P.S.: Sicherere Prognosen durch KI?
Wie kann die Arbeitswelt von Morgen sinnig gestaltet werden? Und: Wird KI zu sichereren Prognosen des Morgens beitragen? Transformationsexperte David Bausch und Redaktor Robin Adrien Schwarz tauschen sich in analoger Form alle paar Wochen über die schöne digitale Arbeitswelt aus.

Was stellt KI mit unseren Zukunftsprognosen und der Arbeit an? (Bilder: David Bausch / Robin Adrien Schwarz / Laura Macias)
Lieber Robin,
zunächst muss ich etwas zu Deiner Handschrift loswerden: Ich finde sie grandios schön, aber zugleich wirklich anspruchsvoll zu lesen. Aber: Ich habe es – bestmöglich – geschafft! Vielleicht gehört genau das zu unserem Experiment dazu – das Zeitinvestment des Lesens ist höher, dafür kommen zugleich viel mehr spannende Gedanken, die ich mit Dir teilen möchte.
Was mir beim Lesen mindestens genauso gefallen hat, ist Dein philosophischer Blick auf Arbeit. Du bist gewissermaßen der Richard David Precht dieses Formats – die ähnliche Haarlänge habt ihr jedenfalls. :)

Ich merke, wie gut dieser Blick meine eher betriebswirtschaftliche und organisationale Perspektive ergänzt. Bei Deiner Kapitalismuskritik bin ich vermutlich etwas weniger pessimistisch. Wir sollten nicht vergessen, dass bestimmte kapitalistische Aspekte einen wertvollen Beitrag zur Wohlstandsentwicklung innerhalb der letzten 200 Jahre hatten. Die interessantere Frage ist für mich deshalb: Wie können wir innerhalb dieser Logik Arbeit menschlicher gestalten?
Bei Deiner Beschreibung von Arbeit sind mir zwei Begriffe direkt gedanklich gekommen. Du schreibst von Arbeit, die gelassen, beflügelnd, zwanglos und sinnstiftend ist. Gerade Letzteres halte ich für enorm wichtig. Wir wissen aus der Forschung ziemlich gut, wie eng erlebte Sinnhaftigkeit mit Engagement, Bindung und Zufriedenheit zusammenhängt, was sich direkt und positiv auf wirtschaftliche KPIs auswirkt.
Ich möchte eine Dimension ergänzen, die sich unmittelbar anschließt: Wirkung bzw. Wertschöpfung. Ich bin überzeugt, dass Menschen nicht nur verstehen wollen, warum ihre Arbeit sinnvoll ist, sondern auch, welchen Beitrag und Mehrwert sie leistet. Beides ist für mich kaum voneinander zu trennen.

Doch genau daran scheitern Organisationen erstaunlich häufig. Im Deloitte Human Capital Trends Report 2025 geben Beschäftigte an, 41% ihrer Arbeitszeit mit Tätigkeiten zu verbringen, die keinen echten Beitrag zur Wertschöpfung ihrer Organisation leisten. Rechnerisch sind das mehr als zwei Arbeitstage pro Woche. Wir arbeiten also viel, aber bringt uns das einen ebenso großen wirtschaftlichen Mehrwert? Über diese Unterscheidung müssen wir beide definitiv noch einmal schreiben.
Nun aber zu Deiner Frage nach Prognosen. Je länger ich mich mit unserer Arbeitswelt beschäftige, desto skeptischer werde ich gegenüber Menschen, die mir mit großer Gewissheit erklären, wie wir in 5-10 Jahren arbeiten werden.
Ein schönes Beispiel ist die berühmte Oxford-Studie von Frey und Osborne aus dem Jahr 2013. Hier identifizierten die Forscher für rund 47% der US-Beschäftigung ein sehr hohes Automatisierungspotenzial. Daraus wurde schnell die Erzählung vom massenhaften Jobverlust. Heute wissen wir: Zwischen dem, was technologisch möglich ist, und dem, was tatsächlich passiert, ist oft ein weiter Weg zu gehen, dessen Ende manchmal auch nie erreicht wird.

Ich glaube zudem, dass KI unsere Prognosen sicherlich verbessert. Gleichzeitig traue ich der vermeintlichen Präzision nicht uneingeschränkt. Eine menschliche Einschätzung erkennen wir als solche, wenn aber ein Algorithmus dagegen eine Kündigungswahrscheinlichkeit von 73,4% ausgibt, sieht Unsicherheit plötzlich verdammt präzise aus. Vielleicht ist genau das die Gefahr: Wir verwechseln bessere Berechnung mit größerer Gewissheit über die Zukunft.
Daher gebe ich die Frage etwas verändert an Dich zurück: Können wir in Organisationen überhaupt gut führen, wenn wir Unsicherheit als Problem betrachten, das wir beseitigen müssen? Wäre es nicht wirksamer, diesen Zustand als normalen Dauerzustand zu akzeptieren und zu lernen, besser damit umzugehen? Ich bin gespannt, was Du daraus machst, und freue mich auf Deinen Brief.
Herzliche Grüße aus Wiesbaden
David
