Unconscious Bias

«HR muss bei sich selbst anfangen»

Kristen Pressner ist Global Head of Human Resources bei Roche Diagnostics. An der Unleash-Konferenz in London spricht sie darüber, wie uns unser Hirn austrickst und was wir dagegen tun können.

Frau Pressner, Sie halten an der Unleash Konferenz im März ein Referat über «Unconscious Bias», also unbewusste Vorurteile und Stereotype. Was verstehen Sie darunter?

Kristen Pressner: Unser Gehirn muss ständig Informationen verarbeiten. Damit es das schafft, sucht es nach Mustern und filtert die Informationen heraus, die es als wichtig erachtet. So vereinfacht es komplexe Informationen für uns. Diese Vereinfachungen sind nicht per se schlecht! Ohne sie müssten wir viel zu viele Informationen bewusst verarbeiten. Stellen Sie sich vor, Sie müssten jedes Mal bewusst über ihre Handlung nachdenken, wenn Sie eine Tür öffnen.

Allerdings haben solche Vereinfachungen auch einen Nachteil. Die Muster basieren nämlich auf unseren bisherigen Erfahrungen. Und das Ganze spielt sich im Hintergrund unseres Gehirns ab. Das wiederum kann dazu führen, dass unser Verhalten dem wiederspricht, wer wir zu sein glauben oder wer wir sein wollen – ohne dass wir das merken. Zum Beispiel, wenn wir Männer für bessere Führungskräfte halten als Frauen oder wenn wir eher Kandidaten einstellen, die uns ähnlich sind.

Welche negativen Auswirkungen hat das auf Unternehmen?

Wenn sich Mitarbeitende nicht akzeptiert und inkludiert fühlen, verlassen sie früher oder später das Unternehmen. Es können ganz subtile Nuancen im Verhalten sein, die einzelnen Mitarbeitenden das Gefühl geben, dass ihre Vorgesetzten nicht das gleiche Potential in ihnen sehen wie in ihren Kollegen. Das löst das Gefühl von fehlender Wertschätzung aus. Das wiederum führt dazu, dass Leute sich weniger für Ihr Unternehmen engagieren und möglicherweise nur noch das Nötigste tun.

Bei einem stark innovationsgetriebenen Unternehmen wie Roche ist es besonders wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen. Inklusion und Akzeptanz sind hier die Schlüssel. Wenn sie nicht gegeben sind, gibt es weniger Leidenschaft, weniger Sinnhaftigkeit, weniger gelebtes Potential. Unbewusste Vorurteile und Stereotype sind eine grosse Sache – und sie halten sehr viel Potential zurück.

UNLEASH Konferenz und Messe in London

20. und 21. März, Exhibition Centre London. www.unleashgroup.io/london

Welche Rolle spielen unbewusste Vorurteile im HR?

Hier wird es richtig interessant. Ich glaube, dass im HR unbewusst sehr stark der Glaube verankert ist, nur eine Supportfunktion zu sein gegenüber dem «echten» Business. Würden wir uns stattdessen als treibende Kraft in der nächsten industriellen Revolution sehen, müssten wir unsere Dienstleisterrolle verlassen und beginnen, das Unternehmen mitzugestalten und zu transformieren. Denn das kann nur HR. Wir als HR können uns als Funktion etablieren, die für den künftigen Erfolg des Unternehmens unentbehrlich ist. 

Was kann man gegen unbewusste Vorurteile tun?

Das ist schwierig, weil sie ja unbewusst sind. Der Schlüssel ist, bewusste Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel nach der Methode «Flip it to test it»: Wenn beispielsweise eine Frau im Interview auf Sie arrogant wirkt – fragen Sie sich, ob das auch der Fall wäre bei einem Mann. Das ist ein schneller und wirkungsvoller Weg, zu einer bewussten Entscheidung zu gelangen.

Kristen Pressier erklärt in diesem TEDx-Talk, wie wir unsere verborgenen Vorteile aufdecken und was wir gegen sie tun können:

Welche Rolle soll HR einnehmen, wenn es um unbewusste Vorurteile geht?

HR muss bei sich selbst anfangen. Unbewusste Vorurteile sind in jedem Menschen verankert. Auch bei HR-Leuten. Der erste Schritt ist, dies zu erkennen und den unbewussten Vorurteilen mit bewussten Massnahmen entgegenzuwirken. Als nächstes müssen wir unserem Unternehmen helfen zu verstehen, dass wir in Zukunft nur erfolgreich sein können, wenn wir das Potential aller Menschen nutzen. Dafür müssen wir bewusste Schritte unternehmen, damit uns unsere unbewussten Vorurteile nicht zurückhalten.

Hier kann es schwierig werden. Denn obwohl Unconscious-Bias-Trainings im Trend liegen, zeigen einige Forschungsergebnisse, dass solche Trainings wirkungslos sein oder sogar negative Auswirkungen haben können. Trotzdem ist es wichtig, das Thema auf den Tisch zu bringen, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Ein solcher Trend schafft gute Voraussetzungen dafür.

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Antonia Fischer

Leiterin Online-Redaktion, HR Today. af@hrtoday.ch

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