Analoge Briefe für die digitale Arbeitswelt

P.S.: Sicherere Prognosen durch KI?

Wie kann die Arbeitswelt von Morgen sinnig gestaltet werden? Und: Wird KI zu sichereren Prognosen des Morgens beitragen? Transformationsexperte David Bausch und Redaktor Robin Adrien Schwarz tauschen sich in analoger Form alle paar Wochen über die schöne digitale Arbeitswelt aus.

Lieber Robin, 

zunächst muss ich etwas zu Deiner Handschrift loswerden: Ich finde sie grandios schön, aber zugleich wirklich anspruchsvoll zu lesen. Aber: Ich habe es – bestmöglich – geschafft! Vielleicht gehört genau das zu unserem Experiment dazu – das Zeitinvestment des Lesens ist höher, dafür kommen zugleich viel mehr spannende Gedanken, die ich mit Dir teilen möchte. 

Was mir beim Lesen mindestens genauso gefallen hat, ist Dein philosophischer Blick auf Arbeit. Du bist gewissermaßen der Richard David Precht dieses Formats – die ähnliche Haarlänge habt ihr jedenfalls. :) 

Grafik auf dunkelrotem Hintergrund mit dem Logo „post.scriptum.“. Auf der linken Seite ist die erste Seite eines handschriftlich verfassten Briefes an „Lieber Robin“ abgebildet. Die rechte Seite zeigt eine Tischszene am Fenster mit einer Holzschatulle und zwei geöffneten handgeschriebenen Briefseiten.


Ich merke, wie gut dieser Blick meine eher betriebswirtschaftliche und organisationale Perspektive ergänzt. Bei Deiner Kapitalismuskritik bin ich vermutlich etwas weniger pessimistisch. Wir sollten nicht vergessen, dass bestimmte kapitalistische Aspekte einen wertvollen Beitrag zur Wohlstandsentwicklung innerhalb der letzten 200 Jahre hatten. Die interessantere Frage ist für mich deshalb: Wie können wir innerhalb dieser Logik Arbeit menschlicher gestalten? 

Bei Deiner Beschreibung von Arbeit sind mir zwei Begriffe direkt gedanklich gekommen. Du schreibst von Arbeit, die gelassen, beflügelnd, zwanglos und sinnstiftend ist. Gerade Letzteres halte ich für enorm wichtig. Wir wissen aus der Forschung ziemlich gut, wie eng erlebte Sinnhaftigkeit mit Engagement, Bindung und Zufriedenheit zusammenhängt, was sich direkt und positiv auf wirtschaftliche KPIs auswirkt. 

Ich möchte eine Dimension ergänzen, die sich unmittelbar anschließt: Wirkung bzw. Wertschöpfung. Ich bin überzeugt, dass Menschen nicht nur verstehen wollen, warum ihre Arbeit sinnvoll ist, sondern auch, welchen Beitrag und Mehrwert sie leistet. Beides ist für mich kaum voneinander zu trennen. 

Grafik auf dunkelrotem Hintergrund mit dem Logo „post.scriptum.“. Links ist die Folgeseite des handschriftlichen Briefes mit der Unterschrift „David“ zu sehen. Oben rechts sitzt der Mann nachdenklich beim Schreiben am Tisch, darunter ist eine Draufsicht auf den Holztisch mit Holzbox, Blumenvasen und zwei Briefbögen abgebildet.


Doch genau daran scheitern Organisationen erstaunlich häufig. Im Deloitte Human Capital Trends Report 2025 geben Beschäftigte an, 41% ihrer Arbeitszeit mit Tätigkeiten zu verbringen, die keinen echten Beitrag zur Wertschöpfung ihrer Organisation leisten. Rechnerisch sind das mehr als zwei Arbeitstage pro Woche. Wir arbeiten also viel, aber bringt uns das einen ebenso großen wirtschaftlichen Mehrwert? Über diese Unterscheidung müssen wir beide definitiv noch einmal schreiben. 

Nun aber zu Deiner Frage nach Prognosen. Je länger ich mich mit unserer Arbeitswelt beschäftige, desto skeptischer werde ich gegenüber Menschen, die mir mit großer Gewissheit erklären, wie wir in 5-10 Jahren arbeiten werden. 

Ein schönes Beispiel ist die berühmte Oxford-Studie von Frey und Osborne aus dem Jahr 2013. Hier identifizierten die Forscher für rund 47% der US-Beschäftigung ein sehr hohes Automatisierungspotenzial. Daraus wurde schnell die Erzählung vom massenhaften Jobverlust. Heute wissen wir: Zwischen dem, was technologisch möglich ist, und dem, was tatsächlich passiert, ist oft ein weiter Weg zu gehen, dessen Ende manchmal auch nie erreicht wird. 

Collage auf dunkelrotem Hintergrund mit dem Logo „post.scriptum.“. Das linke Bild zeigt ein Selfie des Mannes, der lächelnd einen frankierten Briefumschlag vor einen gelben Briefkasten hält, überlagert von einer Briefmarken-Grafik. Auf dem rechten Foto ist der Mann zu sehen, wie er den Brief in den gelben Postbriefkasten einwirft.


Ich glaube zudem, dass KI unsere Prognosen sicherlich verbessert. Gleichzeitig traue ich der vermeintlichen Präzision nicht uneingeschränkt. Eine menschliche Einschätzung erkennen wir als solche, wenn aber ein Algorithmus dagegen eine Kündigungswahrscheinlichkeit von 73,4% ausgibt, sieht Unsicherheit plötzlich verdammt präzise aus. Vielleicht ist genau das die Gefahr: Wir verwechseln bessere Berechnung mit größerer Gewissheit über die Zukunft. 

Daher gebe ich die Frage etwas verändert an Dich zurück: Können wir in Organisationen überhaupt gut führen, wenn wir Unsicherheit als Problem betrachten, das wir beseitigen müssen? Wäre es nicht wirksamer, diesen Zustand als normalen Dauerzustand zu akzeptieren und zu lernen, besser damit umzugehen? Ich bin gespannt, was Du daraus machst, und freue mich auf Deinen Brief. 

Herzliche Grüße aus Wiesbaden 

David

Grafik "Über das Format"
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Porträt einer Person mit mittellangem, leicht gewelltem Haar und Bart, vor einem neutralen, strukturierten Hintergrund. Die Person trägt ein Hemd mit kleinen Punkten, schaut leicht zur Seite und lächelt subtil. Das Bild ist in Schwarz-Weiss gehalten.

Robin Adrien Schwarz ist Online-Redaktor bei HR Today. Er befasst sich vor allem mit Themen am Überschneidungspunkt von Politik, Gesellschaft und Technologie. rs@hrtoday.ch

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Ein freundlich lächelnder Mann mit kurzen braunen Haaren und Dreitagebart schaut direkt in die Kamera. Er trägt ein weißes T-Shirt unter einem grauen Sakko mit weißem Einstecktuch und hält die Hände locker vor dem Körper zusammengesteckt. Er steht in einem Säulengang mit terrakottafarbenen Wänden und verschwommenem Hintergrund.

Dr. David Bausch ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, Organisationsberater und Experte für die Transformation der Arbeitswelt. Er ist Autor der Bücher «Digitaler Stress» und «Das Ende der Arbeitswelt, wie wir sie kannten»  

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