4. Nationaler Home Office Day

Home Office: Es ist nicht alles Gold, was zuhause glänzt

Heute ist nationaler Home Office Day. Mit der Aktion soll auf die Vorteile von mobilem Arbeiten aufmerksam gemacht werden. Beim letzten Aktionstag 2012 beteiligten sich landesweit 67'500 Berufsleute. Dieses Jahr sollen es mehr sein. Das Potential ist damit aber bei weitem nicht ausgeschöpft. Experten schätzen, dass rund 450'000 Arbeitnehmende in der Schweiz regelmässig im Home Office arbeiten könnten. Das Resultat wären zufriedenere Angestellte, weniger Umweltbelastungen durch den Rückgang der motorisierten Pendlerströme, weniger überfüllte Nahverkehrsmittel. Hört sich perfekt an. Es gibt aber auch Nachteile. Kritiker warnen denn auch davor, den Trend Home Office zu glorifizieren. 

Zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten rückt immer stärker in den Mittelpunkt des Diskurses rund um die sich wandelnde Berufswelt.

Nicht nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren davon, auch die Wirtschaft könnte durch die Forcierung flexiblerer Arbeitsweisen ihre Produktivität steigern. Der 4. nationale Home Office Day soll die Möglichkeiten dieser Arbeitsform einer grösseren Öffentlichkeit näher bringen. Die Aktion sei als Aufruf zu verstehen, sagen die Initianten, um an diesem Tag und darüber hinaus regelmässig zu Hause zu arbeiten.

Arbeitnehmende sind zufriedener

Home Office und mobile Arbeitsformen leisten einen wesentlichen Beitrag zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit, so die Lehrmeinung. Darüber hinaus erhöhe es «erwiesenermassen» die Produktivität der Unternehmen und reduziert den Pendlerverkehr, was den CO2-Ausstoss verringert. HR-Experte Matthias Moelleney pflichtet dem bei. «Arbeitnehmende sind in ihrer Lebensgestaltung flexibler. Der Beruf und die Familie lassen sich damit wesentlich besser vereinbaren.»

Das «Vorzeige-Unternehmen» in Sachen Home Office in der Schweiz ist das Software-Unternehmen Microsoft im zürcherischen Wallisellen. Seit zwei Jahren gehört Home Office zum normalen Arbeitsalltag. Stempeluhren und Anwesenheitskontrollen durch die Chefs - im Büroslang auch Anwesenheitswahn genannt - kennt man hier nicht (mehr). Der Arbeitgeber stellt den Angstellten frei, wann und ob sie überhaupt ins Büro kommen. Die Arbeitszeit ist im Gleitsystem geregelt. Blockzeiten gibts nicht mehr. Im Schnitt nutzen die Microsoftianer 1.5 Arbeitstage pro Woche, um von zuhause oder von sonstwo produktiv zu sein. Und vor allem letzteres seien sie, erklärte Microsoft-Pressesprecherin Barbara Josef unlängst gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Den Vertrauensvorschub, den der Arbeitgeber seinen Angestellten leistet, würden diese nicht missbrauchen. Bei Mircosoft kann man sich eine Rückkehr zum Präsenzzeiten-Modell nicht vorstellen. Der moderne Software-Firma-Angestellte würde sich hierfür kaum eignen. Bei Microsoft ist die Y-Generation tonangebend: Jung, mobil, flexibel. Auf einen Chef, der mit der Stoppuhr in der Hand die Anwesenheit checkt, können die modernen Fachkräfte verzichten - und sie tun es auch.

Allerdings kommen alle gerne ins Büro - regelmässig. Als vor einiger Zeit Microsoft im Rahmen eines Umbauprojektes alle Angestellten für längere Zeit zum Arbeiten nach Hause schickte, sei schon nach wenigen Tagen Unzufriedenheit aufgekommen. Die Leute hätten einander vermisst. Der soziale Austausch bleibt damit eine wichtige Komponente - auch in der modernen, flexiblen Arbeitswelt.

450'000 Home Office-Worker im Land - jedenfalls theoretisch

Zwar gehen die grossen Initianten um den Home Office Day, die Swisscom, Witzig The Office Company und Microsoft nach eigenen Angaben davon aus, dass 450'000 Arbeitnehmende flexibel jobben könnten. Dennoch tun es regelmässig immer noch wenige im Land - und darüber hinaus eignet sich Home Office auch nicht für alle Berufstätigen in der Schweiz, wie auch Matthias Moelleney zugibt. «Am Konzept Home Office arbeitet die HR-Branche schon seit den 1980ern Jahren - als es noch kein mobiles Arbeiten mit Internet gab. Es ist wichtig, dass man Home Office nicht als Allheilmittel versteht, sondern als eine interessante Option, wie man modernes Arbeiten organisieren kann.»

