Heft 7&8/2015: Porträt

Probus Scafusia

Probus Scafusia – «Bewährtes aus Schaffhausen» – das 1903 geprägte Qualitätsversprechen der «International Watch Company» ist auch für deren HR-Chefin Jenny Dinich-Seitner Leitlinie ihres Schaffens. Genauso wie die Zeiger der noblen Uhren vom Rheinfall dreht sich aber auch die Welt immer weiter. IWC hat Bewährtes mit Neuem verbunden – und  ist mittlerweile vom Nischenplayer zur globalen Marke avanciert. Eng begleitet durch die HR-Chefin und ihr Team.

Schon in ihrer ersten Arbeitswoche bei IWC durfte Jenny Dinich-Seitner ihre Kompetenz unter Beweis stellen. Und sie bekam es gleich mit einem Mitglied der renommierten «IWC-Ingenieur-Familie» zu tun. Klaglos liess sich dieses von der charmanten Wienerin vor versammelter Mannschaft demontieren und hernach wieder neu aufbauen. Wer hier eine abermalige Assessment-Übung vermutet, liegt falsch. Der vermeintliche «Ingenieur» war keine Fachkraft sondern eine mit etlichen technischen Raffinessen versehene Uhr. Die traditionsreiche Schaffhauser Uhrenmanufaktur legt grossen Wert darauf, dass ausnahmslos alle neu eintretenden Mitarbeitenden an einem Uhrmacherkurs teilnehmen. Unter Aufsicht von erfahrenen Uhrmachern wird jeweils am Prototypen einer IWC-Uhr gearbeitet: «Dieser detaillierte Einblick in die Welt der Uhrmacherkunst soll auch unsere Mitarbeitenden, die nicht direkt am Produkt arbeiten, auf dieses einschwören», beschreibt Jenny Dinich-Seitner die nicht alltägliche Einführungsveranstaltung begeistert.

Zur Person

Jenny Dinich-Seitner (45) ist seit drei Jahren oberste HR-Chefin und Mitglied der Geschäftsleitung bei IWC. Bevor die promovierte Psychologin nach Schaffhausen und in die Luxusgüterbranche wechselte, zeichnete sie während rund dreieinhalb Jahren für Microsoft Österreich als oberste Personalchefin verantwortlich. Zuvor war sie als Director Human Resources bei Western Union Financial Services 
sowie als Human Resources Manager bei Tiscover AG, einem Startup-Unternehmen in der Technologiebranche, tätig. Die gebürtige Australierin ist polyglott unterwegs und spricht neben den beiden Muttersprachen auch Französisch, Spanisch und Italienisch. Jenny Dinich-Seitner hat ein Faible für Musik, Kultur(en) und entspannt sich bei fesselnder Buchlektüre, Yoga und beim Wandern. Sie ist verheiratet und wohnt im Zürcherischen Flurlingen.

Reputation dank lokaler Verbundenheit

Die Reputation der Schaffhauser Marke gründet nicht zuletzt in der Tatsache, dass ihre aktuell 120 hochqualifizierten Uhrmacher – nicht wenige davon im Unternehmen ausgebildet – komplexe Techniken, wie die Minutenrepetition, das Tourbillon und den ewigen Kalender in der ganzen Fertigungstiefe beherrschen. Jenny Dinich-Seitner trägt ihre persönliche Uhr denn auch mit Stolz. Die gebürtige Australierin ist seit rund drei Jahren oberste Personalchefin und hat Einsitz in der Geschäftsleitung des Unternehmens, das seit 15 Jahren zum Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont gehört. Sie führt ein elfköpfiges Team von HR-Spezialisten und trägt die Verantwortung für die 1250 rund um den Globus stationierten Mitarbeitenden, die sich mit der Entwicklung, Herstellung und dem Vertrieb der edlen Zeitmesser beschäftigen.

Dazu gehören auch 1000 Verkaufsstellen weltweit und 90 Boutiquen in Metropolen wie New York, Peking, Dubai, Paris und Moskau. «Wir sind zu einem grossen Mass zentralistisch organisiert», erklärt die promovierte Arbeitspsychologin. So befinden sich alle Produktionsstätten ausnahmslos im Kanton Schaffhausen. Sowohl die momentane Produktionsstätte in Neuhausen und das geplante Produktions- und Technologiezentrum im Merishausertal am Stadtrand von Schaffhausen, wie auch die modernen Neubauten Ost und West, die vor einigen Jahren an den 1875 errichteten Stammsitz, der sich in der Altstadt, in unmittelbarer Nähe des Rheins befindet, angebaut wurden. «Einzig unsere Verkaufsstellen sind international ausgerichtet. Deshalb rekrutieren wir die grosse Mehrzahl an neuen Mitarbeitern nach wie vor lokal.» Diversität ist dabei ein zentrales Thema, so die Personalchefin: «Wir beschäftigen Mitarbeitende aus über 50 Ländern. Allein in der Schweiz arbeiten Kollegen aus 33 Nationen zusammen.»

