«Skills werden zu einem strategischen Steuerungsinstrument»
KI steigert die Produktivität in Schweizer Unternehmen massiv. Der Erfolg hängt davon ab, ob Effizienzgewinne konsequent in Skill-Strategien reinvestiert werden. Dazu Workday-Schweiz-Chef Frédéric Alran.

Es braucht gute Führung, um mit KI Effizienzsteigerungen zu erreichen. (Bild: zVg)
HR Today: Herr Alran, eine aktuelle Studie von Workday besagt, dass Führungskräfte der entscheidende Faktor für Effizienz gewinne durch die Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) sind. Weshalb?
Frédéric Alran: Führungskräfte tragen eine Schlüsselrolle bei der Sicherstellung, dass Effizienzgewinne durch KI konsequent in Qualifizierungsmassnahmen reinvestiert werden. Eine aktuelle Workday-Studie deckt jedoch eine erhebliche Diskrepanz auf: Während 63 Prozent der Führungskräfte angeben, KI-bedingte Effizienzgewinne in Qualifikation und Weiterbildung zu reinvestieren, bestätigen dies lediglich 36 Prozent der Mitarbeitenden. Diese Lücke zwischen beabsichtigter Investition und wahrgenommener Wirkung ist das eigentliche Problem beim Return on Investment. Genau hier liegt die Chance für Führungskräfte, ihre Organisationen entschlossen für das KI-Zeitalter neu auszurichten.
Die Schweiz ist hoch digitalisiert und wirtschaftlich stark. Wo sehen Sie konkrete Chancen und Risiken, wenn die KI-gesteuerte Produktivität nicht aktiv gesteuert wird?
Alran: Die Einführung von KI bietet ein erhebliches Potenzial zur Steigerung der Produktivität: 71 Prozent der Schweizer Nutzerinnen und Nutzer berichten bereits über eine höhere Produktivität dank künstlicher Intelligenz. Zusätzlich sparen 57 Prozent durch den Einsatz von KI wöchentlich zwischen einer und drei Stunden ein. Allerdings sind damit auch konkrete Herausforderungen verbunden: 54 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer geben an, dass sie ein bis zwei Stunden pro Woche für die Korrektur von KI-Ergebnissen aufwenden müssen. Darüber hinaus besteht eine strategische Lücke, da ein signifikanter Nachholbedarf bei der konsequenten Verknüpfung von Skill-Strategien mit den übergeordneten Geschäftszielen sowie der systematischen Steuerung von Skills erkennbar ist.
Welche Aspekte wirken derzeit als Hindernisse oder als Wegbereiter für eine faire und effektive KI-Transformation in der Schweiz?
Alran: Insbesondere im Bereich der Weiterbildung und der digitalen Kompetenzen nimmt die Schweiz eine Vorreiterrolle im strategischen Umgang mit dem Thema Skills ein, was ihre Stärke in diesem Bereich unterstreicht. Die grösste Herausforderung liegt jedoch in der konsequenten Verknüpfung der Skill-Strategien mit den übergeordneten Geschäftszielen des Unternehmens. Viele Organisationen tun sich noch schwer damit, Skills systematisch zu erfassen, sichtbar zu machen und organisationsweit zu steuern. Der bisherige Fokus lag oft auf der Entwicklung von Skills, während die ganzheitliche Nutzung der daraus gewonnenen Skill-Daten noch Optimierungspotenzial bietet.

