesem rauen Umfeld einen Gegenpol bilden und neue Sichtweisen einbringen.

Leider sind im technischen sowie im baulichen Umfeld Bewerberinnen für Leitungspositionen noch rar. Ein Studium im technischen Bereich ist leider auch heute bei Frauen eher weniger gefragt, was die Zahlen des Schweizerischen Hochschulsystems SHIS in der Erhebung des Bundesamtes für Statistik von 2017 zeigt. Im Gegensatz dazu können wir Führungspositionen in anderen Branchen des Öfteren mit Frauen besetzen. Das gilt vor allem für Stellen im HR- oder im Sozialbereich oder auch für Vakanzen in der Gesundheitsbranche.

In welche Bereiche werden Frauen in Leitungspositionen am meisten vermittelt?

Das ist generell schwierig zu sagen. Ich kann nur für uns sprechen: Wir haben in den letzten zehn Jahren rund 50 Prozent Frauen in Leitungspositionen im HR-Bereich vermittelt. Rund 12 Prozent machten Vermittlungen im Finanzumfeld und im Verkauf und Handel aus. Weitere 8 Prozent der Leitungsstellen konnten wir im Immobilienbereich mit Frauen besetzen. Dies sicher auch aufgrund unserer Spezialisierung in diesen Bereichen. Es fehlen da noch einige interessante Bereiche und Branchen, IT, Pharma, Chemie etc. in denen wir nicht spezifisch tätig sind.

Was hat sich bei den Vermittlungen über die vergangenen zehn Jahre geändert?

Die Bereitschaft von Unternehmen zu flexibleren Arbeitsmodellen auch in Leitungspositionen hat etwas zugenommen und nimmt weiter zu. Das können wir speziell bei Grosskonzernen beobachten. Aus unserer Erfahrung stellen wir jedoch fest, dass das Thema der flexiblen Arbeitszeitmodelle, vor allem im Leitungsbereich, noch keine Umsetzung gefunden hat. In Bezug auf Vermittlungen von Frauen in Leitungspositionen hat sich bei uns in den vergangenen zehn Jahren nicht viel geändert.

Mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen haben Frauen in Leitungspositionen auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen?

Aus meiner Sicht müssen Frauen in Leitungspositionen in vielen Branchen auch heute noch um ihre Akzeptanz kämpfen. Zudem gibt es in Leitungsfunktionen immer noch sehr wenige Teilzeitstellen – was jedoch für Mann und Frau zutrifft. Weiter habe ich das Gefühl, dass Frauen vielfach eine Führungsposition nicht zugetraut wird. Vielleicht auch deshalb, weil noch viele denken, dass eine Frau in einer solchen Positionen nicht hart genug durchgreifen kann und über zu wenig Durchsetzungsvermögen verfügt. Die grösste Herausforderung ist und bleibt die mögliche Schwangerschaft und damit verbunden das Freihalten der Leitungsfunktion während des Mutterschaftsurlaubs, ohne zu wissen, ob sie die Stelle anschliessend wieder im selben Pensum antreten kann und will.

Wie sollen Frauen mit diesen Herausforderungen umgehen?

Frauen sollten sich von Kritik nicht einschüchtern lassen. Ich erlebe häufig, dass Frauen unsicher werden, sobald etwas hinterfragt wird. Frauen in Kaderposition müssen sich eine dicke Haut zulegen und auf das eigene Gefühl vertrauen. Für Frauen, die gleichzeitig Familie und Karriere anstreben, heisst das Zauberwort aus meiner Sicht: Organisation. Dies mit Hilfe des Partners, der Familie, der Kita etc. – für höchstmöglichste Flexibilität und Einsatzbereitschaft.

Welche fünf Tipps können Sie Frauen geben, die Karriere machen wollen?

  1. Entwickeln Sie eine eigene, realistische Vorstellung von dem, was sie erreichen wollen. Visualisieren Sie Ihre eigenen Vorstellung.
  2. Hören Sie nicht zu viel auf die Meinungen anderer, lassen Sie sich nicht entmutigen und gehen Sie Ihren eigenen Weg.
  3. Machen Sie regelmässige Standortbestimmung und nehmen Sie sich Zeit für Selbstreflektion.
  4. Frauen die Karriere und Familie anstreben, sollten Beruf und Familie klar trennen können. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie wichtig es ist, dass man sich jeweils voll auf das eine oder das andere konzentrieren kann. Will man als Frau Karriere und Familie untere einen Hut bringen, muss man auch verzichten können.
  5. Bleiben Sie am Ball und bilden Sie sich laufend weiter. Heute gibt es gute Modelle, bei denen man dies auch nebenberuflich tun kann.

Zur Person

Anita Reichmuth-Lienhard ist die Inhaberin von Human Professional Personalberatung AG. Sie hat ihr Unternehmen 2007 gegründet. Es gehört heute, nach 10 Jahren, zu den führenden Personalberatungen in der Region Zürich und beschäftigt 20 Mitarbeitende.

 

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Antonia Fischer
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