Mit 648 Frauen ist der weibliche Anteil der Belegschaft zudem erstaunlich hoch. Gleiches gilt für den Anteil auf Führungsebene. Jeder fünfte IWC-Manager ist eine Frau. In der Geschäftsleitung beträgt der Frauenanteil gar 50 Prozent. Das würde man in einer Branche wie der Uhrenindustrie und bei einem Unternehmen, das seine Produkte noch vor wenigen Jahren konsequent als Männeruhren positionierte, nicht unbedingt vermuten.

Eng begleiteter Transformationsprozess

Fragt man Jenny Dinich-Seitner nach ihren grössten Herausforderungen, kommt sie auf den Wandel weg vom traditionellen Industriebetrieb hin zum globalen Unternehmen zu sprechen:  «In ein paar Jahren wird die Hälfte unserer Mitarbeitenden in der Schweiz und die andere Hälfte weltweit tätig sein.» In diesem Spannungsfeld würden sich jedoch alle global tätigen Unternehmen bewegen. Und das HR-Management könne seinen gewichtigen Anteil zur erfolgreichen Umsetzung beitragen und dürfe deshalb nicht zum «Verwaltungsapparat» degradiert werden. Damit diese Transformation gelingen könne, sei die Weiterbildung der Belegschaft ein essenzieller Teil der Personalarbeit: «Die Qualität unserer Uhren hängt 
von hochqualifizierten Uhrmachern und von engagierten Mitarbeitenden ab.»

Um diese für die sich ständig ändernden beruflichen Anforderungen zu wappnen, hätten kontinuierliches Lernen und die ständige Weiterentwicklung im Unternehmen einen hohen Stellenwert: «Unser Mitarbeiterentwicklungsprogramm basiert auf einer 70-20-10-Formel. Das heisst, dass 70 Prozent der Weiterbildung im Rahmen der täglichen Arbeit, 20 Prozent durch Selbststudium und 10 Prozent durch gezielte Schulung erfolgen.» HR und Linie würden bei IWC dabei «Hand in Hand» arbeiten, sich an regelmässigen Treffen über Entwicklungen des wirtschaftlichen Umfelds austauschen – auch im Personalbereich.

Familie schlägt Kursturbulenzen

So hat der Entscheid der Nationalbank, die Anbindung des Schweizer Frankens an den Euro aufzuheben, auch für die Uhrenmacher aus Schaffhausen das Wirtschaften nicht einfacher gemacht: «Wir mussten uns die Frage stellen, wie wir kompetitiv bleiben können. Weil wir in unserer Branchen dezidiert für das Versprechen ‹swiss made› einstehen, können und wollen wir die Produktion nicht einfach ins Ausland verlegen», erklärt Jenny Dinich-Seitner. Mehr als 90 Prozent der IWC-Uhrenkomponenten würden in der Schweiz hergestellt oder montiert, davon mehr als die Hälfte in Eigenfertigung in Schaffhausen. Deshalb ist für Jenny Dinich-Seitner klar: «Wir sichern die Arbeitsplätze hier in der Schweiz. Radikale Massnahmen wie Stellenabbau, Lohnangleichungen oder die damit einhergehenden Kosten unseren Kunden aufzubürden, stehen für uns nicht zur Diskussion.» Deshalb würde IWC diese stürmischen Zeiten nutzen, um sich intern einfach noch effizienter und straffer zu organisieren. Auch bei grösseren Investitionsentscheiden prüfe man selbstverständlich, ob diese auch später getätigt werden können.

Dabei kann die Firma auf den Rückhalt der Belegschaft bauen. Am Rheinfall werden Werte wie die Identifikation mit dem Arbeitgeber und familiärer Zusammenhalt nach wie vor in Ehren gehalten. Nicht nur die verschiedenen Uhrenmodelle werden einzelnen Produktefamilien zugeordnet, auch die Belegschaft ist durch Dynastien geprägt: «Es finden sich bei uns einige Mitarbeitende mit 25-, 30- oder gar 40-jähriger Firmenzugehörigkeit», erzählt Jenny Dinich-Seitner sichtlich beeindruckt. «Im Neuhausener Werk arbeiten gar drei Generationen der selben Familie.» Das kenne sie als Österreicherin und auch aus ihren früheren Stationen als HR-Managerin in grossen internationalen Unternehmen so nicht.

