Porträt

Auf Erfolgsschienen

Christoph Suter steuert seit Februar 2014 das HR beim Zugbauer Stadler Rail. Innert eines Jahres hat er es geschafft, seinen Verantwortungsbereich von der klassischen Personaladministration zum Businesspartner auszubauen. Volle Auftragsbücher und ein ausgetrockneter Arbeitsmarkt halten ihn jedoch weiter in Fahrt. So muss er derzeit ein Team mit rund 60 Ingenieuren aufgleisen.

«Jeder Pendler weiss, was wir herstellen, und ist, sobald er Zug oder Tram fährt, auch Experte für unsere Produkte.» Für Christoph Suter ein grosser Ansporn, «den Passagieren der Kunden die Reise in unseren Schienenfahrzeugen so angenehm wie möglich zu gestalten». In druckreifem PR-Jargon – aber authentisch und überzeugend – eröffnet er das Gespräch in den verglasten Repräsentationsräumlichkeiten der Unternehmenszentrale in Bussnang.

In der mit Riegelhäusern garnierten thurgauisch-bäuerlichen Kulturlandschaft gleicht der futuristische Industriekomplex auf den ersten Blick einer Forschungsstation auf dem Mars, denn er wirkt fast wie ein Fremdkörper. «Es ist etwas gegangen, seit unser Inhaber Peter Spuhler das Werk vor 25 Jahren übernommen hat.» Der ehemalige SVP-Nationalrat und Eishockeyspieler hat in der Tat Beachtliches aus dem Boden gestampft. 1989 waren im thurgauischen Mutterwerk noch 18 Mitarbeitende angestellt, aktuell sind es rund 1800 in Bussnang und 6000 weltweit.

Zur Person

Christoph Suter (46) wechselte 2007 – nach rund ­14 Berufsjahren beim Bund, zuletzt als Aus­bildungs­leiter der Schweizer Luftwaffe und einem Zwischenstopp beim St. Galler Zivilschutz – in die ­Privat­wirtschaft. Zunächst für zwei Jahre als stell­vertretender Leiter der Personalentwicklung beim Schweizer ­Maschinenbauer Oerlikon-Contraves, ­bevor er 2010 die Gesamtverantwortung für das HR des Kunststoff­technik-­Unternehmens Petroplast Vinora AG übernahm. Seit Februar 2014 ist der ­gelernte Elektroniker und diplomierte Personalleiter Leiter Human Resources und Mitglied der ­Geschäftsleitung der Stadler ­Buss­nang AG. Seine ­Batterien lädt der verheiratete Vater von zwei ­Töchtern gerne im Kreis der Familie und bei sportlicher Betätigung wieder auf.

Der Inhaber als Zugpferd

Der Laden läuft. Die SBB vergibt den Milliardenauftrag für die 29 bestellten Neat-Züge nun definitiv an Stadler, nachdem der spanische Konkurrent Talgo vergangenen November entschieden hat, den vom Bundesverwaltungsgericht legitimierten Zuschlag nicht mehr vor Bundesgericht anzufechten. Und ein Vertragsabschluss über 58 Züge mit den Niederländischen Bahnen steht unmittelbar bevor.

Mit seinem Motto «Geht nicht, gibt’s nicht!» präge Inhaber Spuhler die Geisteshaltung massgeblich, erklärt Christoph ­Suter. Der markige Unternehmer könne die Mitarbeitenden begeistern, fordere aber auch viel: «Stadler ist eine Patron-­geführte Firma – im besten Sinne», schiebt HR-Chef Suter nach.

Natürlich gibt es ab und an auch Entscheide von «ganz oben», mit denen Christoph Suter nicht ganz einverstanden ist: «Ich war aber genügend lange in der Armee, um zu wissen, dass in solchen Situationen der Chef das Sagen hat und die gegebenen Anweisungen somit umgesetzt werden müssen. Wenn unser Inhaber das so will, dann wird das auch so gemacht – mit allen Konsequenzen.»

Das bedeute jedoch keineswegs, dass er als HR-Chef nur ein höriger Befehlsempfänger sei. Denn der Patron verschliesse sich der HR-Expertise mitnichten: «Kürzlich ging es darum, neue Kaderverträge auszuhandeln. Wir HR-Leiter besprachen uns deshalb oft mit Peter Spuhler, bevor er dann einen Entscheid fasste – der ganz in unserem Sinne war», so Suter.