Inwieweit verändert KI die Rolle von Personalabteilungen?
Alran: Die Studie von Workday beleuchtet einen kritischen Wendepunkt für Führungskräfte. Unternehmen müssen die Arbeit neu definieren und Produktivität in messbaren Geschäftserfolg sowie tiefere menschliche Verbundenheit umwandeln. KI fungiert als mächtige Wegbereiterin für die Personalabteilung, indem sie die Belastung durch repetitive, administrative Aufgaben verringert. Dieser durch KI ermöglichte Wandel schafft Freiraum für kreative, analytische und strategische Tätigkeiten und wertet die HR-Funktion somit deutlich auf.
Der zentrale Paradigmenwechsel besteht darin, den Fokus zu verschieben: Skills werden von einem reinen HR-Thema zu einem strategischen Steuerungsinstrument für das gesamte Unternehmen. Dies bedeutet, dass Kompetenzen konsequent in essenzielle Unternehmensprozesse integriert werden. So besteht zum Beispiel in der Workforce-Planung Potenzial, zukünftige Bedürfnisse und Skill-Lücken präzise zu erkennen.
Ein weiteres Anwendungsfeld ist die interne Mobilität. Skills erweitern die Möglichkeiten, Mitarbeitenden Entwicklungs- und Wachstumspfade innerhalb der Organisation aufzuzeigen. Darüber hinaus kommen Skills in den Bereichen Lernen und Recruiting zum Einsatz, um Schulungen und die Akquise von Talenten exakt auf die benötigten Kompetenzen abzustimmen. Zusammenfassend ermöglicht KI der Personalabteilung, sich vom Verwalter zum strategischen Gestalter der Unternehmenskompetenzen zu entwickeln.
Was raten Sie den Unternehmen konkret in Bezug auf Weiterqualifizierung und Umschulung?
Alran: Für nachhaltige Skill-Strategien empfehle ich einen klaren, schrittweisen Ansatz. Entscheidend dafür sind belastbare Skill-Daten als Grundlage sowie eine saubere Einbettung in bestehende Prozesse. Weiterhin ist die Akzeptanz bei Mitarbeitenden und Führungskräften ein Schlüsselfaktor. Bevor skaliert wird, sollte in Grundlagen wie Datenqualität, Governance und Kommunikation investiert werden. Der Mehrwert für Mitarbeitende muss durch konkrete Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten deutlich sichtbar gemacht werden.

Die Produktivität wird nach wie vor meist anhand traditioneller KPIs gemessen. Ist das in Anbetracht von KI noch zeitgemäss?
Alran: Die herkömmliche Definition von Produktivität muss überdacht werden, denn der kurzfristige Blick auf erledigte Aufgaben reicht nicht mehr aus. Ziel muss sein, Prozesse und Arbeitsweisen kontinuierlich passend für das KI-Zeitalter zu gestalten, Mitarbeitende zu befähigen und mitzunehmen.
Im grösseren Rahmen bedeutet Nachhaltigkeit, dass kompetenzbasierte Organisationen langfristig tragfähig sind. Das gilt sowohl technologisch durch kontinuierlich aktuali sierte Skill-Datenbanken als auch kulturell durch die Verankerung von Lernen und Mobilität im Alltag. So werden Skills relevant gehalten.
Welche Rahmenbedingungen in der Schweiz sollten geändert werden, um die Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Einsatz von KI zu stärken?
Alran: Verantwortungsvolle KI erfordert mehr als nur gute Absichten. Sie baut auf klaren Governance-Strukturen und verbindlichen Verantwortlichkeiten auf. Workday verfolgt seit Langem einen proaktiven, unternehmensweiten Ansatz im Bereich der verantwortungsvollen KI. Dieses tief verwurzelte Engagement umfasst die Produktentwicklung, Governance-Strukturen sowie operative Prozesse.
Grundlage ist die klare Überzeugung: Vertrauen muss von Anfang an integriert sein und lässt sich nicht nachträglich hinzufügen. Datenschutz, Sicherheit und Compliance sind von Grund auf in die Architektur von Produkten und Services integriert. Wir gehen dabei über die reine Einhaltung regulatorischer Vorgaben hinaus und stellen unserer Kundschaft aktiv die notwendigen Tools und Garantien bereit, damit sie ihre eigenen Compliance-Ziele erreichen kann. Unser globales Sicherheitsmodell zeichnet sich durch modernste Verschlüsselung, feingranulare Zugriffskontrollen, lückenlose Audit-Trails und strenge, unabhängige Sicherheitsüberprüfungen aus. Die Philosophie des «Privacy by Design» sorgt dafür, dass der Datenschutz tief in der Entwicklung und Architektur unserer Systeme verankert ist.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Welche Führungsprinzipien leiten Sie in einer Zeit, in der Technologie eine immer zentralere Rolle bei der Entscheidungsfindung spielt?
Alran: Mein leitendes Führungsprinzip ist, dass der Mensch klar im Mittelpunkt steht. KI spielt eine zentrale Rolle und übernimmt Routinetätigkeiten. Damit schafft Technologie bei Führungskräften Raum für strategische Gestaltung. Die finale Entscheidung bleibt dabei immer beim Menschen.