Deshalb freut sie sich, dass auch der Nachwuchs dieser langjährigen Mitarbeitenden IWC immer wieder als attraktive Arbeitgeberin entdeckt. Dabei sind die Bestrebungen von IWC in Sachen Diversität und Chancengleichheit besonders hervorzuheben. So erhalten bei IWC alle Väter bei der Geburt eines Kindes zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub – obwohl in der Schweiz lediglich ein bezahlter Urlaubstag üblich ist. «Auf Wunsch können Väter und Mütter nach der Geburt eines Kindes oder bei einer Adoption auch einen unbezahlten Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen», fügt Jenny Dinich-Seitner hinzu. Darüber hinaus unterstütze man Eltern mit verschiedenen Angeboten darin, Berufs- und Familienleben zu vereinbaren. Auch bei Lohnfragen und Karriereperspektiven mache man keinen Unterschied zwischen Frau und Mann, erklärt die HR-Chefin: «Das war auch bei meinen früheren Arbeitgebern nicht anders. Ich bin hier sehr von der amerikanischen Schule geprägt.» Jenny Dinich-Seitners Miss Moneypenny bei IWC ist übrigens ein Mann: «Und das nicht aus Gründen der Diversität, sondern weil es einfach gepasst hat.»

Kühler Kopf und warmes Herz

Fragt man Jenny Dinich-Seitners Team, was es an ihr mag, wird man sofort auf ihre nie versiegende Energie hingewiesen, die jedoch ab und an auch überborden könne. Die Chefin bestätigt, dass es ihr manchmal nicht schnell genug gehen könne; es gäbe natürlich Aufgaben, die Zeit benötigten, um zu Ende gebracht zu werden. Anderes wiederum gerate nur dank Geschwindigkeit und Dynamik gut. Dinich-Seitner spreche zudem viel in Metaphern, was sehr geschätzt werde, denn das helfe gerade in herausfordernden Situationen, Dinge in einem anderen Licht zu sehen und eine Lösung zu finden. «Wir lachen viel zusammen», das ist Jenny Dinich-Seitner wichtig. Die Chefin wird nicht nur respektiert, sondern auch geschätzt. Solches Zeugnis kann übrigens auch Petra Jenner, ihre ehemalige Chefin bei Microsoft, ablegen, die auch heute noch in den höchsten Tönen von ihrer ehemaligen HR-Chefin schwärmt. 

Für Jenny Dinich-Seitner selber spielt der Fairplay-Gedanke eine zentrale Rolle im Leben. Ränkespiele sind ihr ein Greuel. Auch beruflich – vor allem, wenn es um Beförderungen, Salär- und Feedbackgespräche geht: «Ist es fair, ist es simpel, ist es mit Hausverstand gedacht?», diese Fragen stelle sie sich bei allem, was sie tue. Sie lasse sich nicht von HR-Modebegriffen wie «Change Management» oder «Leadership» den Kopf verdrehen. «Du wirst in deinem Leben nie etwas falsch machen, wenn Du mit kühlem Kopf und warmem Herz entscheidest» – diesen Rat habe ihr ein Lehrer vor rund 20 Jahren mit auf den Weg gegeben und sie sei damit immer gut gefahren.

Doch auch dynamische Managerinnen wie Jenny Dinich-Seitner brauchen ab und an Zeit, um die Batterien wieder aufzuladen. Das gelingt ihr während der Woche am besten, wenn sie hin und wieder dem Rheinufer entlang zu Fuss nach Hause geht. Denn sie möchte «eigentlich immer in Bewegung bleiben», sowohl körperlich als auch geistig und mental. Wirklich Ruhe und Entspannung findet sie in den Weinbergen der Wachau, vor den Toren Wiens, wo ihre Familie seit vielen Jahren ein Haus besitzt.

IWC

WC ist eine Schweizer Luxus-Uhrenmanufaktur mit Sitz in Schaffhausen. 
Das vom Amerikaner Florentine Ariosto Jones 1868 gegründete Unternehmen gehört seit dem Jahr 2000 dem Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont und beschäftigt rund 1250 Mitarbeitende. 
IWC ist ursprünglich die Abkürzung für International Watch Company. Die Bank Vontobel schätzt 
den Umsatz des Unternehmens auf rund 760 Millionen Schweizer Franken.

 

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