Vor Luxusprobleme gestellt

Die Personalführung wird beim grössten Schweizer Zugbauer – obwohl dezentral organisiert – pragmatisch schlank gehalten. Jede der fünf Schweizer Niederlassungen hat ihren eigenen HR-Chef. In Bussnang, wo Christoph Suter das HR verantwortet, umfasst die Personaladministration lediglich acht Stellen für Personalbereichsverantwortliche und Assistenten. Diese betreuen die 1800 Mitarbeitenden von der Rekrutierung bis hin zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Suters HR-Team wird komplettiert durch einen Case-Manager, einen Lehrlingsverantwortlichen, und eine weitere, für die Expats verantwortliche Mitarbeiterin, denn «es sind immer rund 100 Mitarbeitende aus Bussnang in der Welt unterwegs, die betreut werden müssen».

Herausfordernd sei vor allem die Rekrutierung der vielen spezialisierten Berufsleute: «Der gute Geschäftsgang und die vielen neuen Aufträge konfrontieren uns immer wieder aufs Neue mit der Herausforderung, innert kürzester Zeit neue Mitarbeitende zu finden.» So muss Suter, um den neuen Auftrag der SBB vertragsgerecht zu erfüllen, derzeit ein Ingenieur-Team mit rund 60 Stellen aus dem Hut zaubern. Fachspezialisten, die auf dem hiesigen Markt «leider recht schwierig» zu finden seien.

Dem gebürtigen Schaffhauser ist dabei durchaus bewusst, dass er damit ein «Luxusproblem» hat: «Weil ich entweder keine Leute finde – oder jemanden an Bord holen muss, der etwa freiwillig ein Jahr lang für uns in Algerien arbeitet.» Das sei zwar eine Herausforderung, aber wesentlich angenehmer, als Mitarbeitende entlassen zu müssen.

Die Mischung macht’s

Insofern spürt der grösste Bussnanger Arbeitgeber den Fachkräftemangel sehr wohl. Vor allem, wenn es darum geht, erfahrene Berufsleute zu gewinnen. «Wir gehen diese Herausforderung aber proaktiv an, inserieren in den klassischen Print-Medien, arbeiten mit Headhuntern und Personalvermittlungsbüros zusammen und sind auch auf allen ‹wichtigen› Online-Plattformen vertreten.»

Der Pool an Fachkräften sei jedoch sehr überschaubar und die exponierte geografische Lage vereinfache die Sache auch nicht. «Viele Fachspezialisten müssen wir im Ausland rekrutieren, weil wir sie in der Schweiz leider nicht finden.» Wohl auch deshalb verfolgt das Unternehmen, laut einem Bericht des Ostschweizer SRF-Regionaljournals von Anfang Januar, neuerdings zusätzlich einen unkon­ventionellen Ansatz – und baut bei der Personalsuche auch auf die eigene Belegschaft. Können Mitarbeitende die begehr­ten Fachkräfte vermitteln, erhalten sie eine Prämie von 2000 Franken.

Neben der Diversität der Herkunft sind die altersmässig optimale Durchmischung der Teams und die Entwicklung einer entsprechenden Kultur – gerade in Wachstumsphasen – ein grosses Anliegen von Christoph Suter. Im Feld des Retention-Managements gebe es noch einiges zu tun, meint Suter: «Bis anhin haben wir das Talent­management und auch die Nachfolgeplanung noch nicht optimal gehandhabt. So waren wir zwar erfolgreich im Hochschulmarketing, aber es gelang uns nicht genügend, diesen Talenten langfristige Karrieremodelle aufzuzeigen, und was bei uns sowohl führungs- als auch fach­spezifisch alles möglich ist.» Inzwischen wurden bereits erste Strukturen und Prozesse etabliert, um dieses Manko zu beheben. So hat Peter Spuhler zwölf Prozent der Aktien für sein Kader freigegeben. Dadurch werde dieses in die unternehmerische Verantwortung eingebunden, partizipiere als Miteigentümer am Erfolg und identifiziere sich so noch mehr mit der Firma. «Das Ganze ist als ­Bonus-System konzipiert. Unsere Mitarbeitenden können sich die Aktien mit speziellen Leistungen erarbeiten. Beim Austritt müssen diese jedoch an die Firma zurückverkauft werden.»