Grenzen seien dem Arbeiten von zuhause aus vor allem durch die Art der Tätigkeit gesetzt. Einfach nachzuvollziehen, dass Tätigkeiten mit zwingender, physischer Präsenz gegenüber Kunden und Kollegen ungeeignet sind. Genannt seien Verkaufspersonal an der Front, Polizisten, Reinigungspersonal, Ärzte und andere. Aber auch Jobs, wo nicht virtuelle, sondern «echte» Arbeitsgeräte bedient werden müssen, fallen fürs Home Office aus. Auch im Zeitalter der Drohnen funktioniere ein Flugzeug eben (noch) nicht ohne die Piloten an Bord, Taxis führen nicht ohne Chauffeure und Häuser bauten sich nicht ohne Handwerker. «Tatsache ist aber, dass zahlreiche andere, dienstleistende Berufe zumindest teilweise im Home Office erledigt werden können», so Moelleney.

Arbeitgeber müssen Home Office wollen - nicht ertragen

Für die Realisierung des neuen Arbeitstrends sind aber auch Rahmenbedingungen notwendig. Es braucht dazu innerhalb der Unternehmen das entsprechende Vertrauen sowie Ergebnisorientierung, meint Barbara Kellner, Consultant Human Capital bei Deloitte. «Home & Mobile Working wird immer wichtiger, doch wo eine Präsenzkultur vorherrscht, kann mobiles Arbeiten nicht funktionieren». Und Matthias Moelleney fügt hinzu: «Ich sehe Home Office nicht als Megatrend an, dem alle ohne Einschränkungen folgen müssen. Vielmehr ist es eine Ergänzung zu klassischen Arbeitsmodellen. Ein gutes HR sorgt denn auch dafür, dass für jeden Arbeitsplatz und jedes Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbedürfnis die passenden und angemessenen Optionen zur Arbeitszeitorganisation angeboten werden.»

Pendeln kostet Zeit und belastet Umwelt

Gleichzeitig hat das Arbeiten von zuhause und unterwegs aus viel mit Selbstverantwortung zu tun, sagt Sandra Micko, HR Director bei Microsoft Österreich. Mitarbeiter wüssten, was von ihnen verlangt werde und was sie leisten können. Einen Handlungsbedarf sieht sie beim gesetzlich geregelten Aufschreiben von Arbeitszeiten. Micko plädiert für eine Flexibilisierung, wie sie in der Schweiz bereits politisch in der Pipeline ist.

Trotz der rapiden Digitalisierung brauche die Transformation in Richtung modernes Arbeiten jedoch noch Zeit. Pro Tag pendeln Schweizerinnen und Schweizer 24 Kilometer zur Arbeit und zurück - über zwei Drittel der Werktätigen setzen sich deshalb ins eigene Auto. Die Minderheit benutzt das ÖV-Angebot, eine Randgruppe zum Beispiel Fahrräder.

Beim Pendeln kann man sich allerdings weder erholen noch produktiv sein. Täglich gehen dadurch mehrere hundert Mann/Frau-Jahre verloren und erzeugen immense Umweltbelastungen.

... und arbeiten, ohne Kollegen, belastet die Gesundheit

Es ist nicht alles Gold, was von zuhause aus arbeitend glänzt. Im Gegenteil. Skeptiker führen zu Recht ins Feld, dass Home Office gesundheitlich nicht unumstritten ist. Eine Studie der Suva hat ergeben, dass die fehlende Abgrenzung von Privat- und Berufsleben in den eigenen vier Wänden zu Stress und neuen Berufskrankheiten führen kann. Das Gefühl, dadurch selbst im eigenen Bad für den Arbeitgeber verfügbar zu sein, kann auf mehr als auf die Laune und den Magen schlagen. Schliesslich sind Angestellte, die im Home Office tätig sind, oft auch bereit, mehr zu leisten und damit länger zu arbeiten als nötig und erwünscht.

Weitere Artikel, Meinungs-Inhalte und Checklisten zum Thema Home Office finden Sie als Link-Tipps in der rechten Spalte. Zögern Sie auch nicht, uns und der HR-Community Ihre Meinung zum Thema in unserer Umfrage zu verraten! Das geht auch von zuhause aus, falls Sie gerade am Stubentisch sitzen...

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