Wie ernst es dem Bussnanger Ehrenbürger Spuhler mit seinem Engagement ist, zeigt sich gerade aktuell – im Kampf gegen die Auswirkungen des starken Frankens. Wie diversen Medienberichten zu entnehmen ist, kommen Lohnkürzungen für den Patron nicht in Frage. Zur Diskussion stehe allenfalls eine Anhebung der Wochenarbeitszeit.

Militärisch, aber nicht stur

Emphatisch, geradlinig und konsequent lenkt auch HR-Chef Suter seinen Verantwortungsbereich. Fragt man ihn nach seinem Führungsstil, lautet die Antwort zwar: «Eher militärisch – aber im besten Sinn.» Er sei beileibe kein humorloser Militärkopf. Das würden ihm ehemalige und aktuelle Mitarbeitende immer wieder attestieren. «Sie schätzen meine wohlwollende, fordernde, aber auch fördernde Art», meint Christoph Suter erfreut. Sich selbst beschreibt er als zuverlässig, loyal, vertrauenswürdig und pünktlich. In der Armee habe er gelernt, Menschen zu führen und für eine Sache zu begeistern. Prägend für Suter waren vor allem die sieben Jahre als Bataillonskommandant – und sein halbjähriger Auslandseinsatz bei den Gelbmützen in Bosnien.

Die Schweizer Armee steht auch am Anfang von Suters beruflicher Vita. So war der gelernte Elektroniker ab 1991 zunächst Ausbildungsleiter beim Bundesamt für Militärflugplätze, wo er für die Ausbildung des gesamten Bodenpersonals verantwortlich zeichnete. Nach 14 Jahren bei der Armee amtierte er dreieinhalb Jahre als Ausbildungschef im Zivilschutz des Kantons St. Gallen, bevor er 2007 als Personalentwickler bei Oerlikon-Contraves den Schritt in die Privatwirtschaft wagte. «Mir wurde jedoch nach knapp zwei Jahren gekündigt, weil Stellen abgebaut werden mussten.» Für Suter im Nachhinein eine wertvolle Erfahrung, «denn ich spürte am eigenen Leib, dass in der freien Wirtschaft eine steifere Brise weht, als zuvor bei Bund und Kanton». Er wisse so «aus erster Hand, was man in einer derart schwierigen Situation wie einer Kündigung durchmacht».

Bereits nach kurzer Zeit öffnete sich damals für Chris­toph Suter eine neue Türe – als HR-Leiter bei Petroplast Vinora, einem Unternehmen im Bereich der Kunststofftechnik. Bevor er die Herausforderung bei Stadler annahm, war er zudem bei HRM Systems, einem Versicherungsdienstleister, als Berater für Absenzenmanagement tätig.

Am Zielort angekommen

«Bei Stadler habe ich meinen Traumjob gefunden», sagt der Mittvierziger. Seit Februar 2014 im Amt, fühlt er sich gefordert. Denn hier sei der Fahrplan doppelt so dynamisch getaktet wie bei anderen Unternehmen. Seine meist zehnstündigen Arbeitstage sind vollgepackt mit Sitzungen, Bewerbungsgesprächen und dem Coaching der Mitarbeitenden. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass sein Motor ständig mit hoher Drehzahl läuft: «Ich starte gerne neue Projekte oder sage meine Mitarbeit zu. Am liebsten gleich bei mehreren parallel.» Dieses Multitasking sieht er als eine seiner Stärken, gleichzeitig aber auch als Schwäche: «Mir ist im ersten Moment oft nicht bewusst, dass auch meine Kapazitäten begrenzt sind.» Mit einer gesunden Portion Biss gelinge es ihm aber, jeweils alles gemäss Plan zu realisieren.

Stadler Rail

Die Stadler Rail Group ist die grösste Schweizer Herstellerin von Schienenfahr­zeugen. Gruppenweit werden 6000 Mitarbeitende beschäftigt, davon rund 1800 am Standort Bussnang, wo sich auch der Hauptsitz der Gruppe, das grösste Werk und die grösste Engineering-Abteilung be­finden. Als nicht börsenkotiertes ­Familienunternehmen ­veröffentlicht die ­Firma keinen Geschäftsbericht. 2013 betrug der konsolidierte Umsatz jedoch 2,5 Milliarden ­Franken.

 

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